Frankfurts Zeil im Fokus: Polizei zieht mit Null-Toleranz durch die Innenstadt – doch hinter den Einsätzen steckt ein Alarmzeichen für jahrelanges politisches Versagen. Ladendiebstähle, Gewalt und Drogenvorfälle haben die beliebte Einkaufsmeile zu einem Brennpunkt gemacht. Mit der neu gegründeten BAO Zeil will die Polizei Ordnung und Sicherheit zurückbringen – sichtbar, konsequent und unter massivem Ressourceneinsatz.
Präsenz: Die polizeiliche Antwort auf eskalierende Innenstadtprobleme
Die Frankfurter Zeil gilt als eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Deutschlands – wirtschaftliches Herz der Innenstadt, sozialer Treffpunkt und Aushängeschild der Stadt. Zugleich ist sie seit Jahren Sinnbild für eine Entwicklung, die viele deutsche Innenstädte betrifft: steigende Kriminalität, spürbarer Kontrollverlust und ein wachsendes Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Mit der neu geschaffenen „Besonderen Aufbauorganisation Zeil“ (BAO Zeil) reagiert das Land Hessen nun mit einer deutlich sichtbaren polizeilichen Intervention.
Im Rahmen einer groß angelegten Kontrollmaßnahme am Samstagabend begleiteten Innenminister Roman Poseck und Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller den Einsatz von rund 120 Polizeibeamtinnen und -beamten. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Polizeipräsidium Frankfurt und dem ‘Hessischen Polizeipräsidium’ Einsatz und soll insbesondere an stark frequentierten Wochenendabenden für Ordnung, Präsenz und Deeskalation sorgen.
Die Zeil als kriminalpolizeilicher Brennpunkt
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: Im Jahr 2024 wurden im Bereich der Zeil und der angrenzenden Straßen mehr als 5.000 Straftaten registriert. Den größten Anteil machen Ladendiebstähle aus, gefolgt von Körperverletzungen und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Auffällig ist die zeitliche Verdichtung der Taten – mehr als die Hälfte ereignet sich zwischen Donnerstag und Samstag, vor allem in den Abend- und Nachtstunden.
Ebenso deutlich sind die sozialen Muster: Rund 80 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich, überwiegend zwischen 21 und 29 Jahre alt. Ein Großteil ist nicht in Frankfurt gemeldet, etwa 70 Prozent besitzen keine deutsche Staatsangehörigkeit. Begleitet wird das Geschehen häufig von Alkohol- und Drogenkonsum sowie aggressivem Verhalten gegenüber Passanten und Einsatzkräften. Diese Gemengelage erzeugt ein Klima, in dem sich viele Bürgerinnen und Bürger nicht mehr sicher fühlen.
Null-Toleranz als polizeiliche Leitlinie
Die BAO Zeil verfolgt eine explizite Null-Toleranz-Strategie. Ordnungswidrigkeiten werden nicht als Bagatellen betrachtet, sondern als mögliche Vorstufe weiterer Eskalationen. Entsprechend konsequent gehen die Einsatzkräfte gegen öffentliches Urinieren, Verkehrsverstöße in der Fußgängerzone, Verstöße gegen das Waffen- und Betäubungsmittelrecht sowie gegen Jugendschutzauflagen vor.
Die Bilanz der jüngsten Großkontrolle unterstreicht diesen Ansatz: Rund 280 Personen und mehrere Fahrzeuge wurden überprüft, Platzverweise ausgesprochen, Straf- und Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Neben Drogen- und Waffenverstößen wurde in einer Spielothek Bargeld in fünfstelliger Höhe wegen des Verdachts der Geldwäsche sichergestellt. Die Polizei agierte dabei sichtbar, ansprechbar und – wie von politischer Seite betont – mit Augenmaß und Kommunikationsbereitschaft.
Polizeiliche Erfolge – politisches Alarmsignal
So richtig und notwendig die Einrichtung der BAO Zeil ist, so alarmierend ist das Gesamtbild, das sie offenlegt. Denn dass eine der zentralen Einkaufsstraßen Deutschlands nur noch mit massiver, dauerhafter Polizeipräsenz beherrschbar erscheint, ist kein Zeichen von Stärke – sondern von politischem Versagen über Jahre hinweg.
Die Polizei kann Symptome eindämmen, Räume stabilisieren und kurzfristig Sicherheit herstellen. Sie kann jedoch nicht die strukturellen Ursachen lösen, die zu dieser Entwicklung geführt haben: verfehlte Integrationspolitik, mangelnde Durchsetzung bestehender Regeln, eine Überforderung kommunaler Ordnungsstrukturen und ein politischer Reflex, Probleme zu lange zu relativieren oder zu tabuisieren. Wenn Innenstädte erst durch Null-Toleranz-Strategien „zurückerobert“ werden müssen, dann ist zuvor etwas Grundlegendes aus dem Ruder gelaufen.
Sicherheit braucht mehr als Einsätze
Die BAO Zeil zeigt, was professionelle Polizeiarbeit leisten kann – und wie wichtig sie für den Rechtsstaat ist. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass Sicherheit nicht allein durch Einsatzkonzepte entsteht. Ohne eine konsequente politische Flankierung, die Prävention, Integration, Stadtentwicklung und Durchsetzung von Recht zusammen denkt, bleibt die Polizei in einer Dauer-Feuerwehrrolle gefangen.
Dass Innenminister und Polizeiführung den Einsatzkräften Rückendeckung geben, ist richtig und notwendig. Ebenso notwendig ist jedoch die ehrliche politische Debatte darüber, warum es überhaupt so weit kommen musste. Die Zeil darf kein rechtsfreier Raum sein – dieser Satz ist unstrittig. Beunruhigend ist jedoch, dass er heute überhaupt ausgesprochen werden muss.
Die BAO Zeil ist damit zweierlei zugleich: ein wichtiges Instrument zur Wiederherstellung von Sicherheit – und ein Mahnmal dafür, dass staatliche Ordnung nicht erst dann verteidigt werden darf, wenn sie sichtbar zu bröckeln beginnt.


