Fachartikel in englischer Sprache von Andreas Beerbaum ist Basis dieses Artikels*
Die Diskussion über Trends in der physischen Sicherheitsbranche wird 2026 unweigerlich von einem Thema dominiert: Künstliche Intelligenz. Doch so prägend der Einsatz von KI auch ist – sie entfaltet ihre Wirkung nur im Zusammenspiel mit geeigneter Infrastruktur, neuen Kooperationsmodellen und einem zunehmend komplexen regulatorischen Rahmen. Neben technologischen Innovationen werden daher Zusammenarbeit und Regulierung zu den entscheidenden Faktoren, die den Sicherheitsmarkt im kommenden Jahr strukturieren.
KI braucht Infrastruktur: VSaaS als Fundament der nächsten Generation
Der zunehmende Einsatz KI-gestützter Videoanalyse stellt hohe Anforderungen an Netze, Rechenleistung und Systemarchitekturen. Klassische Video-Management-Systeme (VMS), die lokal betrieben werden, stoßen hier zunehmend an Grenzen. Sie erfordern hohe Investitionen in Hardware, Wartung und regelmäßige Upgrades – insbesondere für Organisationen mit verteilten Standorten.
Cloudbasierte Videoüberwachungslösungen, bekannt als Video-Surveillance-as-a-Service (VSaaS), entwickeln sich daher zum infrastrukturellen Rückgrat moderner Sicherheitskonzepte. Sie ermöglichen den standortunabhängigen Zugriff auf Videodaten, die zentrale Verwaltung heterogener Kameraflotten und die Integration von Lösungen unterschiedlicher Hersteller. In Kombination mit generativer KI verbessern VSaaS-Plattformen die Lageerkennung, verkürzen Reaktionszeiten und beschleunigen die Nachbereitung von Vorfällen erheblich.
Während klassische CCTV-Systeme stark auf menschliche Beobachtung angewiesen sind, adressiert KI ein strukturelles Grundproblem: Die Zahl der Kameras übersteigt die verfügbare Personalkapazität häufig um ein Vielfaches. KI-basierte Videoanalytik fungiert hier als permanentes „zweites Paar Augen“, das Videoströme in Echtzeit analysiert, Muster erkennt und relevante Ereignisse priorisiert, bevor Situationen eskalieren.
Ein zusätzlicher Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Cloud-first-Strategien reduzieren den Bedarf an lokaler Hardware und senken damit Energieverbrauch und CO₂-Fußabdruck – ein zunehmend relevantes Argument für europäische Organisationen, die Umwelt- und ESG-Ziele erfüllen müssen.
LiDAR: Vom Trendbegriff zum belastbaren Sicherheitskonzept
Noch zu Beginn des Jahres 2025 wurde LiDAR vielfach als Zukunftstechnologie mit unklarem praktischen Nutzen diskutiert. Diese Phase ist inzwischen überwunden. LiDAR-basierte 3D-Detektionssysteme etablieren sich zunehmend als ernstzunehmende Alternative oder Ergänzung zu klassischen Perimeterschutzlösungen.
Ein Beispiel ist der Einsatz von LiDAR bei EG.D, einem Unternehmen der E.ON-Gruppe, zur Sicherung von Umspannwerken. Solche Anwendungen verdeutlichen, dass LiDAR insbesondere dort Mehrwert bietet, wo klassische Video- oder Sensortechnik an ihre Grenzen stößt – etwa bei schwierigen Lichtverhältnissen, großen Arealen oder komplexen Geometrien.
Marktanalysen unterstreichen diese Entwicklung: Der globale LiDAR-Markt für Sicherheitsanwendungen wird 2025 auf rund 1,38 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll in den kommenden acht Jahren auf über 4 Milliarden US-Dollar anwachsen. Für 2026 ist mit einer Ausweitung der Einsatzfelder zu rechnen, insbesondere in kritischen Infrastrukturen, im Luft- und Schienenverkehr, in Rechenzentren, Justizvollzugsanstalten sowie in Logistik- und Lagerumgebungen.
Videobeweise effizient teilen: Sicherheit als Gemeinschaftsaufgabe
Parallel zur technologischen Entwicklung verändert sich auch die Zusammenarbeit zwischen privaten Akteuren und staatlichen Stellen. In den vergangenen Jahren haben nahezu alle britischen Polizeibehörden digitale Systeme zur Beweisverwaltung eingeführt oder implementieren diese aktuell. Ziel ist es, Video- und Bildmaterial schneller und effizienter zwischen Unternehmen und Strafverfolgungsbehörden auszutauschen.
Diese Entwicklung gewinnt 2026 weiter an Dynamik. Der Crime and Policing Bill, der derzeit im britischen Parlament beraten wird, sieht unter anderem die Abschaffung der bisherigen Straflosigkeit bei Ladendiebstählen unter 200 Pfund vor. Gleichzeitig empfiehlt das British Retail Consortium (BRC), künftig jede Straftat konsequent zu melden. Damit ist ein deutlicher Anstieg des zu übermittelnden Videomaterials absehbar.
Auch der Retail Crime Action Plan des National Police Chiefs’ Council fordert, dass Händler Videomaterial möglichst vollständig und zeitnah digital zur Verfügung stellen. VSaaS-Modelle erweisen sich hier als besonders geeignet: Große Handelsketten mit zentralen Leitstellen können Videodaten aus einzelnen Filialen schnell abrufen und übermitteln, während kleinere Händler ohne lokale IT-Infrastruktur von einfachen, cloudbasierten Freigabeprozessen profitieren.
Moderne VMS-Lösungen unterstützen zudem die Integration von Body-Worn Video, das im Einzelhandel – insbesondere bei größeren Unternehmen – zunehmend sowohl im Laden als auch im Lieferverkehr eingesetzt wird. Dadurch entstehen neue, integrierte Beweisketten, die Ermittlungsprozesse vereinfachen.
Regulierung als strukturierender Faktor
Neben Innovation und Zusammenarbeit wird Regulierung 2026 zu einem der prägendsten Themen der Branche. Mehrere Gesetzesinitiativen verändern derzeit den rechtlichen Rahmen für physische Sicherheit erheblich. In Großbritannien betrifft dies neben dem Crime and Policing Bill auch den Terrorism (Protection of Premises) Act 2025 (Martyn’s Law). In Deutschland wirkt das KRITIS-Dachgesetz unmittelbar auf Betreiber kritischer Infrastrukturen. Auf europäischer Ebene wird der EU AI Act weiterentwickelt und angepasst – mit direkten Auswirkungen auf KI-basierte Sicherheitslösungen.
Für Unternehmen bedeutet dies: Technologische Innovationen müssen künftig noch stärker mit rechtlichen Vorgaben, Transparenzanforderungen und Governance-Strukturen in Einklang gebracht werden. Gleichzeitig schaffen klare regulatorische Rahmenbedingungen Planungssicherheit und fördern Investitionen in neue Sicherheitsarchitekturen.
Ausblick: Ein Jahr des Wandels
Die kommenden zwölf Monate versprechen eine Phase intensiver Innovation, Investition und Konsolidierung. Technologien, die vor wenigen Jahren noch als zu teuer oder unausgereift galten, werden 2026 breitenwirksam verfügbar sein. Entscheidend wird sein, diese Technologien nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in integrierte, kooperative und regelkonforme Sicherheitsökosysteme einzubetten.
Zur Person: Andreas Beerbaum* ist Vice President Global Sales & Services, Physical Security, bei Hexagons Division Safety, Infrastructure & Geospatial. Er ist zudem maßgeblich an der Entwicklung von Octave, dem geplanten Software-Spin-off von Hexagon AB, beteiligt. Das Octave-Portfolio soll Kunden dabei unterstützen, komplexe Umgebungen besser zu planen, zu betreiben, zu schützen und Vorfälle effizienter zu bewältigen.


