Kommentar | Sicherheit im Alpenraum: Bayern verstärkt den Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität und setzt auf eine engere Zusammenarbeit mit Österreich und Südtirol.
Europas Verkehrsadern sind längst auch die Logistikachsen der Organisierten Kriminalität. Über die Alpenpässe, Autobahnen und Schienenverbindungen zwischen Nord- und Südeuropa bewegen sich nicht nur Waren und Reisende, sondern auch Drogen und die Transporte internationaler Verbrechernetzwerke. Diese nutzen die wirtschaftliche Freizügigkeit, passen ihre Routen flexibel an und operieren über nationale Zuständigkeiten hinweg. Wer die strategisch wichtigen Verkehrsverbindungen nicht wirksam sichert, verschafft kriminellen Organisationen einen gefährlichen Vorsprung.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat bei einer Veranstaltung der Bayern-Südtirol-Gesellschaft zur Sicherheit im Alpenraum deshalb einen bemerkenswert klaren Satz formuliert: „Offene Grenzen dürfen keine offenen Flanken für die Kriminalität sein!“ Seine Forderung nach einer intensiveren Zusammenarbeit mit Österreich und Südtirol ist mehr als ein regionalpolitisches Signal. Sie berührt eine grundlegende Frage europäischer Sicherheitspolitik: Wie lässt sich grenzüberschreitende Kriminalität wirksam bekämpfen, wenn Täter international agieren, die Sicherheitsbehörden aber unterschiedlichen nationalen Strukturen unterliegen?
Die Zahlen zeigen den Handlungsdruck
Die bayerische Kriminalstatistik liefert deutliche Hinweise auf die Dimension des Problems. 2025 registrierte die Bayerische Polizei 4.440 Kokaindelikte, 11,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei neuen psychoaktiven Stoffen stieg die Zahl der Delikte sogar um 58,9 Prozent auf 1.308. Die Bayerische Grenzpolizei stellte an den Land- und Luftgrenzen 2.091 Rauschgiftfälle fest und beschlagnahmte allein an den Landgrenzen mehr als 190 Kilogramm Rauschgift.
Diese Zahlen dokumentieren polizeiliche Feststellungen, nicht das gesamte Ausmaß des illegalen Handels. Sie verdeutlichen jedoch den erheblichen Ermittlungs- und Kontrolldruck.
Denn hinter dem internationalen Rauschgifthandel stehen hochprofitable kriminelle Strukturen. Ihre Gewinne können Geldwäsche, Waffenhandel, Korruption und Gewalt finanzieren und den Einfluss organisierter Netzwerke auf die legale Wirtschaft verstärken. Europol zählt den Drogenhandel zu den zentralen Bedrohungen für die Innere Sicherheit Europas.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht der einzelne Drogentransport, sondern ein kriminelles Geschäftsmodell, das über Ländergrenzen hinweg funktioniert.
Bayern setzt auf gemeinsame Ermittlungen und schnellere Informationen
Mit seiner Grenzpolizei verfügt Bayern über spezialisierte Strukturen zur Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität. Herrmann will die Zusammenarbeit mit Österreich und Südtirol nun weiter intensivieren.
Im Mittelpunkt stehen ein schnellerer Informationsaustausch über verdächtige Personen, Fahrzeuge, Schmuggelrouten, neue Substanzen und Finanzströme sowie abgestimmte Kontrollen auf Straße und Schiene. Gemeinsame Streifen, Verbindungsbeamte und Ermittlungsgruppen sollen die Zusammenarbeit ebenso stärken wie die Kooperation mit Europol und Eurojust.
Der Ansatz ist nachvollziehbar. Entscheidend ist nicht allein, wie häufig kontrolliert wird, sondern wie gezielt Erkenntnisse genutzt und Maßnahmen koordiniert werden. Verdächtige Bewegungen müssen möglichst früh erkannt werden, damit die zuständigen Behörden rechtzeitig reagieren können.
Dabei bleibt eine Herausforderung bestehen: Sicherheitsmaßnahmen müssen wirksam sein, ohne den legalen Personen- und Warenverkehr unverhältnismäßig zu beeinträchtigen. Dafür braucht es risikoorientierte Kontrollen und belastbare gemeinsame Lagebilder.
Die von Bayern angestrebte engere Verzahnung mit den Nachbarregionen setzt an dieser Schnittstelle an. Ihr Erfolg wird sich an der Qualität des Informationsaustauschs und den Ergebnissen gemeinsamer Einsätze messen lassen.
Wer nur Kuriere festnimmt, lässt das Geschäftsmodell bestehen
Besonders wichtig ist Herrmanns Forderung, sich nicht mit der Festnahme einzelner Kuriere oder Straßenhändler zufriedenzugeben. Im Mittelpunkt müssen die Hintermänner, die Logistik und die Finanzstrukturen stehen.
Internationale Drogennetzwerke können Verluste einzelner Transporte häufig einkalkulieren. Werden dagegen ihre Lieferketten unterbrochen, Finanzströme aufgedeckt und kriminelle Gewinne abgeschöpft, trifft dies unmittelbar ihre wirtschaftlichen Grundlagen.
Deshalb müssen polizeiliche Kontrollen und Finanzermittlungen enger ineinandergreifen. Eine Sicherstellung ist ein sichtbarer Erfolg. Nachhaltige Wirkung entsteht aber erst, wenn Ermittlungen die Verantwortlichen hinter den Geschäften erreichen.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie viele Drogen beschlagnahmt werden, sondern wie viele kriminelle Strukturen dadurch zerschlagen werden können.
Hybride Bedrohungen erweitern den Sicherheitsauftrag
Herrmann verwies bei der Veranstaltung auch auf die wachsende Bedeutung hybrider Bedrohungen. Angriffe auf Kritische Infrastrukturen, den Luftverkehr sowie zivile und militärische Einrichtungen stellen die Sicherheitsbehörden vor zusätzliche Herausforderungen.
Damit geht es nicht mehr ausschließlich um die Verhinderung krimineller Transporte. Auch die Funktionsfähigkeit wichtiger Einrichtungen und Versorgungssysteme muss geschützt werden. Technische Störungen, gezielte Angriffe oder der missbräuchliche Einsatz unbemannter Fluggeräte können erhebliche Auswirkungen haben.
Bayern will deshalb seine technischen Fähigkeiten und personellen Ressourcen weiter ausbauen. Eine wichtige Rolle übernimmt das Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum der Bayerischen Polizei in Erding. Es verbindet moderne Technik mit polizeilicher Einsatzpraxis und arbeitet eng mit dem Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum in Berlin, der Bundeswehr und wissenschaftlichen Einrichtungen zusammen.
Diese Vernetzung ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Gefahrenabwehr. Allerdings entscheiden nicht technische Fähigkeiten allein über die Wirksamkeit des Schutzes. Ebenso wichtig sind ausgebildetes Personal, klare Zuständigkeiten und abgestimmte Einsatzverfahren.
Entscheidend ist, was aus den Ankündigungen wird
Bayerns Maßnahmen und Kooperationsvorhaben verdeutlichen, dass die Bekämpfung grenzüberschreitender Kriminalität zunehmend unterschiedliche Sicherheitsdisziplinen miteinander verbinden muss: Grenzpolizei, internationale Ermittlungsarbeit, Finanzabschöpfung und technische Gefahrenabwehr.
Die angekündigte engere Zusammenarbeit mit Österreich und Südtirol ist dabei ein wichtiger Ansatz. Sie kann dazu beitragen, Informationen schneller verfügbar zu machen und gemeinsame Maßnahmen wirksamer zu koordinieren.
Doch politische Ankündigungen sind noch keine Sicherheitsgewinne. Entscheidend ist, ob sich die Zusammenarbeit im polizeilichen Alltag bewährt, Ermittlungen die Hintermänner erreichen und neue technische Bedrohungen rechtzeitig erkannt werden.
Die eigentliche Bewährungsprobe findet nicht auf sicherheitspolitischen Tagungen statt, sondern im täglichen Einsatz der Sicherheitsbehörden.
Der Alpenraum steht exemplarisch für eine Herausforderung, die ganz Europa betrifft. Internationale Kriminalität nutzt wirtschaftliche Verflechtungen und technische Möglichkeiten, während staatliche Sicherheitsstrukturen ihre Zusammenarbeit kontinuierlich weiterentwickeln müssen.
Bayern setzt hier auf eine stärkere Vernetzung der Sicherheitsbehörden. Das ist ein wichtiger Schritt. Doch der Maßstab bleibt anspruchsvoll: Die Polizei muss schneller Informationen austauschen, entschlossener gegen kriminelle Gewinne vorgehen und neue Bedrohungen frühzeitig erkennen können.
Denn am Ende zählt nicht, wie viele Sicherheitskonzepte beschlossen werden. Entscheidend ist, ob sie den Tätern tatsächlich ihren Vorsprung nehmen.

