Der deutsche IT-Arbeitsmarkt bleibt auch im Jahr 2025 strukturell angespannt. Zwar ist die Zahl der unbesetzten IT-Stellen gegenüber dem Rekordjahr 2023 zurückgegangen, von Entlastung kann jedoch keine Rede sein. Nach aktuellen Zahlen der Bitkom-Studie 2025 fehlen in Deutschland rund 109.000 IT-Fachkräfte. Damit liegt die Fachkräftelücke weiterhin auf einem historisch hohen Niveau – es handelt sich um den viertgrößten Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2009.
Diese Entwicklung verdeutlicht ein zentrales Spannungsfeld: Kurzfristige konjunkturelle Effekte führen zwar zu Zurückhaltung bei Neueinstellungen und vereinzelt sogar zu Stellenabbau, der strukturelle Bedarf an IT-Kompetenzen bleibt jedoch ungebrochen. Digitalisierung, Automatisierung und der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz treiben den Personalbedarf weiter an – in Wirtschaft, Verwaltung und öffentlichem Sektor gleichermaßen.
Wirtschaftliche Unsicherheit verändert Dynamiken – nicht den Bedarf
Die aktuelle wirtschaftliche Lage hinterlässt sichtbare Spuren auf dem IT-Arbeitsmarkt. 35 Prozent der Unternehmen erwarten einen Stellenabbau im IT-Bereich infolge der konjunkturellen Entwicklung, sechs Prozent haben in den vergangenen zwölf Monaten bereits IT-Fachkräfte entlassen. Gleichzeitig rechnen 52 Prozent der Unternehmen mit besseren Rekrutierungschancen, da IT-Personal aus anderen Unternehmen freigesetzt wird.
Diese gegenläufigen Effekte führen jedoch nicht zu einer nachhaltigen Entspannung. Vielmehr verschieben sich Kräfteverhältnisse kurzfristig, ohne den langfristigen Engpass zu beseitigen. Entsprechend bewerten 85 Prozent der Unternehmen das aktuelle Angebot an IT-Fachkräften als unzureichend, und 79 Prozent erwarten eine weitere Verschärfung des Mangels. Nur vier Prozent gehen von einer Entspannung aus.
Lange Vakanzzeiten als Produktivitätsrisiko
Besonders problematisch bleiben die anhaltend langen Besetzungszeiten. Im Durchschnitt benötigen Unternehmen 7,7 Monate, um eine IT-Stelle neu zu besetzen – unverändert gegenüber 2023. Knapp 60 Prozent der Unternehmen benötigen mehr als sechs Monate, ein erheblicher Teil sogar zwischen sieben und zwölf Monaten.
Diese langen Vakanzzeiten wirken sich unmittelbar auf Innovationsfähigkeit, Projektlaufzeiten und Wettbewerbsfähigkeit aus. Sie sind Ausdruck eines Marktes, in dem Angebot und Nachfrage nicht mehr zusammenfinden – trotz steigender Absolventenzahlen und wachsender Ausbildungsaktivitäten.
Qualifikationslücken, Gehaltsfragen und fehlende Flexibilität
Die Ursachen für unbesetzte IT-Stellen sind vielschichtig. Am häufigsten nennen Unternehmen finanzielle Diskrepanzen:
- 63 Prozent sehen eine mangelnde Übereinstimmung zwischen Gehaltsvorstellungen und Qualifikation,
- 56 Prozent verweisen auf Konflikte mit bestehenden internen Gehaltsstrukturen.
Daneben spielen Qualifikationsdefizite eine zentrale Rolle. Besonders gravierend ist der Mangel an Spezialwissen zu neuen Technologien: 22 Prozent der Unternehmen berichten, dass Bewerberinnen und Bewerber die sehr spezifischen Anforderungen moderner IT-Rollen nicht erfüllen. Hinzu kommen Defizite bei Soft Skills, Sprachkenntnissen und fachlicher Tiefe.
Auch organisatorische Faktoren verschärfen den Engpass. Fehlende Möglichkeiten für mobiles Arbeiten, unzureichende Arbeitszeitflexibilität oder geringe Umzugsbereitschaft wirken zunehmend als Rekrutierungshemmnisse – auf beiden Seiten des Arbeitsmarktes.
Quereinstieg wird zum Normalfall
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die wachsende Bedeutung alternativer Qualifikationswege. Bereits 27 Prozent der neu eingestellten IT-Fachkräfte sind Quereinsteigerinnen oder Quereinsteiger – genauso viele wie Hochschulabsolventinnen und -absolventen mit IT-Bezug. Häufig bringen sie berufspraktische IT-Kenntnisse, nicht-IT-Berufsausbildungen, Bootcamp-Erfahrungen oder autodidaktisch erworbenes Wissen mit.
Der IT-Arbeitsmarkt entfernt sich damit zunehmend von klassischen Bildungsbiografien. Für Unternehmen eröffnet dies Chancen, erfordert jedoch gleichzeitig systematische Weiterbildungs- und Qualifizierungsstrategien, um fehlende Tiefe oder Spezialisierung gezielt auszugleichen.
Nachwuchs wächst – aber nicht breit genug
Die Zahl der Informatikstudierenden erreicht neue Höchststände. Im Jahr 2024 nahmen über 81.000 Personen ein Informatikstudium auf, die Zahl der Absolventinnen und Absolventen stieg auf rund 39.000. Auch die IT-Ausbildung verzeichnet Zuwächse: 32.400 Auszubildende im Jahr 2024, rund 5.500 mehr als 2020.
Trotz dieser positiven Entwicklung bleibt ein strukturelles Problem bestehen: IT bleibt stark männerdominiert. Frauen stellen lediglich 27 Prozent der Studierenden, 24 Prozent der Absolventinnen und Absolventen und nur rund neun Prozent der IT-Auszubildenden. Der Fachkräftemangel wird damit unnötig verschärft, weil vorhandene Potenziale nicht ausreichend erschlossen werden.
Künstliche Intelligenz: Jobkiller oder Jobmotor?
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert den IT-Arbeitsmarkt tiefgreifend – jedoch nicht eindimensional. 27 Prozent der Unternehmen erwarten einen Stellenabbau, während 42 Prozent von einem zusätzlichen Bedarf an IT-Fachkräften durch KI ausgehen. Weitere 16 Prozent rechnen damit, dass KI vor allem solche Stellen ersetzt, die ohnehin nicht besetzt werden können.
Einigkeit besteht darin, dass neue Berufsbilder entstehen (42 Prozent) und Produktivität wie Arbeitsqualität steigen. Gleichzeitig erwarten 24 Prozent der Unternehmen, dass IT-Fachkräfte ohne KI-Kompetenzen künftig kaum noch nachgefragt werden. Weiterbildung wird damit zur strategischen Notwendigkeit – nicht zur Kür.
Politischer Handlungsdruck wächst
Angesichts der strukturellen Engpässe fordern Unternehmen klare politische Weichenstellungen. Besonders hohe Zustimmung erhalten:
- die Einführung einer wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit (74 Prozent),
- eine wirksamere Fachkräfteeinwanderung (69 Prozent),
- sowie die Aktiv-Rente, um ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben zu halten (67 Prozent).
Auch die geplante Work-and-Stay-Agentur wird als richtiger Schritt gesehen – allerdings nur dann, wenn sie mehr ist als ein digitales Schaufenster. Entscheidend sind standardisierte, vollständig digitalisierte Prozesse und verbindliche Zuständigkeiten über alle beteiligten Behörden hinweg.
Fazit: Fachkräftesicherung als Standortfrage
Der IT-Arbeitsmarkt 2025 ist geprägt von Gleichzeitigkeit: Rückläufige Stellenzahlen treffen auf wachsende Kompetenzanforderungen, wirtschaftliche Zurückhaltung auf digitalen Transformationsdruck. Unternehmen reagieren mit Weiterbildung, Quereinstieg und punktueller Zielgruppenförderung – doch 29 Prozent ergreifen derzeit keine Maßnahmen.
Die Bitkom-Studie zeigt deutlich: IT-Fachkräftesicherung ist keine kurzfristige Konjunkturfrage, sondern eine zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und digitale Souveränität Deutschlands. Ohne konsequente Qualifizierung, gezielte Einwanderung, mehr Diversität und verlässliche politische Rahmenbedingungen droht der Fachkräftemangel zur dauerhaften Wachstumsbremse zu werden.
Download der Bitkom-Studie: https://www.bitkom.org/Bitkom/Publikationen/Der-Arbeitsmarkt-fuer-IT-Fachkraefte

