Neue Fassung der Norm IEC 62676-4

Februar 27, 2026

Am 9. Oktober 2025 hat die IEC die neue Ausgabe der Norm IEC 62676-4 veröffentlicht, die ursprünglich 2014 herausgegeben wurde und die Anwendungsrichtlinien für Videoüberwachungssysteme (VSS) für den Einsatz in Sicherheitsanwendungen beschreibt.

Die IEC 62676-4:2025 ersetzt die vorherige Version der IEC 62676-4:2014. In Europa veröffentlicht als EN 62676-4, früher bekannt als EN 50132-

Warum eine neue Fassung?

In den letzten Jahren haben sich die technischen Anforderungen und Sicherheitsbedürfnisse von Videoüberwachungssystemen rasant entwickelt und sind immer komplexer geworden. Vor der Ausgabe 2014 der Anwendungsrichtlinien stammten die ersten IEC-Normen aus der EN 50132-7 aus den frühen 2010er Jahren. Die Normaktualisierung 2025 wurde überarbeitet, um diesen Änderungen Rechnung zu tragen.

Einige der wichtigsten Neuerungen und Verbesserungen in der kommenden IEC 62676-4 werden im Folgenden vorgestellt.

Die Ausgabe von 2014 basierte auf der damaligen Technologie und ging davon aus, dass eine Person, die mit 100 % ihrer Körpergröße auf einem PAL-Monitor angezeigt wird, eindeutig identifiziert werden kann. Die Qualitätskategorie „Identifizieren” wurde mit einer definierten Pixeldichte von 250 Pixel pro Meter (entspricht 4 mm pro Pixel) implementiert. Dabei wurde sogar ein Kell-Faktor von etwa 0,7 berücksichtigt, der für digitales Video nicht mehr gilt. Die vorherige Norm definierte das Qualitätsniveau „Identifizieren” als „definierter Funktionszweck einer Kamera, um die Identifizierung einer Person zweifelsfrei zu ermöglichen”.

Bildunterschrift: Empfohlene Mindestgrößen für die PAL-Auflösung (576-50) mit 576 aktiven Zeilen (576i), abgeleitet aus den analogen Normen (IEC 62676-4:2014). Die Bildschirmhöhe der Person bei 100 % für die Gesichtserkennung war fragwürdig, insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen, mit verrauschten Videos und Kompressionsartefakten, die bei den analogen Normen nicht berücksichtigt wurden.

Laut führenden forensischen Bildspezialisten bei Strafverfolgungsbehörden ist eine Identifizierung einer Person „ohne begründeten Zweifel“ schlichtweg unmöglich. Selbst mit einer DNA-Probe – die natürlich viel aussagekräftiger ist als ein Video – ist eine 100 % zweifelsfreie Identifizierung nicht möglich.

Was ist neu in IEC 62676-4:2025?

1. Neue Pixeldichte

VSS hat enorme Fortschritte gemacht, insbesondere im Bereich hochauflösender Bilder.

Die Pixeldichte, die oft in Pixeln pro Meter (pix/m) gemessen wird, ist ein entscheidender Faktor für die Detailgenauigkeit eines Bildes. Je höher die Pixeldichte, desto präziser können feine Details erkannt werden – ein entscheidender Vorteil, insbesondere für die forensische Analyse. Alle Pixeldichten wurden komplett neu definiert, was zu neuen Testcharts geführt hat, um nachzuweisen, dass die Qualität von Videoaufnahmen (live und aufgezeichnet) den definierten Betriebsanforderungen entspricht. Insgesamt wurden 7 neue Pixeldichten (Qualitätskategorien) gemäß der folgenden Tabelle definiert:

Die höchste Kategorie „Scrutinise” mit einer Pixeldichte von 1500 pix/m leitet sich aus der visuellen Qualität internationaler Standards für Passfotos von Personen ab. Das Kriterium dieser Kategorie ist die Identifizierung einer Person mit einer „Wahrscheinlichkeit mit Sicherheit“. Außerdem können Fahrzeugkennzeichen klar gelesen werden (vorausgesetzt, die Bewegungsunschärfe ist akzeptabel), und Fahrzeuge selbst können anhand des Modells und des Baujahres erkannt werden.

Die Kategorie „Validate“ mit einer Pixeldichte von 500 pix/m hat sich für die meisten automatischen Gesichtserkennungsprogramme als ausreichend erwiesen, um eine Person zu erkennen.

Bekannte Personen können validiert, Handlungen zurückverfolgt und Fahrzeugkennzeichen rekonstruiert werden (vorausgesetzt, die Bewegungsunschärfe ist akzeptabel).

Die Kategorie „Übersicht“ mit einer Pixeldichte von 20 Pix/m hat sich für viele Videoanalysen als ausreichend erwiesen, um bei sich bewegenden Objekten in der Ferne einen Alarm auszulösen (z. B. bei der Perimetererkennung oder Grenzkontrollen usw.).

Die folgende Abbildung zeigt den prozentualen Bildschirmanteil, den ein durchschnittlicher Erwachsener (1,7 m Größe) bei allen neu definierten Pixeldichten für HD- (1080p) und UHD- (4K) Anzeigeformate einnimmt:

2. Sicherheitskonzept

Darüber hinaus verlangt die neue Norm ein Sicherheitskonzept als Grundlage für die Planung eines VSS. Das Sicherheitskonzept soll das VSS als Teil einer dreigliedrigen Sicherheitsstrategie umfassen, die aus folgenden Elementen besteht

  • baulichen/mechanischen Maßnahmen
  • elektronischen Maßnahmen
  • organisatorischen Maßnahmen

Die Struktur des Sicherheitskonzepts sollte der Abfolge von Gefahrenbewertung und Risikobewertung folgen, woraus sich dann die Definition von Risikobehandlungen ergibt. Dies sollte dazu beitragen, die Sicherheitsstufen von VSS besser zu definieren und Endnutzer/Betreiber bei der Planung und Installation sicherer Videoüberwachungssysteme zu unterstützen.

3. Betrieb

Der Betrieb eines VSS wird neu definiert und auf ein mit anderen Sicherheitssystemen, wie z. B. Brand-/Alarm-/Zugangssystemen, vergleichbares Niveau gebracht, wodurch sichergestellt wird, dass die Betriebsverfahren aus standardisierter Sicht bei allen installierten Sicherheitssystemen relativ ähnlich sind. Der neue Standard definiert drei neue Qualifikationsstufen für den Betrieb eines VSS:

  • Unterwiesene Person
  • Kompetente Person VSS
  • Kompetenter Systemingenieur VSS

Alle drei Stufen sind klar definiert und den verschiedenen Phasen der Planung, Installation, Inbetriebnahme und des Betriebs eines VSS zugeordnet.

Der Betrieb eines VSS ist unterteilt in Wartung (vorbeugend/korrigierend/Verbesserungen) und visuelle Kontrollen vor Ort und enthält auch umfangreiche Checklisten für Sichtprüfungen, Funktionskontrollen und Servicekontrollen.

4. Sicherheitsstufen und Anforderungen an kritische Infrastrukturen

Diese Norm enthält in Anhang D (informativ) Leitlinien/Empfehlungen zur Anwendung von Sicherheitsstufen. Unter anderem enthält sie leicht verständliche Tabellen, um Sicherheitsstufen entweder nach Größe (Anzahl der Kameras) oder nach Anwendung (Liste verschiedener Anwendungen, einschließlich einer umfangreichen Liste für kritische Infrastrukturen) zu empfehlen. Dies ist bereits für die nächste Überarbeitung dieser Norm geplant.

Dies sind die wichtigsten Änderungen in der neu veröffentlichten Norm. Es gibt viele weitere kleinere Änderungen, um die Norm klarer und vollständiger zu gestalten. Die neue IEC 62676-4 wird ein wichtiger Schritt nach vorne für die gesamte VSS-Branche sein. Sie bietet eine umfassende Grundlage für die Planung, Installation und den Betrieb von VSS. Die Anpassung der Pixeldichten und die Umsetzung von Sicherheitskonzepten werden dazu beitragen, dass die VSS auch unter anspruchsvollen Bedingungen zuverlässige und forensisch wichtige Detailinformationen liefern. Ist es jetzt ein perfekter Standard? Vielleicht nicht, da sich alle Standards ständig weiterentwickeln. Und es gibt sicherlich noch weitere Bereiche, die bei den kommenden Überarbeitungen berücksichtigt werden können. Die Fertigstellung dieser Version hat mehr als vier Jahre gedauert, und sie ist nun international anerkannt – insbesondere von allen Ländern mit einer hohen VSS-Kameradichte.

Das Feedback von Interessengruppen aus der Industrie (wie Verbänden, Strafverfolgungsbehörden, Marktteilnehmern und vielen anderen) ist durchweg positiv, und es ist zu erwarten, dass die Qualität der installierten Videoüberwachungssysteme zum Nutzen der Endnutzer und Betreiber weiter verbessert wird.

9. Oktober 2025 Michael Meissner Projektleiter der IEC 62676-4:2025 (TC79/WG12) Leiter der VSS-Arbeitsgruppe bei BHE.de (Bundesverband der Sicherheitswirtschaft) CEO der AEviso-Group in Taiwan (www.aeviso.com.tw)

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