Europas Sicherheitsforschung wächst – Deutschland bleibt stark vertreten, verliert aber Förderanteile

Oktober 17, 2026

Die Europäische Union investiert deutlich mehr in die zivile Sicherheitsforschung. Deutsche Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind an nahezu jedem zweiten geförderten Projekt beteiligt. Dennoch sinken die deutschen Förderanteile und die Zahl erfolgreicher Projektkoordinationen. Eine aktuelle Auswertung zeigt die Stärken des Forschungsstandorts ebenso wie die Herausforderungen eines zunehmend intensiven europäischen Wettbewerbs.

Europas zivile Sicherheitsforschung gewinnt angesichts wachsender Herausforderungen weiter an Bedeutung. Cyberangriffe, Organisierte Kriminalität, hybride Bedrohungen und die Verwundbarkeit Kritischer Infrastrukturen erfordern innovative Technologien, leistungsfähige Forschungsnetzwerke und eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Sicherheitsbehörden. Die Europäische Union stellt dafür zunehmend finanzielle Mittel bereit. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb um deren Vergabe.
Deutschland nimmt in diesem Umfeld weiterhin eine wichtige Rolle ein. Deutsche Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind an 26 der insgesamt 59 Forschungsprojekte beteiligt, die im Rahmen der Ausschreibungen 2025 des europäischen Forschungsprogramms Horizont Europa im Cluster 3 „Zivile Sicherheit für die Gesellschaft“ zur Förderung ausgewählt wurden. Damit ist Deutschland in rund 44 Prozent aller geförderten Projekte vertreten.
Die aktuelle Auswertung der Nationalen Kontaktstelle Sicherheitsforschung (NKS Sicherheit) zeigt allerdings auch eine gegenläufige Entwicklung: Während das europäische Fördervolumen gegenüber dem Vorjahr um knapp 29 Prozent auf 246,9 Millionen Euro stieg, verringerte sich der deutsche Anteil an den bewilligten Mitteln von zehn auf rund sieben Prozent. Im europäischen Ländervergleich fiel Deutschland damit von Platz drei auf Platz sieben zurück.
Dieser Befund ist differenziert zu betrachten. Die Zahlen belegen weder einen generellen Qualitätsverlust deutscher Sicherheitsforschung noch einen Rückzug aus europäischen Forschungsverbünden. Sie verdeutlichen jedoch, dass eine breite wissenschaftliche und industrielle Beteiligung unter den verschärften Wettbewerbsbedingungen nicht zwangsläufig zu einem entsprechend hohen Fördererfolg führt.

Mehr europäische Mittel treffen auf wachsenden Wettbewerb

Die Europäische Union hat das Fördervolumen im Cluster 3 von Horizont Europa deutlich ausgeweitet. Insgesamt wurden 2025 Forschungsprojekte mit einem Volumen von rund 246,9 Millionen Euro ausgewählt. Im Vorjahr waren es 191,62 Millionen Euro gewesen. Die Zahl der geförderten Projekte stieg von 45 auf 59.
Den größten finanziellen Schwerpunkt bildet Cybersecurity mit 90,7 Millionen Euro. Für die Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus stehen 43,4 Millionen Euro bereit, für Katastrophenresilienz 40,9 Millionen Euro. Weitere Mittel entfallen auf Grenzmanagement mit 28,3 Millionen Euro, resiliente Infrastrukturen mit 22 Millionen Euro sowie die Unterstützung von Sicherheitsforschung und Innovation mit 21,5 Millionen Euro.
Die Verteilung unterstreicht die Bandbreite europäischer Sicherheitsforschung. Neben der Abwehr digitaler Bedrohungen geht es um den Schutz gesellschaftlicher und technischer Infrastrukturen, die Bewältigung komplexer Krisenlagen und die Weiterentwicklung von Verfahren zur Kriminalitätsbekämpfung.
Allerdings ist die Nachfrage nach Fördermitteln noch stärker gewachsen als das verfügbare Budget. Die Zahl der europaweit eingereichten Projektbeteiligungen erhöhte sich von 7.407 im Jahr 2024 auf 11.060 im Jahr 2025. Das entspricht einem Zuwachs von 49 Prozent.
Nach Angaben der NKS Sicherheit erreichte die Überzeichnung der Ausschreibungen damit einen neuen Höchststand. Rechnerisch standen für jeden beantragten Euro lediglich rund sieben Cent zur Verfügung.
Der europäische Forschungsraum profitiert somit von einem wachsenden Interesse an sicherheitsrelevanten Innovationen. Für einzelne Antragsteller wird es jedoch schwieriger, sich mit ihren Vorhaben durchzusetzen. Selbst wissenschaftlich hochwertige Projektvorschläge können angesichts begrenzter Mittel unberücksichtigt bleiben.

Deutsche Forschungsqualität bleibt hoch

Die deutschen Antragsteller erhöhten ihr Engagement gegenüber dem Vorjahr erheblich. Insgesamt wurden 771 deutsche Projektbeteiligungen eingereicht, nach 598 im Jahr 2024. Dennoch ging die Zahl erfolgreicher Beteiligungen von 49 auf 45 zurück.
Die deutsche Erfolgsquote sank damit von 8,19 auf 5,84 Prozent und lag unter dem europäischen Programmdurchschnitt von 7,31 Prozent.
Die Ergebnisse erlauben allerdings keine pauschale negative Bewertung der deutschen Forschungsqualität. Von den 771 eingereichten deutschen Beteiligungen erreichten 546 mindestens zehn Bewertungspunkte und wurden damit grundsätzlich als förderwürdig eingestuft. Das entspricht rund 71 Prozent. Viele dieser Vorhaben konnten aufgrund des begrenzten Förderbudgets nicht berücksichtigt werden.
Die durchschnittliche Bewertung der tatsächlich geförderten Projekte lag bei 13,8 Punkten. Die Anforderungen an erfolgreiche Anträge sind damit hoch.
Für den Forschungsstandort Deutschland ergibt sich daraus eine zentrale Erkenntnis: Wissenschaftliche Qualität und technologische Kompetenz bleiben notwendige Voraussetzungen, reichen im europäischen Wettbewerb jedoch nicht immer aus. Ebenso entscheidend sind die strategische Ausrichtung eines Vorhabens, die Zusammensetzung internationaler Konsortien und die überzeugende Darstellung seines europäischen Mehrwerts.
Die NKS Sicherheit bewertet die sinkende deutsche Rückflussquote als Warnsignal. Zugleich hebt sie ausdrücklich die hohe Qualität der deutschen Beteiligungen und deren breite Präsenz in den geförderten Projekten hervor.

Weniger erfolgreiche Projektkoordinationen

Ein genauerer Blick auf die Projektkoordinationen zeigt, wo die deutsche Beteiligung besonders deutlich hinter dem Vorjahr zurückblieb.
2025 wurden insgesamt 57 Projektvorschläge mit deutscher Koordination eingereicht. Im Jahr zuvor waren es 37 gewesen. Trotz dieser Steigerung erhielt lediglich ein von Deutschland koordiniertes Vorhaben eine Förderzusage. 2024 waren noch drei entsprechende Projekte erfolgreich gewesen.
Das ausgewählte Projekt „SilentBorder2“ wird vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Institut für den Schutz maritimer Infrastrukturen in Bremerhaven, koordiniert. Es ist dem Themenfeld Grenzmanagement zugeordnet.
Die Leitung europäischer Forschungsverbünde besitzt eine besondere Bedeutung. Projektkoordinatoren übernehmen die organisatorische und administrative Gesamtverantwortung und vertreten die Konsortien gegenüber der Europäischen Kommission. Damit tragen sie wesentlich dazu bei, die Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen, Unternehmen und weiteren Partnern zu strukturieren.
Der Rückgang erfolgreicher deutscher Koordinationen verdient deshalb Aufmerksamkeit. Er betrifft nicht allein die Zahl bewilligter Projekte, sondern auch die Möglichkeiten deutscher Einrichtungen, innerhalb internationaler Forschungsverbünde eine führende organisatorische Rolle einzunehmen.
Allerdings lässt sich aus den Ergebnissen eines einzelnen Ausschreibungsjahres noch keine langfristige Entwicklung ableiten. Dafür wären mehrjährige Vergleiche notwendig.

Cybersecurity als Schwerpunkt deutscher Beteiligungen

Die Verteilung der bewilligten Mittel zeigt deutliche fachliche Schwerpunkte.
Von den insgesamt rund 16,3 Millionen Euro, die deutsche Antragsteller 2025 erhielten, entfielen etwa 10,2 Millionen Euro auf Cybersecurity. Damit konzentrierten sich nahezu zwei Drittel der deutschen Fördermittel auf die digitale Sicherheitsforschung.
Weitere Zuwendungen gingen an Vorhaben im Grenzmanagement mit rund 1,9 Millionen Euro und zur Bekämpfung von Kriminalität und Terrorismus mit etwa 1,5 Millionen Euro. Projekte zu resilienten Infrastrukturen und zur Katastrophenresilienz erhielten jeweils rund 1,2 Millionen Euro. Hinzu kamen etwa 300.000 Euro für die Unterstützung von Sicherheitsforschung und Innovation.
Auch die Einreichungen deutscher Akteure verdeutlichen ein breites fachliches Interesse. Außerhalb der Cybersecurity lagen die Schwerpunkte auf Katastrophenresilienz, Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung sowie resilienten Infrastrukturen.
Gerade diese Themen gewinnen für die europäische Sicherheitsarchitektur an Bedeutung. Der Schutz Kritischer Infrastrukturen, die Widerstandsfähigkeit gesellschaftlicher Versorgungssysteme und die Bewältigung komplexer Gefahrenlagen erfordern zunehmend Lösungen, die technische Innovationen mit organisatorischen und operativen Anforderungen verbinden.
Die starke Position deutscher Akteure im Bereich Cybersecurity ist daher ein wichtiger Bestandteil ihrer europäischen Forschungsbeteiligung. Gleichzeitig eröffnet die Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Sicherheitsdisziplinen Möglichkeiten, vorhandene Kompetenzen in übergreifende Forschungsansätze einzubringen.

Unternehmen prägen die deutsche Forschungsbeteiligung

Ein weiterer bemerkenswerter Befund betrifft die Rolle der Privatwirtschaft. Nach Angaben der NKS Sicherheit entfielen 40 Prozent aller erfolgreichen deutschen Beteiligungen auf Unternehmen. Forschungseinrichtungen und Hochschulen waren mit jeweils 22,2 Prozent vertreten.
Damit trägt die Wirtschaft wesentlich zur deutschen Präsenz in der europäischen zivilen Sicherheitsforschung bei.
Die Beteiligung privatwirtschaftlicher Akteure ist besonders dort relevant, wo wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Anwendungen überführt werden sollen. Unternehmen können dazu beitragen, Forschungsergebnisse technologisch weiterzuentwickeln und ihre Einsatzfähigkeit unter realen Bedingungen zu prüfen.
Zugleich zeigt die Auswertung einen anhaltenden Aufwärtstrend bei erfolgreichen Hochschulbeteiligungen, nachdem diese 2023 deutlich zurückgegangen waren.
Insgesamt bleiben deutsche Partner in europäischen Forschungsverbünden breit vertreten. Mit 45 erfolgreichen Beteiligungen sind sie an 26 der 59 geförderten Projekte beteiligt. Auch bei der durchschnittlichen Förderhöhe je erfolgreicher Beteiligung behauptete Deutschland im Ländervergleich den vierten Platz.
Diese Kennzahlen zeigen, dass die deutsche Beteiligung nicht allein anhand der gesunkenen Rückflussquote bewertet werden sollte. Die Präsenz in internationalen Konsortien, die Beteiligung unterschiedlicher Akteursgruppen und die fachliche Breite sind ebenfalls wichtige Indikatoren für die Stellung eines Forschungsstandorts.

Europas Sicherheitsforschung verlangt strategische Zusammenarbeit

Die Ergebnisse der Ausschreibungen 2025 verdeutlichen eine Entwicklung, die für die europäische Sicherheitsforschung insgesamt von Bedeutung ist: Das finanzielle Engagement wächst, zugleich steigen die Anforderungen an erfolgreiche Forschungskooperationen.
Deutschland verfügt weiterhin über eine breite wissenschaftliche und industrielle Basis und ist in einem erheblichen Teil der geförderten europäischen Projekte vertreten. Der geringere Anteil an den Fördermitteln zeigt jedoch, dass diese Voraussetzungen allein keinen gleichbleibenden Erfolg garantieren.
Für Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen gewinnt deshalb die frühzeitige Zusammenarbeit mit internationalen Partnern an Bedeutung. Leistungsfähige Konsortien müssen nicht nur wissenschaftliche Exzellenz nachweisen, sondern auch überzeugend darlegen, welchen Beitrag ihre Ergebnisse zur europäischen zivilen Sicherheit leisten können.
Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die Koordination gemeinsamer Forschungsvorhaben. Sie eröffnet die Möglichkeit, internationale Netzwerke aufzubauen, Forschungsprozesse zu gestalten und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und potenziellen Anwendern zu intensivieren.
Die europäische Sicherheitsforschung ist damit weit mehr als ein Wettbewerb um Fördermittel. Sie bildet einen Rahmen, in dem gemeinsame technologische Fähigkeiten entstehen und Lösungen für grenzüberschreitende Sicherheitsprobleme entwickelt werden.
Die aktuelle Bilanz zeigt einen weiterhin leistungsfähigen und international gut vernetzten deutschen Forschungsstandort, der sich jedoch in einem deutlich anspruchsvolleren Förderumfeld behaupten muss.
Die entscheidende Herausforderung besteht darin, vorhandene Kompetenzen noch gezielter in erfolgreiche europäische Forschungskooperationen einzubringen. Denn angesichts wachsender Anforderungen an Cybersecurity, Krisenresilienz und den Schutz Kritischer Infrastrukturen wird die Fähigkeit zur gemeinsamen Entwicklung und praktischen Umsetzung von Sicherheitsinnovationen zunehmend zu einem strategischen Faktor für Europa.

Weitere Ergebnisse

  • Deutsche Förderzusagen 2025: rund 16,3 Millionen Euro
  • Deutsche Beteiligung an geförderten Projekten: 26 von 59 (44,1 Prozent)
  • Größter deutscher Förderschwerpunkt: Cybersecurity mit rund 10,2 Millionen Euro
  • Anteil der Unternehmen an erfolgreichen deutschen Beteiligungen: 40 Prozent
  • Durchschnittliche Förderhöhe je erfolgreicher Beteiligung: Deutschland auf Platz vier

Quelle: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt / Nationale Kontaktstelle Sicherheitsforschung, Informationsbrief zur zivilen Sicherheitsforschung 09/26, Auswertung der Ausschreibungen 2025 im Cluster 3 des Programms Horizont Europa.

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