Ein zusätzlicher gesetzlicher Feiertag dämpft die Wirtschaftsleistung in Deutschland messbar. Die volkswirtschaftlichen Kosten fallen nach Berechnungen des ZEW Mannheim jedoch deutlich geringer aus, als einfache Modellrechnungen vermuten lassen. Unternehmen gleichen einen Teil der ausfallenden Arbeitszeit durch Mehrarbeit und organisatorische Anpassungen wieder aus. Gleichzeitig bleibt die Lage am deutschen Arbeitsmarkt angespannt: Das IAB erwartet trotz konjunktureller Stabilisierung einen Rückgang der Erwerbstätigkeit.
Die Forderung, Feiertage zu streichen, um die schwache deutsche Wirtschaft anzukurbeln, erhält durch eine neue Untersuchung des ZEW Mannheim eine empirische Grundlage – allerdings keine eindeutige Unterstützung.
Nach der am 28. September veröffentlichten Studie verursacht ein zusätzlicher gesetzlicher Feiertag über ein Gesamtjahr gerechnet einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zwischen 0,055 und 0,28 Prozent. Wo innerhalb dieser Spanne der tatsächliche gesamtwirtschaftliche Effekt liegt, hängt wesentlich davon ab, wie stark sich die im Verarbeitenden Gewerbe gemessenen Auswirkungen auf andere Wirtschaftsbereiche übertragen lassen.
Die Forscher nutzen für ihre Analyse eine deutsche Besonderheit: Fällt ein gesetzlicher Feiertag auf einen Sonntag, entsteht in der Regel kein zusätzlicher arbeitsfreier Werktag. Dadurch lassen sich Monate, in denen Feiertage auf Werktage fallen, mit solchen vergleichen, in denen sie auf Sonntage treffen.
Das Ergebnis ist messbar. Im Verarbeitenden Gewerbe liegen die Umsätze je Beschäftigtem in Monaten, in denen ein Feiertag auf einen Sonntag statt auf einen Werktag fällt, im Durchschnitt rund drei Prozent höher. Die geleistete Arbeitszeit liegt etwa 2,5 Prozent höher.
Unternehmen kompensieren einen Teil des Ausfalls
Aus den Daten folgt jedoch nicht, dass ein zusätzlicher Arbeitstag eins zu eins in zusätzliche Wirtschaftsleistung übersetzt werden kann.
Unternehmen reagieren auf den Wegfall eines Arbeitstages. Produktionsabläufe werden angepasst, Arbeitszeit wird teilweise verschoben und Beschäftigte leisten in anderen Zeiträumen mehr Stunden. Der tatsächliche Produktionsverlust fällt deshalb geringer aus, als eine einfache Division der Jahreswirtschaftsleistung durch die Zahl der Arbeitstage nahelegen würde.
„Der Verlust eines Arbeitstages reduziert die Wirtschaftsleistung messbar, aber Unternehmen kompensieren einen Teil des Produktionsausfalls durch Überstunden und andere Anpassungen“, erklärt ZEW-Forscher Eduard Brüll. Die wirtschaftlichen Kosten von Feiertagen seien deshalb vorhanden, aber begrenzt.
Für eine gesamtwirtschaftliche Hochrechnung nennt die Studie zwei Eckwerte. Würde der im Verarbeitenden Gewerbe beobachtete Effekt gleichermaßen für sämtliche Wirtschaftsbereiche gelten, entspräche ein zusätzlicher Arbeitstag etwa 0,28 Prozent des jährlichen BIP. Beschränkt sich der Effekt dagegen im Wesentlichen auf das Verarbeitende Gewerbe, liegt er bei rund 0,06 Prozent. Das ZEW geht davon aus, dass der tatsächliche Wert zwischen beiden Größen liegt.
Gerade für die Dienstleistungswirtschaft ist diese Differenzierung relevant. Sicherheitsdienste, Verkehr, Gesundheitsversorgung, Gastronomie und zahlreiche weitere Dienstleistungen kommen auch an Sonn- und Feiertagen nicht vollständig zum Stillstand. Die für die Industrie ermittelten Effekte lassen sich daher nicht ohne Weiteres auf personalintensive Dienstleistungsbranchen übertragen.
Arbeitsmarkt liefert wenig Anlass für Entwarnung
Die Untersuchung erscheint zudem in einer Phase, in der sich zwar die konjunkturellen Aussichten etwas stabilisiert haben, vom Arbeitsmarkt aber weiterhin schwache Signale ausgehen.
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet für 2026 einen Rückgang der Erwerbstätigkeit um 210.000 Personen. Im kommenden Jahr sollen nochmals rund 140.000 Erwerbstätige wegfallen. Neben der langjährigen Wirtschaftsschwäche spielt dabei zunehmend die demografische Entwicklung eine Rolle. Erstmals sinkt 2026 nach Berechnungen des IAB auch das Erwerbspersonenpotenzial – um rund 70.000 Personen. Für 2027 wird ein Rückgang um weitere 140.000 erwartet.
Auch die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt schwach. Im zweiten Quartal 2026 gab es bundesweit noch rund eine Million offene Stellen – knapp 130.000 weniger als im Vorquartal. Abgesehen von den Corona-Lockdowns war die Arbeitskräftenachfrage laut IAB seit 2016 nicht mehr so niedrig.
Die Diskussion über zusätzliche Arbeitstage trifft damit auf ein strukturell schwierigeres Umfeld. Deutschlands Wachstumsproblem lässt sich nach den ZEW-Ergebnissen jedenfalls kaum auf die Zahl der gesetzlichen Feiertage reduzieren.
Ein zusätzlicher Arbeitstag würde zwar messbare ökonomische Effekte erzeugen. Die Größenordnung bleibt jedoch überschaubar – und ein Teil des vermeintlichen Produktivitätsgewinns wird von Unternehmen bereits heute durch flexible Arbeitsorganisation ausgeglichen.
Für die wirtschaftspolitische Debatte verschiebt sich damit der Schwerpunkt: Die Zahl der Feiertage ist ein messbarer Faktor. Gegenüber Investitionen, Produktivität, Arbeitskräfteangebot und strukturellen Standortbedingungen dürfte sie jedoch kaum der entscheidende Hebel für eine nachhaltige Belebung der deutschen Wirtschaft sein.


