Patrick Schnieder besucht LivEye-Drohnenkompetenzzentrum – Betreiber Kritischer Infrastrukturen stehen vor wachsenden Herausforderungen im Luftraum
Drohnen sind längst mehr als Kameraplattformen für Freizeitpiloten. Über Kraftwerken, Industrieanlagen, Logistikstandorten oder anderen sensiblen Einrichtungen können unbemannte Fluggeräte schnell zum Sicherheitsproblem werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb zunehmend nicht mehr, ob Betreiber mit unerlaubten Drohnenflügen konfrontiert werden, sondern wie schnell sie diese erkennen und wie professionell sie darauf reagieren können.
Genau darum ging es beim Besuch von Bundesverkehrsminister a.D. Patrick Schnieder im Drohnenkompetenzzentrum der LivEye GmbH in der Target World Landscheid. Gemeinsam mit LivEye-Geschäftsführer Carsten Simons diskutierte er über aktuelle Bedrohungslagen, Drohnendetektion, den Schutz Kritischer Infrastrukturen und die Frage, wie sich Unternehmen und Behörden künftig besser auf Vorfälle im unteren Luftraum vorbereiten können.
Dabei wird schnell deutlich: Die Technik entwickelt sich rasant – doch Detektion allein löst das Sicherheitsproblem noch nicht.
Vom einzelnen Vorfall zum belastbaren Lagebild
Aus Sicht Schnieders hat sich die Situation in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Die Zahl relevanter Drohnenereignisse nehme zu. Gleichzeitig müsse davon ausgegangen werden, dass ein Teil der Vorfälle überhaupt nicht erkannt oder erfasst werde.
Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen moderner Drohnensicherheit.
Ein Betreiber kann nur auf das reagieren, was er zunächst wahrnimmt. Für Flughäfen, Energieanlagen, Industrieareale, Logistikzentren oder andere sensible Einrichtungen bedeutet das: Der Luftraum über dem eigenen Gelände wird zunehmend zu einem weiteren Sicherheitsbereich, der systematisch überwacht werden muss.
„Wir erleben immer mehr Vorfälle – von vielen erfahren wir vermutlich gar nichts“, sagte Schnieder im Gespräch mit LivEye. Deshalb müsse die Drohnendetektion in Deutschland konsequent weiterentwickelt und aus den gewonnenen Informationen ein belastbares Lagebild geschaffen werden.
Damit rückt eine Fähigkeit in den Mittelpunkt, die aus anderen Sicherheitsbereichen längst bekannt ist: Situational Awareness. Erst wenn Sicherheitsverantwortliche wissen, was sich wo bewegt, wie lange ein Objekt beobachtet werden kann und welche Flugbewegung möglicherweise auffällig ist, lässt sich ein Ereignis bewerten.
Kritische Infrastruktur braucht Vorbereitung
Besonders relevant wird diese Entwicklung für Betreiber Kritischer Infrastrukturen. Energieversorgung, Verkehr, Industrie und weitere sensible Standorte verfügen häufig über große und schwer vollständig zu kontrollierende Außenbereiche.
Drohnen verändern diese Sicherheitsarchitektur. Klassische Perimetersicherung endet am Zaun. Eine Drohne tut das nicht.
Damit entsteht eine zusätzliche Dimension der Sicherung: der Luftraum oberhalb und im Umfeld eines Standortes. Für Unternehmen bedeutet dies nicht zwangsläufig, jedes unbekannte Fluggerät automatisch als Angriff zu behandeln. Entscheidend ist vielmehr, zwischen normalen, unkritischen und potenziell sicherheitsrelevanten Bewegungen unterscheiden zu können.
Schnieder sieht deshalb noch erheblichen Handlungsbedarf. Wer Drohnen frühzeitig erkenne, schaffe zunächst die Grundlage dafür, Risiken zu bewerten und anschließend geeignete Maßnahmen einzuleiten.
Auch das wachsende regulatorische Bewusstsein rund um Kritische Infrastrukturen spielt dabei eine Rolle. Nach Einschätzung Schnieders ist die Sensibilität für entsprechende Bedrohungen gestiegen. Der entscheidende nächste Schritt bestehe nun darin, aus diesem Bewusstsein konkrete Sicherheitsmaßnahmen abzuleiten.
Detektion ist nur der Anfang
Genau an diesem Punkt wird die Drohnenabwehr komplex.
Denn das Erkennen eines Flugobjekts beantwortet zunächst nur einen Teil der Fragen. Danach muss geklärt werden: Handelt es sich um einen autorisierten Flug? Besteht eine konkrete Gefahr? Welche Maßnahmen können eingeleitet werden? Und vor allem: Wer darf handeln?
„Die Detektion ist der erste Schritt“, betonte Schnieder. Anschließend brauche es rechtliche und technische Möglichkeiten, angemessen auf Vorfälle reagieren zu können. Politik, Behörden und Wirtschaft seien deshalb gleichermaßen gefordert.
Diese Trennung zwischen Detect und Respond ist für Betreiber entscheidend. Technisch verfügbare Detektionssysteme dürfen nicht mit einer generellen Befugnis zur aktiven Drohnenabwehr gleichgesetzt werden. Während Unternehmen ihre Überwachungs- und Alarmierungsfähigkeit verbessern können, sind weitergehende Eingriffe in den Flug einer Drohne rechtlich und organisatorisch deutlich komplexer.
Für eine belastbare Sicherheitsstrategie reicht es daher nicht, lediglich einen Sensor zu installieren. Notwendig sind definierte Prozesse: Wer erhält einen Alarm? Wer bewertet ihn? Welche Informationen werden dokumentiert? Wann werden Polizei oder andere zuständige Stellen eingeschaltet? Und wie lässt sich ein Vorfall anschließend analysieren?
Gerade an dieser Schnittstelle zwischen Technik, Organisation und Recht entscheidet sich, ob Drohnendetektion im Ernstfall tatsächlich einen Sicherheitsgewinn bringt.
Praxis statt PowerPoint
LivEye will mit seinem Drohnenkompetenzzentrum genau diese Schnittstelle adressieren. Der Standort in Landscheid ist als Plattform für Wissenstransfer, Demonstrationen und Schulungen konzipiert.
Unternehmen, Behörden und Betreiber Kritischer Infrastrukturen sollen dort unterschiedliche Detektionsansätze kennenlernen und deren Einsatz unter realitätsnahen Bedingungen erleben können. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur technische Systeme, sondern konkrete Szenarien und die Frage, wie Drohnenvorfälle in bestehende Sicherheitsprozesse integriert werden können.
Für Carsten Simons ist die Zeit reiner Grundsatzdebatten vorbei.
„Die Bedrohung durch Drohnen ist längst Realität“, erklärte der LivEye-Geschäftsführer. Technologien zur Überwachung und frühzeitigen Erkennung seien vorhanden und einsatzbereit. Aus seiner Sicht liegt die Herausforderung deshalb zunehmend darin, verfügbare Lösungen tatsächlich in Sicherheitskonzepte zu überführen.
Das Kompetenzzentrum soll hierfür einen praktischen Rahmen schaffen – von Demonstrationen bis zum Erfahrungsaustausch zwischen Unternehmen, Behörden und Infrastrukturbetreibern.
Drohnensicherheit wird Teil der integrierten Sicherheitsarchitektur
LivEye kommt dabei ursprünglich aus der mobilen Videoüberwachung. Das Unternehmen bietet seit 2018 entsprechende Systeme in Europa an und verbindet Kameratechnik mit KI-gestützter Anomalieerkennung und einer rund um die Uhr besetzten Leitstelle. Nach eigenen Angaben sind inzwischen mehr als 2.500 Systeme im Einsatz; rund 160 Mitarbeitende arbeiten für das Unternehmen.
Der Schritt in Richtung Drohnendetektion zeigt zugleich eine Entwicklung, die den gesamten Markt für physische Sicherheit betrifft.
Videoüberwachung, Perimeterschutz, Leitstellentechnik und Drohnendetektion wachsen zunehmend zusammen. Die klassische Trennung zwischen Boden- und Luftraumsicherung verliert an Bedeutung. Für Sicherheitsverantwortliche entsteht stattdessen ein umfassenderes Lagebild aus unterschiedlichen Sensoren und Informationsquellen.
Für Betreiber Kritischer Infrastrukturen ist genau diese Integration entscheidend. Denn eine erkannte Drohne wird erst dann zu einer verwertbaren Sicherheitsinformation, wenn sie mit anderen Daten zusammengeführt und in bestehende Prozesse eingebunden werden kann.
Ein Alarm im Luftraum kann beispielsweise gleichzeitig eine verstärkte Videoüberwachung eines bestimmten Areals, eine Überprüfung des Perimeters oder eine Alarmierung definierter Ansprechpartner auslösen.
Der nächste Schritt heißt Reaktionsfähigkeit
Die Diskussion um Drohnensicherheit verschiebt sich damit spürbar.
Noch vor wenigen Jahren stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, welche Technologien eine Drohne überhaupt erkennen können. Inzwischen geht es verstärkt um das Zusammenspiel von Sensorik, Lagebild, organisatorischen Prozessen und rechtlichen Handlungsmöglichkeiten.
Der Besuch in Landscheid macht deutlich: Deutschland befindet sich beim Schutz sensibler Standorte vor unerlaubten Drohnen nicht mehr in einer reinen Sensibilisierungsphase.
Technische Möglichkeiten zur Detektion sind vorhanden. Das Bewusstsein für die Bedrohung wächst ebenfalls. Nun kommt es darauf an, daraus belastbare Strukturen zu entwickeln.
Denn am Ende ist Drohnensicherheit keine Frage eines einzelnen Sensors. Sie ist eine Frage der Reaktionsfähigkeit.
Wer seinen Luftraum beobachten kann, gewinnt wertvolle Zeit. Wer zusätzlich weiß, was nach einem Alarm zu tun ist, macht aus dieser Zeit einen tatsächlichen Sicherheitsvorteil.

