Mindestlohn mit dem Vorschlaghammer – Wie politische Symbolpolitik Tarifautonomie und Wirtschaft zerschlägt

Juni 30, 2025

Was als sozialpolitisches Wohlfühlprojekt verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ökonomisches Harakiri: Die von der Mindestlohnkommission empfohlene und politisch befeuerte Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns ist nichts anderes als ein ideologisch motivierter Eingriff in die Tarifhoheit – zur Unzeit, mit fatalen Folgen. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) warnt eindringlich vor einer Entwicklung, die nicht nur ein fundamentales Prinzip der Sozialpartnerschaft untergräbt, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Branchen gefährdet. Es ist Zeit, die rosarote Brille der Gerechtigkeitsrhetorik abzunehmen – und den Blick auf die Realität zu richten.
Der gesetzliche Mindestlohn soll angeblich gegen Armut helfen und für Gerechtigkeit sorgen – doch die aktuelle Erhöhung gleicht eher einem wirtschaftspolitischen Brandbeschleuniger als einer sozialen Errungenschaft. Inmitten einer wirtschaftlichen Schwächephase, in der Unternehmen um Stabilität kämpfen und die Unsicherheit wächst, kommt dieser staatlich verordnete Lohnsprung einem beispiellosen Kraftakt gleich. Wer glaubt, dass Unternehmen in der Lage sind, Lohnsteigerungen von über acht Prozent einfach so zu verkraften, hat entweder noch nie ein Unternehmen geführt – oder handelt aus rein parteipolitischen Motiven.

Was wir erleben, ist der schleichende Abgesang auf die Tarifautonomie. Die Mindestlohnkommission wurde einst geschaffen, um auf Basis tariflicher Entwicklungen verlässlich und wirtschaftsnah zu agieren. Doch wenn politische Lautstärke zunehmend Maßstab für gesetzliche Untergrenzen wird, dann verkommen Tarifverhandlungen zur Staffage. Das ist nicht nur ein Angriff auf Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften – es ist ein Misstrauensvotum gegen das gesamte System der Sozialpartnerschaft.

Besonders alarmierend ist die Wirkung auf die öffentliche Auftragsvergabe. Wenn tarifgebundene Sicherheitsunternehmen aufgrund höherer Lohnkosten systematisch bei Ausschreibungen benachteiligt werden, öffnet das unseriösen Billiganbietern Tür und Tor – auf Kosten von Qualität, Sicherheit und Fairness. Was folgt, ist ein ruinöser Wettbewerb, in dem der billigste Anbieter gewinnt, nicht der beste.

Gleichzeitig verwischt die Lohnangleichung zwischen ungelernten und qualifizierten Kräften zentrale Leistungsanreize. Warum sich noch weiterbilden, wenn der Unterschied im Lohnniveau kaum mehr spürbar ist? Die Mindestlohnerhöhung wird damit zum Bumerang für die Fachkräftesicherung – gerade in einer Branche wie der Sicherheitswirtschaft, in der Professionalität nicht Kür, sondern Pflicht ist.

Und als ob das nicht genug wäre, droht die nächste Lohn-Preis-Spirale bereits am Horizont: Wenn Löhne steigen, steigen auch die Preise – im Einzelhandel, in der Gastronomie, bei Dienstleistungen. Die nächste Tarifrunde wird darauf reagieren – und so dreht sich die Spirale immer weiter, angetrieben von einem politischen Aktionismus, der die Grundlagen ökonomischer Vernunft ignoriert.

Aber was zählt schon wirtschaftliche Realität, wenn man Gerechtigkeit mit dem Taschenrechner berechnen will? Hauptsache, der Mindestlohn klingt nach Haltung. Und wenn am Ende Tarifautonomie, Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräfteentwicklung auf der Strecke bleiben – dann ist das eben der Preis für ein bisschen parteipolitische Profilierung. Man kann schließlich nicht alles haben: faire Bedingungen und gute Schlagzeilen.

Dr Claudia Mrozek – Diesen Beitrag finden Sie auch in der Ausgabe Euro Security DACH 6-2025

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