Ein Kommentar von Frank Heisel, CEO von RISK IDENT
Während der chinesische Mondkalender für 2026 das “Jahr der Ziege” ausruft und damit Attribute wie Gerechtigkeit und Gutmütigkeit verspricht, zeichnen Sicherheitsexperten ein gegenteiliges Bild. Die aktuelle Prognose von RISK IDENT ist eindeutig: 2026 wird das Jahr der Fraudster.
Eine gefährliche Mischung aus fortschrittlicher Künstlicher Intelligenz, fortschreitender Automatisierung und einer schwächelnden Weltwirtschaft schafft neue Bedrohungsszenarien.
K.I. und Automatisierung als Brandbeschleuniger
Künstliche Intelligenz hat die Experimentierphase längst verlassen. Wir sehen eine Ära, in der Webseiten binnen Minuten täuschend echt gefälscht werden und Phishing-Nachrichten keinerlei orthografische Schwächen mehr aufweisen. Die Bedrohung geht dabei weit über optimierte Texte hinaus: Autonome KI-Agenten agieren eigenständig in Dating-Netzwerken, Deep Fakes sind in Erpressungsszenarien etabliert und neue “Einkaufsagenten” schaffen bisher kaum analysierte Einfallstore.
Gleichzeitig werden Prozesse in Unternehmen massiv automatisiert, um Kosten zu senken. Dass diese reibungslosen Abläufe oft Sicherheitslücken bieten, wird häufig erst im Schadensfall bemerkt – wie zuletzt bei den Onboarding-Prozessen von Ladesäulenanbietern.
Echtzeit-Zahlungen spielen den Betrügern in die Hände
Ein kritischer Treiber für 2026 ist der Zahlungsverkehr. Seit Oktober sind Echtzeit-Zahlungen europaweit möglich. Was für Konsumenten bequem ist, spielt Betrügern in die Hände. Gelder können in Sekundenschnelle über Ländergrenzen hinweg verschoben werden. Recalls und Strafverfolgung sind dadurch extrem erschwert. Wirksame Sicherungsmaßnahmen hierfür werden voraussichtlich erst 2027 greifen.
Da Konten auf echte Namen durch die neue Empfängerprüfung (Verification of Payee) teurer werden, rückt der Mensch in den Fokus. Betrüger rekrutieren gezielt Privatpersonen – oft junge Erwachsene mit geringem Risikobewusstsein als “Money Mules” oder Finanzagenten. Auch die Beteiligung von Insidern nimmt zu und viele komplexe Angriffe lassen auf internes Wissen schließen.
Die organisierte Kriminalität professionalisiert sich weiter
Dass organisierte Kriminalität Betrug antreibt, ist keine Neuigkeit. Was jedoch aufhorchen lässt, sind die neuen Dimensionen und die technische Raffinesse der aktuellen Fälle.
Eindrückliche Belege für diese neue Qualität sind etwa der in diesem Jahr aufgedeckte Payment-Betrug mit Kleinstzahlungen, der einen Gesamtschaden von über 300 Millionen Euro verursachte. Oder die technisch hochkomplexen Relay-Betrugsfälle. Auch die verbreitete Nutzung von ertrogenen Ladekarten zeigt, wie schnell Lücken in neuen Systemen professionell ausgenutzt werden. Unterstützt wird dies durch “Crime-as-a-Service”-Strukturen, bei denen Betrüger Dienstleistungen und Support einfach einkaufen können.
Kooperation als Schlüssel zur Abwehr
Um diesem Trend wirksam zu begegnen, müssen Unternehmen Betrugsprävention bereits bei der Planung neuer Geschäftsmodelle als kritisches Element integrieren. Technische Einzelmaßnahmen reichen dabei jedoch längst nicht mehr aus. Die wirksamsten Gegenmaßnahmen liegen vielmehr in der übergeordneten Zusammenarbeit und dem konsequenten Informationsaustausch. Wenn Unternehmen Daten über betrügerisch genutzte Ressourcen wie Geräte oder Identitäten teilen, verknappen sie diese kritischen Mittel und treffen die Täter da, wo es am schmerzhaftesten ist – an ihrem Business-Case. Datenpools zum Austausch von betrügerisch genutzten Ressourcen sind im eCommerce überfällig, hier muss die Politik klare gesetzlich geregelte Möglichkeiten eröffnen.
Ebenso entscheidend ist der Austausch über Angriffsmuster innerhalb einer Industrie, um Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und kollektiv zu bekämpfen.
Deutschland im Spagat
Der AI-Act und das Schritthalten in der KI-Entwicklung, Datenschutz und der notwendige Austausch zur Prävention, Kosten sparen bei gesteigerten Identitätsanforderungen, Optimierte Payment-Orchestration, Wero als neu zu etablierendes Scheme und der Agentic Commerce – das sind nur einige der Spannungsfelder. Ein klares Zielbild für den Umgang mit Betrug fehlt,
Langfristig führt an einer nationalen Anti-Betrugsstrategie, wie sie in Ländern wie Großbritannien oder Australien bereits Erfolge zeigt, kein Weg vorbei.

