Gebäudetechnik als blinder Fleck bei der Absicherung von KI-Rechenzentren

August 19, 2026

TrendAI identifiziert Tausende öffentlich erreichbare Steuerungssysteme im Umfeld von US-Rechenzentren

Während Server, Netzwerke und Daten in modernen Rechenzentren häufig durch mehrstufige Sicherheitsarchitekturen geschützt werden, gerät die technische Gebäudeinfrastruktur bislang deutlich weniger in den Fokus. Eine aktuelle Untersuchung von TrendAI, dem Enterprise-Cybersecurity-Geschäftsbereich von Trend Micro, weist auf erhebliche Risiken durch öffentlich erreichbare Gebäudeautomations- und industrielle Steuerungssysteme hin.

Für den Report „An Invisible Attack Surface: Thousands of Industrial Control Systems Exposed Near Data Centers“untersuchten die Threat Researcher Stephen Hilt und Numaan Huq industrielle Steuerungsprotokolle im Umfeld von mehr als 1.000 Rechenzentren in den USA. Mithilfe der Suchmaschine Shodan suchten sie in einem Radius von einem Kilometer um die jeweiligen Standorte nach internetfähigen Gebäudeautomations- und Industrial-Control-Systemen.

Dabei identifizierten die Forscher rund 6.300 öffentlich erreichbare Geräte. Zu den gefundenen Systemen gehören unter anderem BACnet-Controller und Niagara-Plattformen, die für die Überwachung und Steuerung von Kühlung, Energieversorgung und Umgebungsbedingungen eingesetzt werden können.

Die Untersuchung konzentriert sich ausschließlich auf Standorte in den USA. Ihre Ergebnisse sind dennoch auch für Deutschland und Europa relevant. Insbesondere in großen Rechenzentrumsregionen wie Frankfurt am Main wächst die Infrastruktur infolge des steigenden Bedarfs an Cloud- und KI-Rechenleistung erheblich. Die Studie liefert daher Hinweise auf ein grundsätzliches Sicherheitsproblem, das nicht auf einzelne Länder beschränkt sein dürfte.

Die räumliche Nähe eines öffentlich erreichbaren Systems zu einem Rechenzentrum belegt allerdings nicht in jedem Einzelfall, dass es unmittelbar zu der jeweiligen Anlage gehört. Sie macht jedoch sichtbar, wie groß die potenzielle Angriffsfläche in hochverdichteten Rechenzentrumsregionen sein kann.

Neuere Standorte weisen höhere Expositionsraten auf

Im Umfeld von rund 100 der insgesamt 1.063 untersuchten Rechenzentren fanden die Forscher öffentlich erreichbare Gebäudeleit- und Steuerungssysteme. Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen älteren und neueren Anlagen: Bei Rechenzentren, die seit 2021 errichtet wurden, lag die ermittelte Expositionsrate bei 13,1 Prozent. Bei Anlagen aus der Zeit vor 2010 waren es dagegen 4,9 Prozent.

TrendAI sieht darin einen möglichen Zusammenhang zwischen dem hohen Bautempo im Zuge des KI-Booms und einer unzureichenden Absicherung der technischen Infrastruktur. Die Ergebnisse legen nahe, dass Sicherheitsanforderungen an Gebäudeautomation und Betriebstechnik bei Planung, Bau und Inbetriebnahme neuer Rechenzentren nicht immer mit der Geschwindigkeit des Kapazitätsausbaus Schritt halten.

Auf den identifizierten Geräten fanden die Forscher Softwarestände, denen insgesamt 53 bekannte Schwachstellen zugeordnet werden konnten. Einige davon erreichen nach dem Common Vulnerability Scoring System einen kritischen Höchstwert von 10,0. Eine öffentlich erreichbare Schnittstelle bedeutet zwar nicht automatisch, dass ein System unmittelbar kompromittiert werden kann. Sie vergrößert jedoch die Angriffsfläche und erleichtert potenziellen Angreifern die Aufklärung möglicher Ziele.

Hinzu kommt die Rolle sogenannter Multi-Protokoll-Gateways. Von den rund 3.991 identifizierten IP-Adressen fungierten laut Untersuchung 143 als solche zentralen Zugangspunkte. Über ein einziges Gateway könnten damit mehrere Komponenten oder Protokolle der Gebäudeautomation erreichbar sein.

Angriffe könnten den Rechenzentrumsbetrieb unmittelbar beeinträchtigen

Gebäudeautomationssysteme steuern zentrale Voraussetzungen für den sicheren Betrieb eines Rechenzentrums. Dazu gehören insbesondere Kühlung, Klimatisierung, Stromversorgung und Umgebungsüberwachung. Eine Manipulation dieser Systeme kann deshalb ebenso gravierende Folgen haben wie ein Angriff auf die IT-Infrastruktur selbst.

Angreifer könnten beispielsweise Kühlaggregate abschalten oder Temperatur- und Feuchtigkeitswerte verändern. Dadurch besteht die Gefahr, dass Server und andere technische Komponenten außerhalb ihrer zulässigen Betriebsbedingungen arbeiten. Manipulierte Warnmeldungen könnten außerdem Betriebspersonal binden und tatsächliche Störungen verschleiern. Werden darüber hinaus Zugangs- oder Steuerungsfunktionen beeinträchtigt, kann dies die Reaktionsfähigkeit der Facility-Teams in einer kritischen Situation erheblich einschränken.

„Server in Rechenzentren gehören zu den am stärksten geschützten digitalen Umgebungen der Welt – doch die physische Infrastruktur, die sie am Leben hält, liegt oft fast vollständig außerhalb dieses Schutzes. Wenn ein Angreifer sich Zugriff auf Gebäudesysteme verschafft, hat er einen weiteren Weg, um dasselbe Ziel zu erreichen wie mit einem klassischen Cyberangriff: Dienste offline zu nehmen“, sagt Stephen Hilt, Principal Threat Researcher bei TrendAI.

Die identifizierten Systeme wurden nach Angaben des Unternehmens ausschließlich über eine passive Recherche in öffentlich verfügbaren Internetdaten gefunden. Ein aktives Eindringen in die Systeme fand nicht statt.

„Unsere Forscher haben diese 6.300 Systeme allein durch eine passive Internet-Recherche gefunden – ganz ohne Hacking, einfach über eine öffentliche Suchmaschine für internetfähige Geräte. Wenn sich diese Schwachstellen schon so leicht aufspüren lassen, drängt sich die Frage auf, wie es um die Bereiche steht, die von außen nicht einsehbar sind“, erklärt Udo Schneider, Governance, Risk & Compliance Lead Europe bei TrendAI.

IT- und Gebäudesicherheit gemeinsam betrachten

Die Ergebnisse unterstreichen, dass der Schutz von Rechenzentren nicht an der Grenze zwischen Informationstechnik und Gebäudebetrieb enden darf. Gebäudeautomation, industrielle Steuerungssysteme und Facility-Netzwerke müssen in Sicherheitsanalysen, Netzwerksegmentierung, Schwachstellenmanagement und Notfallplanung einbezogen werden.

Das gilt insbesondere für neue KI-Rechenzentren, deren Leistungsdichte hohe Anforderungen an Kühlung und Energieversorgung stellt. Je stärker der Betrieb von digital vernetzten Steuerungssystemen abhängt, desto wichtiger wird eine konsolidierte Betrachtung von IT-, OT- und physischer Sicherheit. Die Verfügbarkeit eines Rechenzentrums entscheidet sich damit nicht allein im Serverraum, sondern zunehmend auch an den Schnittstellen seiner technischen Gebäudeinfrastruktur.

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