Fünf Festnahmen in Serbien – darunter mutmaßlicher Hauptverdächtiger und zwei Polizeibeamte
Ein von Europol koordiniertes Ermittlungsverfahren hat zur Zerschlagung eines mutmaßlichen Schleusernetzwerks geführt, das Migranten über die sogenannte Balkanroute nach Westeuropa gebracht haben soll. Bei einer gemeinsamen Einsatzaktion serbischer und bulgarischer Strafverfolgungsbehörden wurden in Serbien fünf Personen festgenommen – darunter ein als High Value Target (HVT) eingestufter Hauptverdächtiger, zwei Polizeibeamte sowie zwei weitere mutmaßliche Mitglieder der Organisation.
Die Ermittlungen richten sich gegen ein Netzwerk, das seit 2025 aktiv gewesen sein soll und insbesondere afghanische Staatsangehörige über die Türkei, Bulgarien und Serbien in Richtung Westeuropa geschleust haben soll. Allein zwischen Januar und Juli 2026 wird der Gruppierung die Schleusung einer Vielzahl von Migranten vorgeworfen.
Razzien an fünf Standorten
Im Rahmen des Einsatzes durchsuchten die Ermittler insgesamt fünf Objekte. Dabei wurden drei Fahrzeuge sichergestellt, die nach Angaben der Behörden für Schleusungsfahrten genutzt wurden. Außerdem beschlagnahmten die Einsatzkräfte Schusswaffen und Munition, eine Funkstation, Mobiltelefone sowie Bargeld in Höhe von rund 5.700 Euro und 40.000 serbischen Dinar.
Besondere Brisanz erhält der Fall durch die Festnahme zweier Polizeibeamter, denen eine Beteiligung an den Aktivitäten des Schleusernetzwerks vorgeworfen wird.
Organisierte Schleusungen über die „grüne Grenze“
Nach Erkenntnissen der Ermittler reisten die Migranten zunächst aus der Türkei nach Bulgarien. Dort wurden sie in der Nähe der sogenannten grünen Grenze zwischen Bulgarien und Serbien abgesetzt und überquerten diese eigenständig. An zuvor vereinbarten GPS-Koordinaten wurden sie anschließend von Mitgliedern des Schleusernetzwerks aufgenommen.
Die Organisation stellte den Migranten nach Angaben der Ermittler vorübergehende Unterkünfte zur Verfügung und organisierte anschließend den Weitertransport über Serbien bis an die ungarische Grenze und von dort weiter in westliche EU-Staaten.
Für den Transport vom bulgarisch-serbischen Grenzgebiet nach Belgrad sollen die Migranten rund 1.000 Euro pro Person gezahlt haben. Für die Weiterfahrt bis zur serbisch-ungarischen Grenze wurden weitere 300 Euro verlangt. Ein Großteil der Zahlungen erfolgte nach Erkenntnissen der Ermittler über das informelle Hawala-Finanzsystem, das häufig für grenzüberschreitende Geldtransfers außerhalb des regulären Bankensystems genutzt wird.
Europol koordinierte internationale Ermittlungen
Die Ermittlungen wurden im Rahmen einer speziellen Europol Operational Taskforce geführt, die sich auf die Bekämpfung von Schleusernetzwerken entlang der Balkanroute konzentriert. Europol koordinierte mehrere operative Treffen zwischen den beteiligten Behörden und unterstützte den Informationsaustausch.
Mit finanzieller Unterstützung der EU entsandte Europol vier bulgarische Ermittler nach Serbien, um die dortigen Behörden während der Maßnahmen zu unterstützen. Am Einsatztag selbst war zudem ein Europol-Experte vor Ort, der in Echtzeit Datenabgleiche mit den europäischen Informationssystemen durchführte und die nationalen Ermittler operativ unterstützte.
Die Taskforce wurde bereits im September 2023 eingerichtet. Ziel ist die koordinierte Bekämpfung grenzüberschreitend agierender Schleuserorganisationen entlang der Balkanroute. Zuletzt trat auch Serbien der Initiative bei.
Neues Europol-Zentrum gegen Schleusungskriminalität
Europol bewertet die Schleusung von Migranten weiterhin als eine der bedeutendsten Formen organisierter Kriminalität innerhalb der Europäischen Union. Die Bekämpfung dieser Netzwerke erfordert nach Einschätzung der Behörde eine enge internationale Zusammenarbeit entlang der gesamten kriminellen Wertschöpfungskette – von der Rekrutierung der Migranten über die Transitwege bis hin zu den Finanzströmen.
Zur Stärkung der europäischen Zusammenarbeit wurde im Dezember 2025 die EU-Verordnung 2025/2611verabschiedet. Auf ihrer Grundlage nahm im März 2026 das European Centre Against Migrant Smuggling (ECAMS)bei Europol seine Arbeit auf.
Das neue Kompetenzzentrum soll den systematischen Informationsaustausch zwischen den Mitgliedstaaten verbessern und die operative Zusammenarbeit weiter ausbauen. Zu den Schwerpunkten gehören unter anderem die Analyse frei verfügbarer Informationen (OSINT), Finanzermittlungen sowie die engere Zusammenarbeit mit Frontex, Eurojust und den nationalen Strafverfolgungsbehörden.
An der aktuellen Operation beteiligt waren auf bulgarischer Seite die Generaldirektion zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (GDBOP) sowie auf serbischer Seite die Direktion für Kriminalpolizei und der Dienst zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (SBPOK).


