Bevölkerungsschutz unter neuen Vorzeichen: Resilienz wird zur Gemeinschaftsaufgabe

September 27, 2026

Foto: Bevölkerungsschutz als Gemeinschaftsaufgabe: Hessens Innenminister Roman Poseck gemeinsam mit Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg, Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes a. D. und Präsidentin des DRK-Kreisverbandes Fulda, Thomas Silberhorn MdB, Mitglied des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, Norbert Fischer, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Hessen, Prof. Dr. Lars Gerhold von der Technischen Universität Braunschweig und Wissenschaftlicher Leiter des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit sowie Moderator Gunnar Töpfer vom Hessischen Rundfunk.

Hessen stellt den Bevölkerungsschutz breiter auf: Mit moderner Technik, resilienten Kommunen und einer stärkeren Einbindung der Bevölkerung will das Land die Krisenvorsorge weiter stärken. Eine Veranstaltung des Hessischen Innenministeriums in Berlin zeigte, warum Bevölkerungsschutz heute als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gedacht werden muss.

Extremwetter, Cyberangriffe, Energieausfälle und hybride Bedrohungen verändern die Anforderungen an den Bevölkerungsschutz. Moderne Krisen verlaufen selten entlang klarer Zuständigkeitsgrenzen. Ein großflächiger Stromausfall kann innerhalb kurzer Zeit Auswirkungen auf Telekommunikation, Verkehr, Gesundheitsversorgung, Wasserversorgung, Logistik und öffentliche Verwaltung haben. Cyberangriffe können physische Infrastrukturen beeinträchtigen, während Extremwetter gleichzeitig Rettungswege blockiert und Versorgungssysteme zusätzlich belastet.

Damit verändert sich auch die Logik des Bevölkerungsschutzes. Neben der unmittelbaren Gefahrenabwehr rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie zentrale gesellschaftliche Funktionen auch unter außergewöhnlichen Bedingungen aufrechterhalten werden können.

Unter dem Titel „Bevölkerungsschutz: Eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung“ hatte das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz am 24. September 2026 Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Feuerwehr und Hilfsorganisationen in die Hessische Landesvertretung nach Berlin eingeladen.

Impulse gaben der Botschafter der Republik Finnland in Berlin, Kai Sauer, und Hessens Innenminister Roman Poseck. An der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligten sich Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg, Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes a. D. und Präsidentin des DRK-Kreisverbandes Fulda, Thomas Silberhorn MdB, Mitglied des Innenausschusses des Deutschen Bundestages, Norbert Fischer, Präsident des Landesfeuerwehrverbandes Hessen, sowie Prof. Dr. Lars Gerhold von der Technischen Universität Braunschweig und Wissenschaftlicher Leiter des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit. Moderiert wurde die Diskussion von Gunnar Töpfer vom Hessischen Rundfunk.

Resilienz beginnt vor der Krise

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein Verständnis von Sicherheit, das deutlich über die klassische Katastrophenabwehr hinausgeht.

Finnland verfolgt seit Jahren einen umfassenden Ansatz gesellschaftlicher Krisenvorsorge. Staatliche Institutionen, Wirtschaft und Bevölkerung werden dort gemeinsam in Sicherheits- und Resilienzkonzepte eingebunden. Der von Botschafter Kai Sauer vorgestellte Ansatz machte deutlich: Krisenvorsorge beginnt nicht erst dann, wenn Einsatzkräfte alarmiert werden.

Auch Hessens Innenminister Roman Poseck stellte deshalb die Vorbereitung von Staat und Gesellschaft in den Vordergrund. „Je besser wir vorbereitet sind, desto stärker sind wir im Ernstfall“, fasste er den Grundgedanken zusammen.

Für den Bevölkerungsschutz bedeutet dies, technische Ausstattung, organisatorische Strukturen und individuelle Vorbereitung stärker miteinander zu verzahnen. Fahrzeuge und Notstromaggregate sind dabei ebenso erforderlich wie funktionierende Krisenstäbe, belastbare Kommunikationswege und Menschen, die wissen, wie sie sich im Ereignisfall verhalten können.

Hessen baut technische Vorsorge aus

Hessen hat seine Ausstattung für den Brand- und Katastrophenschutz in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Seit 2008 wurden nach Angaben des Landes mehr als 100 Millionen Euro in die Ausstattung und Modernisierung investiert. Die Zahl der Landesfahrzeuge erhöhte sich von weniger als 300 auf rund 900.

Die technische Ausstattung orientiert sich dabei an unterschiedlichen Gefahrenlagen. Hochgeländegängige Fahrzeuge können beispielsweise bei Hochwasser- und Starkregenereignissen eingesetzt werden. Mobile Notstromaggregate und Großstromaggregate sollen bei länger anhaltenden Stromausfällen unter anderem den Betrieb von Betreuungsstellen ermöglichen.

Besondere Bedeutung gewinnt die Energieversorgung der Gefahrenabwehr selbst. Jeder hessische Landkreis verfügt über Netzersatzanlagen des Landes. Seit 2020 fördert Hessen außerdem die Notstromertüchtigung von Feuerwehrhäusern.

Dadurch können Feuerwehrstandorte in einer großflächigen Krisenlage eine zusätzliche Funktion übernehmen: Neben der Aufrechterhaltung des Einsatzbetriebs können sie als Anlaufstellen für die Bevölkerung dienen.

Diese Entwicklung verdeutlicht, wie sich die Anforderungen an Einrichtungen der Gefahrenabwehr verändern. Gefragt ist nicht allein ihre Einsatzfähigkeit im Normalbetrieb, sondern zunehmend ihre Funktionsfähigkeit unter gestörten Versorgungsbedingungen.

Warnung ist mehr als Alarmierung

Ein weiterer Baustein resilienter Strukturen ist eine belastbare Warninfrastruktur. Hessen hat als erstes Bundesland die Umstellung aller Sirenen auf TETRA-Digitalfunk unterstützt. Die Sirenen können innerhalb von ein bis zwei Sekunden ausgelöst und grundsätzlich von jeder der 25 Zentralen Leitstellen in jeder hessischen Kommune angesteuert werden.

Technische Geschwindigkeit allein garantiert jedoch noch keine wirksame Warnung.

Entscheidend ist, dass Informationen die Bevölkerung auch dann erreichen, wenn einzelne Kommunikationswege ausfallen. Unterschiedliche Warnkanäle müssen deshalb möglichst zuverlässig zusammenspielen.

Gleichzeitig muss eine Warnung verstanden werden. Bürgerinnen und Bürger müssen wissen, welche Bedeutung Warnmeldungen haben, wo sie verlässliche weiterführende Informationen erhalten und welche Maßnahmen im konkreten Fall erforderlich sind.

Damit wird Warnung von einer rein technischen zunehmend auch zu einer kommunikativen Aufgabe.

80.000 Einsatzkräfte tragen das System

Technische Ausstattung kann nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn auch die erforderlichen personellen Strukturen vorhanden sind. Rund 80.000 Einsatzkräfte engagieren sich im hessischen Brand- und Katastrophenschutz. Etwa 23.000 Hessinnen und Hessen sind ehrenamtlich in den rund 800 Katastrophenschutzeinheiten des Landes tätig.

Gerade großflächige oder lang anhaltende Einsatzlagen stellen besondere Anforderungen an die personelle Durchhaltefähigkeit.

Nicht allein die Zahl verfügbarer Einsatzmittel entscheidet über die Leistungsfähigkeit eines Systems. Fahrzeuge müssen besetzt, Führungsstellen betrieben, Einsatzkräfte abgelöst und Logistik sowie Versorgung über längere Zeiträume gewährleistet werden.

Der Bevölkerungsschutz ist deshalb in besonderem Maße auf belastbare ehrenamtliche Strukturen angewiesen. Hessen investiert jährlich rund 3,2 Millionen Euro in die Anerkennungskultur im Brand- und Katastrophenschutz.

Krisenstäbe als zentrale Schnittstelle

Bei komplexen Krisen entscheidet häufig nicht die Leistungsfähigkeit einer einzelnen Organisation, sondern das Zusammenspiel vieler Akteure.

Feuerwehren, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen, Verwaltungen und Betreiber Kritischer Infrastrukturen verfügen jeweils über eigene Zuständigkeiten und Informationen. Im Krisenfall müssen daraus jedoch möglichst schnell ein gemeinsames Lageverständnis und abgestimmte Entscheidungen entstehen.

Genau hier kommt Katastrophenschutz- und Verwaltungsstäben eine zentrale Rolle zu.

Rahmenempfehlungen und Sonderschutzpläne sollen die hessischen Kommunen bei ihrer Krisenvorsorge unterstützen. Bis Ende 2026 sollen zudem die Katastrophenschutz- und Verwaltungsstäbe aller 21 Landkreise und sechs kreisfreien Städte das landesweite Schulungsangebot absolviert haben.

Im November 2026 beteiligt sich Hessen außerdem als übendes Land an der zehnten länder- und ressortübergreifenden Krisenmanagementübung LÜKEX. Das Szenario „Dürre und Hitze“ verdeutlicht, dass moderne Krisenvorsorge zunehmend lang anhaltende und sektorübergreifende Belastungen berücksichtigen muss.

Solche Übungen testen insbesondere die Schnittstellen: Wie schnell entsteht ein belastbares Lagebild? Welche Informationen benötigen andere Akteure? Wer entscheidet über Prioritäten? Und wie werden Entscheidungen anschließend in konkrete Maßnahmen umgesetzt?

Resilienz entscheidet sich vor Ort

Mit KOMPASS Resilienz will Hessen die Widerstandsfähigkeit zugleich stärker auf kommunaler Ebene verankern. Die Kommunen sollen dabei praktisch unterstützt werden, ihre Krisenvorsorge weiterzuentwickeln. Nach Angaben des Innenministers wurden bereits sechs Kommunen in das Programm aufgenommen; weitere haben Interesse bekundet.

Die kommunale Ebene ist für die Krisenvorsorge von besonderer Bedeutung. Dort muss konkret geklärt werden, welche Einrichtungen bei einem Stromausfall weiterbetrieben werden können, wo Anlaufstellen für die Bevölkerung entstehen und welche Kommunikationswege auch bei Ausfällen regulärer Systeme zur Verfügung stehen.

Kommunale Resilienz wird damit zunehmend zu einer eigenen Planungsaufgabe.

Dabei geht es weniger darum, für jedes denkbare Szenario einen separaten Krisenplan vorzuhalten. Entscheidend sind vielmehr Strukturen, die unter unterschiedlichen Bedingungen funktionieren: Notstromversorgung, belastbare Kommunikation, klare Verantwortlichkeiten und vorbereitete Führungsstrukturen.

Eigenvorsorge stärkt die Handlungsfähigkeit

Zur gesamtgesellschaftlichen Krisenvorsorge gehört schließlich auch die Bevölkerung selbst.

Wer Warnmeldungen richtig einordnen kann, einen angemessenen Vorrat bereithält und weiß, wie er sich beispielsweise bei einem länger andauernden Stromausfall verhalten sollte, erhöht zunächst die eigene Handlungsfähigkeit. Auch der Blick auf hilfsbedürftige Menschen im persönlichen Umfeld kann im Ernstfall einen wichtigen Beitrag leisten.

Eigenvorsorge besitzt zugleich eine systemische Wirkung.

Professionelle Einsatzorganisationen verfügen auch in einer Krise nur über begrenzte Ressourcen. Je mehr Menschen kurzfristige Versorgungsunterbrechungen zunächst selbst bewältigen können, desto stärker können sich Einsatzkräfte auf akute Gefahren und Personen konzentrieren, die tatsächlich auf Unterstützung angewiesen sind.

Eigenvorsorge ersetzt damit keine staatliche Krisenvorsorge. Sie ergänzt sie.

Bevölkerungsschutz wird zur Systemaufgabe

Die zentrale Herausforderung des modernen Bevölkerungsschutzes liegt zunehmend zwischen den einzelnen Systemen.

Eine leistungsfähige Feuerwehr allein schafft noch keine gesellschaftliche Resilienz. Ebenso wenig reichen Notstromaggregate, Warnsysteme oder Krisenpläne für sich genommen aus.

Entscheidend ist, ob Behörden, Einsatzorganisationen, Kommunen, Kritische Infrastrukturen und Bevölkerung auch unter schwierigen Bedingungen miteinander funktionieren. Aus technischer Ausstattung muss Einsatzfähigkeit entstehen, aus Informationen ein gemeinsames Lagebild und aus Warnungen konkretes Handeln.

Gerade bei komplexen und sich überlagernden Krisen wird diese Vernetzung zum entscheidenden Faktor.

Bevölkerungsschutz entwickelt sich damit von einer überwiegend reaktiven Gefahrenabwehr zunehmend zu einer strategischen Vorsorgeaufgabe. Die hessischen Maßnahmen zeigen dabei, dass technische Investitionen, Ausbildung, kommunale Resilienz und Eigenvorsorge nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Nicht jede Krise lässt sich verhindern. Ihre Folgen hängen jedoch wesentlich davon ab, wie gut Strukturen vorbereitet sind, wie lange zentrale Funktionen aufrechterhalten werden können und wie schnell eine Gesellschaft auf Störungen reagieren kann.

Oder, wie Roman Poseck es in Berlin formulierte: „Je besser wir vorbereitet sind, desto stärker sind wir im Ernstfall.“

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