Neue STA-Studie zeigt wachsenden Handlungsdruck bei präventiver Instandhaltung und klimaresilienten Verkehrssystemen
Die europäischen Verkehrssysteme gelten aus Sicht vieler Fachleute grundsätzlich als sicher – jedoch nicht als ausreichend resilient. Genau dieses Spannungsfeld steht im Mittelpunkt der ersten Ausgabe des neuen „Expert Perception Tracker“ der Smart Transportation Alliance (STA). Die Ergebnisse der europaweiten Expertenbefragung zeichnen ein differenziertes Bild: Während Sicherheitsstandards in vielen Bereichen verbessert wurden, wachsen gleichzeitig die Sorgen über die Widerstandsfähigkeit der Verkehrsinfrastrukturen gegenüber Klimarisiken, hybriden Belastungen und zunehmender Systemkomplexität.
Die Untersuchung macht deutlich, dass Europa zwar erhebliche Fortschritte bei Verkehrssicherheit und Infrastrukturmanagement erzielt hat, gleichzeitig aber vor strukturellen Herausforderungen steht. Besonders kritisch werden die mangelnde Klimaanpassung der Infrastruktur, regionale Ungleichgewichte sowie Defizite bei präventiver Instandhaltung bewertet.
Damit rückt ein Thema stärker in den Fokus, das lange primär technisch betrachtet wurde: Verkehrsinfrastrukturen entwickeln sich zunehmend zu einem strategischen Resilienzfaktor für Wirtschaft, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Stabilität.
Sicherheit bleibt hoch – aber nicht überall gleich
Für die erste Ausgabe des STA Expert Perception Tracker wurden zwischen dem 16. und 31. März 2026 knapp 180 Fachleute aus 27 Ländern befragt. Ziel der Untersuchung war es, qualitative Einschätzungen zur aktuellen Leistungsfähigkeit europäischer Verkehrssysteme zu erfassen.
Die Ergebnisse zeigen zunächst ein grundsätzlich positives Bild: Rund 56,9 Prozent der Befragten bewerten die Mobilitätsangebote in ihrem jeweiligen Land als sicher. Weniger als drei Prozent vertreten die gegenteilige Auffassung.
Doch hinter dieser scheinbar stabilen Bewertung verbergen sich erhebliche regionale Unterschiede. Fast 40 Prozent der Teilnehmer geben an, dass die Qualität und Sicherheit der Mobilitätsangebote innerhalb ihrer Länder stark variiert. Besonders ausgeprägt sei dies in südeuropäischen Staaten wie Griechenland, Italien oder Spanien, aber auch in Finnland und Großbritannien.
Demgegenüber berichten Experten aus Ländern wie Schweden, Norwegen oder Österreich von vergleichsweise konsistenten Sicherheitsstandards und homogener Infrastrukturqualität über verschiedene Regionen hinweg.
Diese Unterschiede verdeutlichen ein strukturelles Problem europäischer Verkehrspolitik: Sicherheit wird auf nationaler Ebene häufig aggregiert betrachtet, während regionale Disparitäten teilweise erhebliche Auswirkungen auf Mobilität, Erreichbarkeit und infrastrukturelle Resilienz haben.
Infrastruktur als entscheidende Sicherheitsebene
Besonders interessant ist die Bewertung der Verkehrsinfrastruktur selbst. Rund 62,9 Prozent der Experten sehen deutliche Verbesserungen bei der Verkehrssicherheit in den vergangenen zehn Jahren.
Gleichzeitig gibt jedoch mehr als ein Drittel der Befragten an, keine Verbesserung oder sogar eine Verschlechterung wahrgenommen zu haben. Damit zeigt sich ein heterogenes Bild, das stark von regionalen Investitionsniveaus, Instandhaltungsstrategien und Modernisierungsgeschwindigkeiten abhängt.
Emanuela Stocchi, Präsidentin der PIARC sowie Interims-Generaldirektorin der italienischen Autobahn- und Tunnelbetreibervereinigung AISCAT, verweist darauf, dass die Verbesserung der Verkehrssicherheit zwar sichtbar sei, die Vision eines vollständig sicheren und klimaresilienten Verkehrssystems jedoch weiterhin große Herausforderungen mit sich bringe.
Gerade Infrastruktur gilt dabei zunehmend als die kritische Basisebene moderner Verkehrssicherheit. Denn unabhängig von Fahrzeugtechnologien, Assistenzsystemen oder digitalen Verkehrsmanagementlösungen bleibt die physische Infrastruktur die zentrale Grundlage für Stabilität, Betriebsfähigkeit und Schutz aller Verkehrsteilnehmer.
Klimarisiken werden zum zentralen Belastungstest
Besonders deutlich fällt die Einschätzung der Experten zur Klimaresilienz aus. Rund 87,4 Prozent der Befragten sehen ihre nationalen Verkehrssysteme als stark anfällig gegenüber zunehmenden Extremwetterereignissen und klimabedingten Belastungen.
Lediglich rund 12,8 Prozent halten die bestehenden Infrastrukturen für ausreichend auf klimatische Notlagen vorbereitet.
Damit bestätigt die Untersuchung einen Trend, der europaweit immer sichtbarer wird: Verkehrsinfrastrukturen geraten zunehmend unter Druck durch Starkregen, Überschwemmungen, Hitzewellen, Trockenperioden oder Waldbrände. Straßen, Tunnel, Schienenkorridore und urbane Verkehrsnetze werden dadurch nicht nur häufiger beschädigt, sondern auch betrieblich anfälliger.
Dr. Elena De La Peña von der Spanish Road Association betont in diesem Zusammenhang die zentrale Rolle resilienter Infrastrukturen. Wartung und Instandhaltung seien nicht nur entscheidend für Komfort oder Betriebsfähigkeit, sondern zunehmend auch für Sicherheits- und Klimaschutzaspekte.
Die Ergebnisse verdeutlichen damit einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Infrastrukturresilienz entwickelt sich von einer technischen Managementaufgabe hin zu einer strategischen Kernanforderung moderner Verkehrspolitik.
Präventive Instandhaltung wird zur Schlüsselstrategie
Ein besonders klares Bild liefert die Studie beim Thema präventive Wartung. Rund 87,4 Prozent der Experten betrachten präventive Instandhaltung inzwischen als unverzichtbar. Weitere 11,4 Prozent verknüpfen sie direkt mit sichereren Betriebsabläufen.
Damit herrscht nahezu vollständiger Konsens darüber, dass klassische reaktive Reparaturmodelle langfristig nicht mehr ausreichen.
Dieser Wandel ist eng mit der zunehmenden Komplexität moderner Verkehrssysteme verbunden. Straßen, Brücken, Tunnel, Schienen- und Verkehrssteuerungssysteme sind heute hochgradig vernetzte Infrastrukturen mit enormer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Ausfälle oder Störungen wirken sich unmittelbar auf Lieferketten, Mobilität, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität aus.
Präventive Wartung entwickelt sich daher zunehmend zu einem zentralen Bestandteil strategischer Resilienzplanung. Ziel ist es, Infrastrukturzustände frühzeitig zu erkennen, Risiken proaktiv zu adressieren und Betriebsunterbrechungen möglichst zu vermeiden.
Gleichzeitig verändert die Digitalisierung auch die Instandhaltung selbst. Sensorik, KI-basierte Zustandsüberwachung, digitale Zwillinge und datengetriebene Monitoring-Systeme gewinnen zunehmend an Bedeutung, um Wartungszyklen präziser und effizienter zu steuern.
Verkehrsinfrastrukturen als Bestandteil strategischer Resilienz
Die Ergebnisse des STA-Trendbarometers zeigen zugleich, dass Verkehrsinfrastrukturen immer stärker im Kontext umfassender gesellschaftlicher Resilienz betrachtet werden.
Denn moderne Mobilitäts- und Logistiksysteme sind nicht nur wirtschaftliche Lebensadern, sondern auch kritische Infrastrukturen im sicherheitspolitischen Sinn. Störungen können weitreichende Folgen für Versorgungsketten, Energieversorgung, Rettungsdienste oder wirtschaftliche Prozesse haben.
Gerade in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten, hybrider Bedrohungslagen und wachsender Klimaextreme rückt daher die Frage nach belastbaren Verkehrssystemen stärker in den Mittelpunkt europäischer Infrastrukturpolitik.
Dabei geht es nicht ausschließlich um physische Infrastruktur. Auch digitale Steuerungs- und Kommunikationssysteme werden zunehmend Teil der sicherheitskritischen Infrastrukturarchitektur. Verkehrsmanagement, intelligente Ampelsysteme, digitale Leitstellen oder vernetzte Mobilitätsplattformen erweitern die Angriffs- und Ausfallflächen moderner Verkehrssysteme erheblich.
Die Diskussion um Resilienz umfasst daher zunehmend physische, digitale und organisatorische Dimensionen zugleich.
Europäischer „Transport Health Index“ soll Vergleichbarkeit schaffen
Parallel zum Expert Perception Tracker stellte die STA eine weitere Initiative vor: den „European Transport Sector Health Index“. Das datenbasierte Instrument soll den „Gesundheitszustand“ nationaler Verkehrssysteme vergleichbar machen.
Der Index basiert auf 16 Indikatoren, die in vier gleichgewichtete Kategorien unterteilt sind:
- Zugänglichkeit und Nutzung
- Sicherheit und Zuverlässigkeit
- Umweltleistung
- Effizienz und Integration
Zu den betrachteten Kennzahlen gehören unter anderem die Nutzung des öffentlichen Verkehrs, Verkehrstote pro Fahrzeugkilometer, Emissionsintensität, multimodale Logistikeffizienz oder digitale Integration im Verkehrssektor.
Laut STA-Präsident Dr. José F. Papí soll dadurch ein einfaches, aber vergleichbares Bewertungsmodell entstehen, mit dem Fortschritte über längere Zeiträume messbar gemacht werden können.
Der Ansatz verdeutlicht einen übergeordneten Trend: Verkehrsinfrastrukturen werden zunehmend datenbasiert bewertet und gesteuert. Neben klassischen Sicherheitskennzahlen gewinnen dabei Nachhaltigkeit, Klimaresilienz, digitale Integration und Systemeffizienz gleichermaßen an Bedeutung.
Ganzheitliche Infrastrukturpolitik gewinnt an Bedeutung
Die Ergebnisse der STA-Befragung machen deutlich, dass die Zukunft europäischer Verkehrssysteme nicht allein von Neubauprojekten abhängen wird. Entscheidend wird vielmehr sein, wie bestehende Infrastrukturen modernisiert, resilient gestaltet und langfristig instand gehalten werden.
Dabei rückt ein ganzheitlicher Infrastrukturansatz in den Vordergrund. Sicherheit, Klimaanpassung, Digitalisierung, Wartung und betriebliche Resilienz lassen sich zunehmend nicht mehr isoliert voneinander betrachten.
Die Untersuchung zeigt zugleich, dass Europa zwar weiterhin über vergleichsweise sichere Verkehrssysteme verfügt, die Widerstandsfähigkeit gegenüber zukünftigen Belastungen jedoch noch erhebliche Defizite aufweist. Besonders Klimarisiken, regionale Ungleichgewichte und Investitionslücken könnten sich langfristig zu zentralen Belastungsfaktoren entwickeln.
Für Politik, Betreiber und Infrastrukturverantwortliche bedeutet dies, dass Resilienz künftig stärker zum strategischen Leitprinzip europäischer Verkehrsinfrastrukturpolitik werden dürfte – nicht nur als technische Notwendigkeit, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität, Versorgungssicherheit und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit.


