Wenn die Flüsse wenig Wasser führen, muss Hochwasservorsorge beginnen

August 7, 2026

Dürre, sinkende Pegelstände und ausgetrocknete Böden prägen das öffentliche Bild von Wasserknappheit. Doch ausgerechnet in solchen Phasen sollte der Blick auch auf die nächste Starkregenlage gerichtet werden. Denn Trockenheit und Hochwasser sind keine Gegensätze mehr, auf die sich Kommunen nacheinander einstellen können. Klimaanpassung bedeutet zunehmend, beide Extreme gleichzeitig zu beherrschen. Eine aktuelle Untersuchung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zeigt, welche Rolle Sensorik, Datenplattformen, digitale Zwillinge und KI dabei übernehmen können – und warum Technik allein noch keinen wirksamen Katastrophenschutz schafft.

Wenn über Wochen kaum Regen fällt und Flüsse wenig Wasser führen, wirkt Hochwasservorsorge zunächst wie ein Thema für später. Doch genau diese Trennung wird den neuen Risikolagen immer weniger gerecht. Ein trockener Sommer schützt eine Kommune nicht vor einem lokalen Starkregenereignis. Innerhalb kurzer Zeit können enorme Wassermengen auf versiegelte Straßen, ausgetrocknete Böden und überlastete Entwässerungssysteme treffen.

Besonders gefährlich sind dabei Ereignisse abseits der großen Flüsse. Kleine Gewässer, Bäche und oberirdische Abflusswege können nach lokalem Starkregen sehr schnell reagieren. Solche pluvialen Überflutungen können eigenständig auftreten oder sich mit klassischem Flusshochwasser überlagern. Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 hat besonders eindrücklich gezeigt, dass auch Gewässer zweiter und dritter Ordnung erhebliche Gefahren entwickeln können.

Für den Katastrophenschutz entsteht daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Risiken müssen früher erkannt, genauer lokalisiert und schneller in konkrete Entscheidungen übersetzt werden. Genau hier setzt die 2026 veröffentlichte Untersuchung „Digitale Lösungen zur Hochwasservorsorge bei Starkregen“ an. Sie wurde im Umfeld der Begleitforschung des Förderprogramms „Modellprojekte Smart Cities“ erarbeitet und untersucht, wie Kommunen digitale Technologien entlang des gesamten Katastrophenrisikomanagements einsetzen können.

Nicht nur die großen Flüsse im Blick behalten

Der klassische Hochwasserschutz konzentrierte sich lange vor allem auf bekannte Überschwemmungsgebiete großer Gewässer. Starkregen folgt jedoch einer anderen Logik. Er kann sehr kleinräumig auftreten und innerhalb kurzer Zeit enorme Oberflächenabflüsse erzeugen.

In Städten verschärft der hohe Versiegelungsgrad das Problem. Asphaltierte und bebaute Flächen nehmen kaum Wasser auf, während Kanäle bei extremen Niederschlagsmengen an ihre Kapazitätsgrenzen geraten. Im ländlichen Raum bestimmen dagegen Topografie, Bodenbeschaffenheit, Vegetation und Nutzung darüber, wie schnell Wasser oberirdisch abfließt.

Für die Gefahrenabwehr ist vor allem die kurze Reaktionszeit problematisch. Während ein langsam steigender Fluss häufig über Stunden oder Tage beobachtet werden kann, entwickeln sich konvektive Starkregenereignisse teilweise so schnell, dass für Vorbereitung und Warnung erheblich weniger Zeit bleibt.

Damit verändert sich auch der Informationsbedarf. Ein Krisenstab muss nicht nur wissen, wie hoch ein zentraler Flusspegel steht. Er benötigt möglichst früh Antworten auf andere Fragen: Welche kleinen Gewässer steigen gerade an? Wo sammelt sich Oberflächenwasser? Welche Unterführungen oder Zufahrten könnten unpassierbar werden? Welche Einrichtungen oder kritischen Infrastrukturen liegen in gefährdeten Bereichen?

Digitale Technologien können genau diese Informationslücken verkleinern.

Katastrophenschutz beginnt lange vor dem Ereignis

Die BBSR-Studie ordnet digitale Hochwasservorsorge entlang der vier klassischen Phasen des Katastrophenrisikomanagements: Prävention, Vorbereitung, Bewältigung und Nachbereitung. Entscheidend ist dabei, diese Phasen nicht als voneinander getrennte Schritte zu verstehen. Erkenntnisse nach einem Ereignis müssen wieder in Planung und Vorsorge einfließen.

In der Prävention stehen langfristige strukturelle Entscheidungen im Mittelpunkt. Gefährdungen sollen erkannt, Verwundbarkeiten reduziert und Siedlungs- sowie Infrastrukturen an die veränderten Risiken angepasst werden.

Digitale Werkzeuge können dafür sehr unterschiedliche Informationen zusammenführen: hydrologische und hydrodynamische Modelle, Topografie, Flächennutzung, Niederschlagsdaten, Klimaszenarien oder Informationen über Bebauung und Infrastruktur. GIS-Analysen, Simulationen und digitale Zwillinge machen daraus räumliche Risikobilder. Gleichzeitig lassen sich die Auswirkungen möglicher Gegenmaßnahmen simulieren.

Dadurch wird Digitalisierung zu einem Planungsinstrument. Sie beantwortet nicht nur die Frage, wo Wasser wahrscheinlich Schäden verursachen wird, sondern auch, welche Flächen entsiegelt, welche Rückhalteräume geschaffen oder welche Bauvorhaben angepasst werden sollten.

Berlin: Hochwasservorsorge als Teil der Stadtplanung

Berlin zeigt, wie eng Starkregenvorsorge inzwischen mit klimaresilienter Stadtentwicklung verbunden werden kann.

Im Rahmen des Projekts SmartWater wird ein webbasiertes Planungsinstrument für sogenannte blau-grüne Infrastruktur eingesetzt. Zu diesem Ansatz gehören beispielsweise Grünflächen, Gründächer, Versickerungsbereiche oder andere Maßnahmen, die Regenwasser aufnehmen, speichern oder verzögert ableiten können.

Das digitale Werkzeug erlaubt zunächst, räumliche Belastungen eines Quartiers zu untersuchen. Dazu zählen Starkregenrisiken, Versiegelung, Hitzebelastung oder Belange des Gewässerschutzes. Anschließend können Potenziale und planerische Einschränkungen analysiert und unterschiedliche Maßnahmen in einem Modell platziert werden. Simulationen zeigen danach, welche Auswirkungen diese voraussichtlich haben.

Der Ansatz ist gerade mit Blick auf die Verbindung von Trockenheit und Starkregen interessant. Eine Fläche, die Wasser zurückhält und versickern lässt, kann zwei Funktionen erfüllen: Sie reduziert Abflussspitzen bei heftigem Regen und hilft zugleich, Wasser länger im urbanen Raum zu speichern.

Berlin ergänzt die planerische Ebene um ein Hochwasser-Infoportal. Bürgerinnen und Bürger sollen dort adressbezogen erkennen können, ob in ihrer Umgebung eine Starkregengefahr besteht und welche Maßnahmen zur Eigenvorsorge sinnvoll sein können. Dahinter steht eine zentrale Datenplattform mit offenen Schnittstellen und weitgehend offenen Softwarekomponenten.

Damit wird bereits ein weiterer Grundsatz moderner Hochwasservorsorge sichtbar: Daten entfalten ihren Wert erst dann vollständig, wenn sie nicht in einzelnen Fachsystemen eingeschlossen bleiben.

Dresden: Hochwasser bis auf Gebäudeebene simulieren

Noch anschaulicher wird die Digitalisierung im Dresdner Starkregenzwilling.

Die Stadt erweitert dafür ein vorhandenes 3D-Stadtmodell um wasserwirtschaftlich relevante Informationen. Gebäude, Straßen, Gewässer, Kanäle sowie Grün- und Freiflächen werden mit Niederschlags-, Abfluss- und Schadensinformationen verknüpft. Sensor- und Radardaten fließen ebenfalls ein.

Das Ergebnis soll ein digitales Abbild schaffen, in dem Überflutungsszenarien räumlich nachvollziehbar werden.

Über eine 3D-Web-Anwendung können für ausgewählte Starkregenereignisse mögliche Überflutungstiefen dargestellt werden. Die Analyse reicht bis zur Ebene einzelner Gebäude. Für die Verwaltung entsteht dadurch eine Grundlage für Risikoanalysen und planerische Entscheidungen; gleichzeitig können Gefahren gegenüber der Bevölkerung deutlich verständlicher kommuniziert werden als mit klassischen Fachkarten.

Der entscheidende Fortschritt liegt dabei weniger im spektakulären 3D-Modell als in der Verknüpfung zuvor getrennter Informationen. Aus einzelnen Datenbeständen entsteht ein gemeinsames räumliches Lage- und Planungsbild.

Für den Katastrophenschutz eröffnet das zusätzliche Möglichkeiten. Denn im Ereignisfall zählt nicht allein ein steigender Wasserstand. Relevant ist, welche Folgen daraus entstehen: Ist eine Straße noch erreichbar? Liegt ein Pflegeheim in einer Senke? Ist eine Trafostation gefährdet? Welche Rettungswege könnten ausfallen?

Digitale Zwillinge können helfen, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen.

Der Anwendungsfall bestimmt das Sicherheitsniveau

Dabei darf allerdings nicht jedes digitale System nach denselben Kriterien bewertet werden.

Ein öffentliches Informationsportal, das Bürger über allgemeine Risiken informiert, stellt andere Anforderungen an Datenqualität und Verfügbarkeit als ein System, dessen Informationen unmittelbar für Einsatzentscheidungen eines Krisenstabes verwendet werden.

Genau diese Differenzierung gehört zu den zentralen Schlussfolgerungen der BBSR-Untersuchung. Digitale Lösungen sollten vom konkreten Problem und Anwendungsfall her entwickelt werden. Erst danach lässt sich bestimmen, welche Daten benötigt werden, wie aktuell sie sein müssen, wie zuverlässig Übertragungswege funktionieren sollen und welches Sicherheitsniveau erforderlich ist.

Für den Katastrophenschutz bedeutet das: Je näher ein digitales System an operative Entscheidungen heranrückt, desto höher werden Anforderungen an Validität, Ausfallsicherheit und Cybersicherheit.

Ein schönes Dashboard ist noch kein Lageführungssystem.

Eifelkreis Bitburg-Prüm: Messnetze für die kleinen Gewässer

Wie entscheidend eine bessere lokale Datenbasis sein kann, zeigt der Eifelkreis Bitburg-Prüm.

Die Hochwasserkatastrophe 2021 hatte dort unter anderem sichtbar gemacht, dass kleinere Gewässer bei Starkregen sehr schnell gefährlich werden können, obwohl sie in klassischen Pegelnetzen nicht immer ausreichend erfasst werden.

Der Landkreis baut deshalb ein digitales Gewässermonitoring auf. An Gewässern zweiter und ausgewählten Gewässern dritter Ordnung wurden 32 autarke, batteriebetriebene Radarsensoren installiert. Sie messen Wasserstände in kurzen Zeitabständen und übertragen ihre Daten per LTE-M an eine zentrale Open-Source-Datenplattform.

Für Katastrophenschutz, Feuerwehren und Fachämter steht ein internes Dashboard mit zusätzlichen Informationen zur Verfügung. Parallel können Bürger aktuelle Pegelstände über ein öffentliches Dashboard abrufen. Die Messdaten werden außerdem über eine Schnittstelle an das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz übermittelt.

Das Projekt entwickelt sich jedoch über die reine Messung hinaus. Pegeldaten sollen mit Niederschlags- und Bodenfeuchteinformationen verknüpft werden. Auf dieser Basis entsteht ein KI-gestütztes Prognosemodell, das Hochwasserentwicklungen perspektivisch mehrere Stunden im Voraus erkennen soll.

Damit zeigt das Projekt, wo der eigentliche Mehrwert künstlicher Intelligenz liegen kann: nicht darin, hydrologisches Fachwissen zu ersetzen, sondern Datenströme schneller zusammenzuführen und daraus frühzeitig Hinweise auf kritische Entwicklungen abzuleiten.

Hochwasser kennt keine Kreisgrenze

Noch bemerkenswerter ist die organisatorische Dimension des Projekts.

Der Eifelkreis arbeitet mit weiteren Kommunen und Landkreisen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland an einer gemeinsamen modularen Datenplattform. Weil die beteiligten Gebiete hydrologisch zusammenhängen, können Pegelentwicklungen über Verwaltungsgrenzen hinweg betrachtet werden.

Für unterhalb gelegene Gemeinden ist das besonders wertvoll. Steigende Wasserstände im Oberlauf können früher sichtbar werden, sodass sich Entwicklungen flussabwärts besser antizipieren lassen.

Damit wird ein strukturelles Problem des deutschen Katastrophenschutzes sichtbar: Behörden, IT-Systeme und Zuständigkeiten sind administrativ organisiert – Wasser ist es nicht.

Ein Einzugsgebiet kann mehrere Gemeinden, Kreise und Bundesländer umfassen. Digitale Hochwasservorsorge muss deshalb möglichst entlang hydrologischer Zusammenhänge geplant werden und nicht ausschließlich entlang kommunaler Grenzen.

Solingen: Vom allgemeinen Alarm zur lokalen Gefahreninformation

Ein zweites Problem klassischer Warnsysteme ist ihre räumliche Genauigkeit.

Eine Warnung für einen ganzen Landkreis kann fachlich korrekt sein und trotzdem für einen einzelnen Stadtteil zu unspezifisch bleiben. Gerade in topografisch stark gegliederten Regionen können wenige Kilometer darüber entscheiden, ob ein Gebiet massiv betroffen ist oder weitgehend verschont bleibt.

Solingen setzt deshalb auf ein lokales Sensornetz entlang von Bächen und der Wupper. Die Sensoren überwachen Wasserstände in den Tallagen in einem einminütigen Intervall.

Bemerkenswert ist dabei die Kommunikationsarchitektur: Daten werden über Glasfaser, Mobilfunk und LoRaWAN übertragen. Mehrere Übertragungswege erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen auch dann verfügbar bleiben, wenn einzelne Komponenten während einer Krisenlage ausfallen.

Die Messwerte laufen im Open SmartCity Hub der Stadt zusammen und werden mit Daten weiterer Akteure, insbesondere des Wupperverbandes, ergänzt.

Feuerwehr und Katastrophenschutz erhalten daraus ein lokales Lagebild. Gleichzeitig werden Bürgerinnen und Bürger über die App „Mensch, Solingen!“ informiert. Zur Zeit der Untersuchung verfügte sie über rund 22.000 aktive Nutzer bei etwa 160.000 Einwohnern. Zusätzlich können Warnhinweise über digitale Informationsstelen im öffentlichen Raum verbreitet werden.

Der Ansatz ergänzt bundesweite und landesweite Warnsysteme also um eine weitere Ebene: die quartiersnahe Konkretisierung.

Wenn das Warnsystem selbst zum Risikofaktor wird

Mit zunehmender Digitalisierung entsteht jedoch ein neues Abhängigkeitsverhältnis.

Sensoren, Datenplattformen und Apps verbessern die Lagebeurteilung nur, solange sie verfügbar sind. Stromausfälle, beschädigte Kommunikationswege, überflutete Serverräume oder Cyberangriffe können genau im entscheidenden Moment die Systeme treffen, auf denen die Gefahrenabwehr aufbaut.

Auch hierzu liefert Solingen ein anschauliches Beispiel. Während des Hochwassers 2021 waren Serverräume der Stadtverwaltung durch Wasserschäden bedroht. Ein Ausfall der IT hätte nicht nur den Krisenstab getroffen, sondern Verwaltungsleistungen bis hin zur Auszahlung von Sozialleistungen beeinträchtigen können.

Damit wird Hochwasser zu einem möglichen Auslöser von Kaskadeneffekten.

Aus dem Naturereignis kann ein IT-Ausfall entstehen. Aus dem IT-Ausfall wiederum können Störungen bei Verwaltung, Versorgung oder sozialen Dienstleistungen folgen.

Digitale Katastrophenvorsorge muss deshalb immer auch die Resilienz ihrer eigenen technischen Basis einschließen.

Cybersicherheit gehört zur Hochwasservorsorge

Diese Frage reicht bis in den Bereich kritischer Infrastrukturen.

Kommunale Sensornetze setzen häufig auf Technologien wie LoRaWAN oder NB-IoT. Sie sind effizient, kostengünstig und für verteilte Messsysteme gut geeignet. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sie alle Anforderungen sicherheitskritischer Anwendungen erfüllen.

Die BBSR-Untersuchung weist ausdrücklich auf den Unterschied zwischen normalen Smart-City-Anwendungen und KRITIS-nahen Systemen hin. Wo Daten unmittelbar sicherheitsrelevante Entscheidungen beeinflussen, steigen die Anforderungen an Qualität, Verfügbarkeit und IT-Sicherheit.

Eine Möglichkeit ist technische Redundanz. Verschiedene Kommunikationswege können parallel genutzt werden. Ebenso wichtig sind jedoch organisatorische Fragen:

  • Wer überwacht die Sensorik?
  • Wer validiert auffällige Messwerte?
  • Wer ist bei einem Ausfall verantwortlich?
  • Welche Systeme müssen auch bei Strom- oder Netzausfall funktionieren?
  • Wie werden Zugriffsrechte geschützt?
  • Und wie wird verhindert, dass manipulierte oder fehlerhafte Daten Entscheidungen im Krisenstab beeinflussen?

Damit wird deutlich: Digitale Hochwasservorsorge ist zugleich eine Aufgabe der Cyberresilienz.

Aus Daten muss ein gemeinsames Lagebild werden

Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in offenen Schnittstellen und gemeinsamen Datenstandards.

Kommunale Hochwasservorsorge berührt Umweltämter, Stadtplanung, Wasserwirtschaft, Feuerwehren, Katastrophenschutzbehörden, Infrastrukturbetreiber, Landesbehörden und zahlreiche weitere Akteure.

Wenn jeder Beteiligte seine Informationen in einem eigenen System hält, entsteht trotz Digitalisierung kein gemeinsames Lagebild.

Interoperable Schnittstellen ermöglichen dagegen, Messwerte und Fachinformationen systemübergreifend auszutauschen. Der Eifelkreis Bitburg-Prüm zeigt beispielsweise, dass kommunale Sensordaten in übergeordnete Landesinformationssysteme integriert werden können. Dabei muss transparent erkennbar bleiben, welche Werte amtlich validiert und welche ergänzende kommunale Messungen sind.

Diese technische Vernetzung muss durch eine kommunale Datenstrategie ergänzt werden.

Denn mit der Zahl verknüpfter Systeme wachsen auch Fragen nach Datenhoheit, Zugriffsrechten und Verantwortlichkeiten. Nicht jede Information über kritische Infrastruktur darf öffentlich verfügbar sein. Zugleich benötigen Feuerwehr und Krisenstäbe schnell Zugang zu relevanten Daten.

Data Governance wird damit zum Bestandteil der Gefahrenabwehr.

Vom digitalen Lagebild zur politischen Entscheidung

Ein besonders wichtiger Punkt der Studie reicht über den klassischen Katastrophenschutz hinaus.

Digitale Werkzeuge sollten nicht nur im Krisenstab verwendet werden. Sie können auch politische und planerische Entscheidungen vorbereiten.

Eine Starkregensimulation kann beispielsweise zeigen, welche Folgen eine zusätzliche Bebauung für den Oberflächenabfluss hätte. Digitale Modelle können sichtbar machen, wo Entsiegelung notwendig wäre, welche Retentionsfläche besonders wirksam ist oder welche Infrastruktur bei verschiedenen Szenarien gefährdet wird.

Damit bekommt Risikovorsorge eine konkrete räumliche Dimension.

Die Entscheidung, ob eine Fläche bebaut, entsiegelt, begrünt oder als Rückhalteraum freigehalten wird, ist letztlich keine technische, sondern eine politische Entscheidung. Digitale Modelle können diese Entscheidung nicht abnehmen – aber sie können deren Folgen wesentlich transparenter machen. Die Studie empfiehlt deshalb ausdrücklich, digitale Werkzeuge auch als Grundlage planerischer und politischer Abwägungsprozesse einzusetzen.

Gerade hier zeigt sich die eigentliche Stärke digitaler Zwillinge: Sie können abstrakte Klimarisiken in räumlich nachvollziehbare Folgen übersetzen.

Landkreis Hof: Aus Ereignissen systematisch lernen

Während viele Digitalprojekte vor allem auf Prävention und Frühwarnung ausgerichtet sind, widmet sich der Landkreis Hof stärker einer Phase, die im Katastrophenschutz häufig unterschätzt wird: der Nachbereitung.

Für die 27 kreisangehörigen Kommunen wird eine „Transferwerkstatt Wasser“ aufgebaut. Dort werden unterschiedliche Ausgangslagen, bestehende Planungen und mögliche Maßnahmen systematisch analysiert. Erfahrungen sollen digital dokumentiert, bewertet und zwischen den Kommunen übertragen werden.

Eine zentrale Dateninfrastruktur und der digitale Zwilling hoferLand.digital sollen dabei Informationen aus unterschiedlichen Bereichen zusammenführen.

Der Ansatz ist wichtig, weil Katastrophenschutz nicht mit dem Ende des Einsatzes aufhören darf.

Nach einem Hochwasser muss ausgewertet werden, welche Annahmen falsch waren, welche Warnwege funktioniert haben, welche Infrastruktur besonders verwundbar war und welche Maßnahmen tatsächlich Schäden verhindert haben.

Digitale Schadenskataster, Messreihen und Einsatzdaten können diese institutionelle Lernphase erheblich verbessern. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse müssen anschließend wieder in Prävention und Vorbereitung zurückfließen.Erst dadurch entsteht ein echter Risikomanagementkreislauf.

Digitalisierung ersetzt keinen Hochwasserschutz

Nach einem Hochwasser beginnt eine ebenso wichtige Phase wie die unmittelbare Gefahrenabwehr: die systematische Auswertung des Ereignisses. Dabei muss untersucht werden, welche Annahmen sich als falsch erwiesen haben, welche Warnwege zuverlässig funktioniert haben, welche Infrastrukturen besonders verwundbar waren und welche Schutzmaßnahmen tatsächlich dazu beigetragen haben, Schäden zu begrenzen. Digitale Schadenskataster, langfristige Messreihen und dokumentierte Einsatzdaten können diese institutionelle Lernphase wesentlich unterstützen. Entscheidend ist jedoch, dass die gewonnenen Erkenntnisse nicht in einzelnen Berichten oder Datenbanken verbleiben, sondern konsequent in die Prävention und Vorbereitung auf künftige Ereignisse zurückfließen. Erst dadurch entsteht ein funktionierender Risikomanagementkreislauf.

Bei aller technologischen Entwicklung darf dabei eine grundlegende Grenze nicht aus dem Blick geraten: Digitalisierung ersetzt keinen physischen Hochwasserschutz. Sensoren können steigende Wasserstände frühzeitig erkennen, halten das Wasser selbst aber nicht zurück. Warn-Apps können Menschen schneller informieren, verhindern jedoch keine Überflutung. Digitale Zwillinge können gefährdete Bereiche sichtbar machen, entsiegeln aber keine Straßen oder Plätze. Auch KI-gestützte Prognosemodelle können wertvolle Zeit gewinnen, schaffen jedoch keine zusätzlichen Rückhalteflächen und ersetzen weder bauliche Schutzmaßnahmen noch eine vorausschauende Stadt- und Infrastrukturplanung.

Digitale Systeme schaffen vor allem eines: eine bessere Entscheidungsgrundlage.

Sie können zeigen, wo Risiken entstehen, welche Maßnahmen wahrscheinlich Wirkung entfalten, wann sich eine Lage verschärft und welche Menschen oder Infrastrukturen besonders betroffen sein könnten.

Die eigentliche Risikominderung entsteht anschließend durch konkrete planerische, bauliche und organisatorische Konsequenzen: Entsiegelung, Rückhalteflächen, blau-grüne Infrastruktur, angepasste Bauleitplanung, leistungsfähige Entwässerung, funktionierende Einsatzpläne und eingeübte Warnketten.

Genau deshalb warnt die Untersuchung davor, digitale Hochwasservorsorge als isoliertes Technologieprojekt zu betrachten. Besonders wirksam werden solche Systeme erst dann, wenn sie in bestehende Strukturen von Wasserwirtschaft, Stadtplanung, Verwaltung und Katastrophenschutz eingebettet sind.

Technik muss dem Risiko folgen – nicht umgekehrt

Aus den untersuchten Modellkommunen lässt sich deshalb eine übergreifende Lehre ableiten.

Nicht die verfügbare Technologie sollte bestimmen, welches Problem eine Kommune lösen möchte. Der Weg muss umgekehrt verlaufen.

Zunächst muss das konkrete Risiko definiert werden. Danach folgen Anforderungen an Daten, Sensorik, Modellierung, Kommunikationswege und Sicherheitsniveau. Ebenso früh müssen diejenigen eingebunden werden, die das System später tatsächlich verwenden: Wasserbehörden, Stadtplanung, IT, Feuerwehren, Krisenstäbe und gegebenenfalls Betreiber kritischer Infrastrukturen.

Die Untersuchung zeigt außerdem, dass kommunale Sensornetze besonders dann einen Mehrwert schaffen, wenn sie bestehende Messnetze ergänzen und gemeinsam mit Wasserwirtschaft und Katastrophenschutz geplant werden. Offene Standards und Schnittstellen erleichtern danach die Integration in vorhandene Fachsysteme.

Das Ziel ist nicht die möglichst „smarte“ Stadt.

Das Ziel ist eine Stadt, die unter außergewöhnlichen Bedingungen handlungsfähig bleibt.

Gerade Niedrigwasser ist Vorsorgezeit

Damit schließt sich der Kreis zur Trockenheit.

Klimaanpassung kann nicht mehr ausschließlich darauf reagieren, ob gerade zu viel oder zu wenig Wasser vorhanden ist. Beide Herausforderungen gehören zunehmend zu demselben strategischen Problem: Städte und Regionen müssen Wasser besser speichern, ableiten, verteilen und kontrollieren können.

Das Leitbild von Schwammstadt und Schwammregion bringt diese Verbindung besonders deutlich auf den Punkt. Regenwasser soll möglichst dort zurückgehalten werden, wo es fällt. Grünflächen, entsiegelte Böden, Speicher- und Versickerungsräume reduzieren Abflussspitzen bei Starkregen – und können zugleich dazu beitragen, Wasser in Trockenperioden länger im lokalen Kreislauf zu halten.

Damit werden Dürrevorsorge und Hochwasserschutz zu zwei Seiten derselben Resilienzstrategie.

Digitale Technologien können diesen Umbau beschleunigen. Sensoren verdichten das Wissen über Gewässer und Niederschläge. Datenplattformen verbinden Fachinformationen. Simulationen machen Risiken sichtbar. Digitale Zwillinge helfen, Maßnahmen vor ihrer Umsetzung zu bewerten. KI kann Entwicklungen früher erkennen. Warnsysteme bringen Informationen schneller zu Einsatzkräften und Bevölkerung.

Doch die entscheidende Leistung der Digitalisierung besteht nicht darin, die Katastrophe technisch zu beherrschen.

Sie besteht darin, Vorsorge entscheidungsfähiger zu machen.

Und deshalb ist der richtige Zeitpunkt, über das nächste Hochwasser nachzudenken, nicht erst dann, wenn die Pegel steigen. Gerade wenn Flüsse wenig Wasser führen und die nächste Flut weit entfernt scheint, beginnt die eigentliche Hochwasservorsorge. [ML]

Related Articles

Share This