Die deutschen Ausfuhren sind im August erneut gesunken. Für die DIHK ist das weit mehr als eine monatliche Schwankung: Handelskonflikte, eine schwache Industrie und strukturelle Standortprobleme setzen einem Geschäftsmodell zu, das Deutschland über Jahrzehnte getragen hat. Die jüngsten Zahlen zeigen zugleich, wie schwer es wird, die Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu verringern.
Deutschlands Exportwirtschaft findet nicht aus der Defensive. Im August gingen die Ausfuhren gegenüber dem Vormonat kalender- und saisonbereinigt um 0,8 Prozent zurück. Gleichzeitig stiegen die Importe um 0,9 Prozent. Zwar lagen die Exporte noch 6,2 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Doch für die Deutsche Industrie- und Handelskammer ist das kein Beleg für eine nachhaltige Trendwende.
DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier spricht von einer Exportentwicklung „ohne eigene Dynamik“. Handelspolitische Unsicherheiten und strukturelle Nachteile des Standorts Deutschland verhinderten bislang eine belastbare Erholung. Der jüngste Rückgang zeige, dass die vorherige Belebung nicht ausreiche, solange sie von einzelnen Märkten oder Sondereffekten getragen werde.
Die Diagnose wiegt schwer. Denn hinter den monatlichen Ausschlägen im Außenhandel steht eine grundsätzliche Frage: Kann das deutsche Wirtschaftsmodell mit seiner traditionell starken industriellen und exportorientierten Basis unter veränderten geopolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen noch dieselbe Dynamik entwickeln wie in der Vergangenheit?
USA werden vom Wachstumsmotor zum Unsicherheitsfaktor
Besonders deutlich wird der Wandel im Geschäft mit den Vereinigten Staaten. Der wichtigste Exportmarkt für deutsche Unternehmen ist nach Einschätzung der DIHK zugleich zu einem der größten handelspolitischen Risikofaktoren geworden.
In der DIHK-Sonderauswertung „Going International 2026“ nennen 67 Prozent der Unternehmen mit US-Geschäft die handelspolitische Unsicherheit als Belastung. 54 Prozent verweisen auf steigende Kosten und Bürokratie im Zollverfahren, 48 Prozent auf Finanzmarkt- und Wechselkursrisiken. Hinzu kommen Zölle und Exportkontrollen, die grenzüberschreitende Lieferketten zunehmend komplex machen.
Der Wandel ist für deutsche Unternehmen besonders problematisch, weil die USA über Jahrzehnte zu den verlässlichsten Absatzmärkten der exportorientierten Industrie gehörten. Maschinenbau, Automobilindustrie, Chemie, Elektrotechnik und zahlreiche spezialisierte Mittelständler haben ihre Geschäftsmodelle auf offene Märkte und berechenbare Handelsbedingungen ausgerichtet.
Die DIHK beobachtet deshalb eine paradoxe Entwicklung: Das Interesse am US-Markt bleibt groß, gleichzeitig steigen die Kosten des Marktzugangs. Im Außenwirtschaftsreport 2026 waren Fragen zur US-Handelspolitik für fast zwei Drittel der Industrie- und Handelskammern ein Beratungsschwerpunkt. Die Komplexität internationaler Geschäfte nimmt damit gerade in jenen Märkten zu, auf die viele deutsche Unternehmen besonders angewiesen sind.
Auch China wird schwieriger
Entlastung kommt bislang auch aus China nicht. Das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Peking wird zunehmend von Marktzugang, staatlichen Subventionen, Exportbeschränkungen und Wettbewerb um strategische Technologien geprägt.
Für die DIHK ist eine handelspolitische Verständigung zwischen EU und China deshalb von zentraler Bedeutung. Sie fordert den Abbau von Wettbewerbsverzerrungen und Zugangshürden für europäische Waren und Dienstleistungen sowie bessere Bedingungen bei öffentlichen Ausschreibungen in China. Eine verhandelte Lösung sei einer weiteren Eskalation vorzuziehen.
Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um den Zugang zum chinesischen Absatzmarkt. Deutsche Unternehmen konkurrieren international zunehmend mit chinesischen Anbietern, die in klassischen deutschen Exportbranchen Marktanteile gewinnen. Die DIHK hatte bereits im September auf eine „immense Zunahme chinesischer Konkurrenz“ hingewiesen, die neben einer schwachen Weltkonjunktur auf deutschen Exporteuren laste.
Das verändert die Ausgangslage fundamental. China ist nicht mehr nur Lieferant, Produktionsstandort und Absatzmarkt, sondern zunehmend technologischer und industrieller Wettbewerber.
Das Problem beginnt vor der eigenen Haustür
Die DIHK warnt allerdings davor, die Schwäche des Außenhandels allein mit Washington oder Peking zu erklären. Ein wesentlicher Teil des Problems liegt aus Sicht der Kammerorganisation in Deutschland selbst.
Hohe Energie- und Arbeitskosten, Unternehmenssteuern, Bürokratie und langwierige Verfahren belasteten die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die Forderung nach besseren Standortbedingungen zieht sich entsprechend durch die jüngsten Stellungnahmen der DIHK.
Auch die aktuellen Produktionszahlen liefern aus ihrer Sicht wenig Anlass zur Entwarnung. Zwar stieg die Produktion im August gegenüber dem Vormonat. Im Jahresvergleich blieb die Industrieproduktion jedoch leicht im Minus. In den energieintensiven Industriezweigen lag sie nach Angaben der DIHK so niedrig wie seit Ende 2023 nicht mehr. Von einem breiten industriellen Aufschwung könne deshalb keine Rede sein.
Für eine Volkswirtschaft, deren Exportstärke eng mit ihrer industriellen Basis verbunden ist, ist das entscheidend. Eine schwächere Produktion begrenzt mittelfristig auch die Fähigkeit, auf internationalen Märkten Marktanteile zu verteidigen.
Wachstum – aber auf welchem Fundament?
Parallel zu den Exportzahlen hat die Bundesregierung ihre Herbstprojektion vorgelegt. Sie erwartet für 2026 ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent und für 2027 von 1,1 Prozent.
Die DIHK bewertet diese Entwicklung deutlich zurückhaltender. Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov verweist darauf, dass ein erheblicher Teil der derzeitigen Impulse aus dem EU-Binnenmarkt sowie aus staatlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung stammt. Private Investitionen und die Binnennachfrage entwickelten dagegen weiterhin wenig Dynamik. In der jüngsten DIHK-Konjunkturumfrage überwiegen nach Angaben des Verbands die Unternehmen, die ihre Investitionen reduzieren, gegenüber jenen, die sie ausweiten.
Das ist mehr als ein konjunkturelles Detail. Investitionen entscheiden darüber, welche Produktionskapazitäten, Technologien und Produkte in einigen Jahren zur Verfügung stehen. Wenn Unternehmen überwiegend Ersatzinvestitionen tätigen, statt neue Kapazitäten aufzubauen, verliert ein Standort schleichend wirtschaftliche Substanz.
Bereits Ende September hatte die DIHK darauf hingewiesen, dass private Investitionen noch rund zehn Prozent unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie lägen.
Damit entsteht ein Widerspruch: Der Staat versucht, die Konjunktur mit hohen Ausgaben zu stabilisieren, während Unternehmen bei Investitionen zurückhaltend bleiben. Kurzfristig kann das Wachstum erzeugen. Für einen nachhaltigen Aufschwung muss jedoch privates Kapital folgen.
Europa wird für Deutschlands Exportwirtschaft wichtiger
Gleichzeitig verändert sich die geografische Struktur des deutschen Außenhandels. Wenn Geschäfte mit den USA und China schwieriger werden, gewinnt der europäische Binnenmarkt zusätzlich an Bedeutung.
Die DIHK fordert deshalb nicht nur bessere Bedingungen in Deutschland, sondern auch eine aktivere europäische Handelspolitik. Neue Handels- und Rohstoffpartnerschaften sollen Absatzmärkte verbreitern und Abhängigkeiten reduzieren. Im China-Dossier der Organisation heißt es ausdrücklich, wirtschaftliche Sicherheit entstehe nicht durch Abschottung, sondern unter anderem durch eine größere Zahl von Handlungsoptionen und diversifizierte Lieferketten.
Das ist ein bemerkenswerter Punkt in einer Zeit, in der Industriepolitik international zunehmend auf Protektionismus und strategische Abschottung setzt. Für eine Exportnation wie Deutschland wäre ein Rückzug in wirtschaftliche Blöcke besonders kostspielig.
Der Zugang zu neuen Märkten wird deshalb zunehmend Teil der Standortpolitik. Schon in früheren Stellungnahmen hatte die DIHK auf zusätzliche Handelsabkommen unter anderem mit Indien, Indonesien und Ländern Afrikas gedrängt.
Die Exportkrise ist auch eine Standortkrise
Der Rückgang der Ausfuhren im August allein wäre noch kein Grund für grundsätzliche Zweifel am deutschen Exportmodell. Monatsdaten schwanken, Großaufträge können Statistiken erheblich beeinflussen und die geopolitische Lage bleibt außergewöhnlich volatil.
In Kombination mit schwacher Industrieproduktion, zurückhaltenden privaten Investitionen und zunehmenden Handelsbarrieren ergibt sich jedoch ein anderes Bild.
Deutschlands Unternehmen treffen auf schwierigere Weltmärkte – und tun dies aus einer Position, die durch hohe Kosten und eine nachlassende Investitionsdynamik zusätzlich belastet wird.
Die wirtschaftspolitische Debatte über Exporte ist deshalb längst keine reine Außenhandelsdebatte mehr. Neue Freihandelsabkommen können Märkte öffnen und eine Entspannung mit China oder verlässlichere Regeln im transatlantischen Handel könnten Unternehmen erheblich helfen. Sie ersetzen aber keine Reformen im Inland.
Treier fasst die Priorität der DIHK entsprechend knapp zusammen: „Die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit muss zur wirtschaftspolitischen Priorität werden.“
Die kommenden Monate dürften zeigen, ob die derzeitige Schwäche tatsächlich nur eine Phase zwischen geopolitischen Verwerfungen ist – oder ob sich das deutsche Exportmodell dauerhaft auf niedrigere Wachstumsraten einstellen muss.
Fest steht bereits: Auf die alte Kombination aus günstiger Energie, offenen Weltmärkten und stetig wachsender Nachfrage aus China und den USA kann sich die deutsche Wirtschaft nicht mehr verlassen. Der nächste Exportaufschwung wird deshalb weniger davon abhängen, ob die Weltwirtschaft Deutschland Rückenwind gibt, als davon, wie wettbewerbsfähig die Unternehmen unter den neuen Bedingungen selbst noch sind.



