Der Stromausfall in Berlin seit dem 3. Januar 2026 ist in seiner Dimension außergewöhnlich, in seinen Ursachen und politischen Folgen jedoch bemerkenswert vertraut. Fünf beschädigte Hochspannungskabel, zehntausende Haushalte ohne Strom und Heizung, Einschränkungen bei Mobilfunk, Verkehr, Schulen und Versorgung – die faktische Lage ist eindeutig und gravierend. Ebenso eindeutig ist, dass es sich nach übereinstimmender Einschätzung von Polizei und Politik um einen gezielten, terroristisch motivierten Angriff auf kritische Infrastruktur handelt.
Neu ist daran wenig. Bereits frühere Brandanschläge auf Strommasten, Sabotageakte an Bahnanlagen und Störungen durch Drohnen über Flughäfen haben gezeigt, wie verwundbar zentrale Versorgungs- und Verkehrssysteme sind. Auch die nun erneut beschworene Erkenntnis, dass kritische Infrastrukturen in Deutschland „angreifbar“ sind, gehört seit Jahren zum sicherheitspolitischen Grundwissen. Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und den täglich registrierten hybriden Angriffen ist diese Lage unstrittig.
Dennoch zeigt der Berliner Fall erneut, wie groß die Kluft zwischen Wissen und Handeln ist. Dass Betreiber von Strom- und Gasnetzen verpflichtet sind, detaillierte Karten, Trassenverläufe und technische Parameter öffentlich bereitzustellen, ist kein Geheimnis. Ebenso wenig ist neu, dass diese Daten digital, dauerhaft und ohne wirksame Zugriffsbeschränkung verfügbar sind – und sich mit KI-gestützten Werkzeugen systematisch auswerten lassen. Die Warnungen des BDEW und der Netzbetreiber lagen lange vor dem aktuellen Anschlag auf dem Tisch.
Politisch reagiert wird dennoch erst jetzt – mit Forderungen nach Neubewertung von Transparenzpflichten, mehr Videoüberwachung, zusätzlichen Redundanzen und der Verlagerung der letzten oberirdischen Leitungsabschnitte unter die Erde. Parallel wird auf das KRITIS-Dachgesetz verwiesen, dessen Umsetzung weiterhin aussteht und das seit Jahren als zentraler Baustein für einen verbesserten Schutz kritischer Infrastrukturen gilt. Dass dieses Gesetz ausgerechnet im Moment einer realen Versorgungskrise noch immer nicht greift, spricht für sich.
So entsteht das Bild einer Politik, die Krisen präzise beschreiben kann, sobald sie eingetreten sind, deren Handlungsperspektiven jedoch überwiegend retrospektiv bleiben. Prävention wird zur nachträglichen Einsicht, Resilienz zum Ankündigungsversprechen. Die Qualifikation liegt offenkundig weniger in der Vermeidung von Krisen als in der routinierten Verwaltung ihrer Folgen.
Die ironische Konstante dabei: Erst wenn 45.000 Haushalte ohne Strom sind und der Ausnahmezustand ausgerufen wird, gilt die Lage als ausreichend ernst, um bekannte Probleme endlich politisch zu würdigen. Immerhin lässt sich dann glaubhaft erklären, warum man nun „keine Zeit mehr verlieren darf“ – ein Satz, der in der deutschen Krisenpolitik zuverlässig erst dann fällt, wenn genau diese Zeit längst verloren ist.
Gleichzeitig wäre es sachlich falsch, den Blick ausschließlich auf politische Versäumnisse zu richten. Anerkennung verdienen ausdrücklich jene Akteure, die jenseits von Strategiepapieren und Zuständigkeitsdebatten tatsächliche Krisenbewältigung geleistet haben. Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei, THW, Netzbetreibern und technischen Diensten haben unter hohem Zeitdruck, widrigen Bedingungen und bei laufenden Ermittlungen professionell gearbeitet und die Stromversorgung schneller wiederhergestellt als zunächst prognostiziert – nach übereinstimmenden Berichten sogar einen Tag früher als erwartet.
Diese Leistung ist kein Nebenaspekt, sondern der eigentliche Beweis funktionierender staatlicher Handlungsfähigkeit im Ernstfall. Während politische Ebenen noch über Ursachen, Bewertungen und künftige Gesetzesinitiativen diskutierten, wurde vor Ort repariert, umgeschaltet, abgesichert und versorgt. Krisenintervention fand dort statt, wo sie hingehört: pragmatisch, koordiniert und ergebnisorientiert.
Der nüchterne Befund lautet daher: Die operative Ebene hat geliefert, die konzeptionelle hinkt hinterher. Oder anders formuliert: Während die einen noch erklären, warum man handeln müsse, haben die anderen bereits gehandelt. Dass die Lichter in Berlin früher wieder angingen als angekündigt, ist weniger ein Erfolg politischer Steuerung als ein Verdienst jener Fachkräfte, die Krisen nicht kommentieren, sondern beheben.

