Neuer Bitkom-Index zeigt Fortschritte bei Kompetenzen und Netzausbau, doch die Digitalisierung der Verwaltung bleibt das größte Hemmnis
Deutschland macht bei der Digitalisierung Fortschritte – allerdings nicht schnell genug, um seine Position im europäischen Vergleich zu verbessern. Das ist die zentrale Erkenntnis des Bitkom-DESI-Index 2026. Zwar steigt die Punktzahl der Bundesrepublik innerhalb eines Jahres von 50,1 auf 51,1 Punkte, gleichzeitig fällt Deutschland jedoch von Platz 14 auf Rang 17 unter den 27 EU-Mitgliedstaaten zurück. Andere Länder digitalisieren sich schneller und bauen ihren Vorsprung weiter aus.
Unter den fünf größten EU-Volkswirtschaften schneidet Deutschland dagegen vergleichsweise gut ab: Hinter Spanien belegt die Bundesrepublik Rang zwei und liegt vor Frankreich, Polen und Italien. Für Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst ist dies dennoch kein zufriedenstellendes Ergebnis. Im internationalen Wettbewerb reiche es nicht aus, Fortschritte zu erzielen – entscheidend sei die Geschwindigkeit der digitalen Transformation.
Bitkom führt den DESI als Vergleichsmaßstab fort
Seit 2023 veröffentlicht die Europäische Kommission kein offizielles Gesamtranking des Digital Economy and Society Index (DESI) mehr. Stattdessen fließen die Ergebnisse in den Digital Decade Report ein, der zahlreiche Einzelindikatoren zur Digitalisierung der Mitgliedstaaten ausweist. Bitkom führt diese Daten anhand der bisherigen EU-Methodik wieder zu einem Gesamtindex zusammen. Der Bitkom-DESI 2026 basiert auf 44 Indikatoren und ermöglicht damit weiterhin einen europaweiten Vergleich.
An der Spitze des Rankings steht Dänemark vor Finnland, den Niederlanden, Malta und Luxemburg. Die letzten Plätze belegen Rumänien, Bulgarien und die Slowakei.
Digitale Wirtschaft verliert an Dynamik
Während Deutschland im Vorjahr im Bereich der digitalen Transformation von Unternehmen noch Platz 8 erreichte, reicht es 2026 nur noch für Rang 11. Innerhalb der fünf größten EU-Staaten bleibt Deutschland allerdings Spitzenreiter.
Positiv bewertet Bitkom insbesondere die Entwicklung innovativer Unternehmen. Die Zahl der sogenannten Unicorns – Start-ups mit einer Unternehmensbewertung von mehr als einer Milliarde Euro – entwickelte sich günstiger als im europäischen Durchschnitt. Dennoch zeigt das Ranking, dass andere Mitgliedstaaten ihre digitale Transformation derzeit schneller vorantreiben.
Infrastruktur wächst – Nutzung bleibt hinter den Möglichkeiten zurück
Auch bei der digitalen Infrastruktur zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Qualität der Netze bleibt hoch, dennoch verschlechtert sich Deutschland im europäischen Vergleich von Platz 9 auf Platz 11.
Die 5G-Abdeckung erreicht inzwischen 99,5 Prozent der Haushalte und liegt damit sogar über dem EU-Durchschnitt von 96,8 Prozent. Gleichzeitig wird deutlich, dass leistungsfähige Netze allein nicht ausreichen. Lediglich sieben Prozent der Bevölkerung nutzen einen Breitbandanschluss mit mindestens 1.000 Mbit/s. Im Ranking der tatsächlichen Nutzung digitaler Infrastruktur belegt Deutschland deshalb lediglich Platz 21.
Die Diskrepanz zwischen technischer Verfügbarkeit und tatsächlicher Nutzung bleibt damit eine der größten Herausforderungen der deutschen Digitalpolitik.
Digitale Kompetenzen verbessern sich deutlich
Erfreulicher fällt die Entwicklung bei den digitalen Kompetenzen aus. Deutschland verbessert sich innerhalb eines Jahres von Platz 15 auf Platz 11 und erreicht unter den fünf größten EU-Mitgliedstaaten Rang zwei.
Besonders positiv entwickeln sich die IT-Fachkräfte. Ihr Anteil liegt mit 5,5 Prozent der Beschäftigten über dem europäischen Durchschnitt von 5,0 Prozent. Auch der Anteil der Absolventinnen und Absolventen informationstechnischer Studiengänge übertrifft mit 6,2 Prozent den EU-Wert von 5,5 Prozent.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Deutschland bei der Qualifizierung digitaler Fachkräfte Fortschritte erzielt – ein wichtiger Faktor angesichts des zunehmenden Fachkräftebedarfs in Wirtschaft und Verwaltung.
Digitale Verwaltung bleibt Deutschlands größte Baustelle
Die deutlichsten Defizite sieht der Bitkom-DESI weiterhin bei der öffentlichen Verwaltung. Trotz einzelner Verbesserungen verschlechtert sich Deutschland von Platz 21 auf Platz 22.
So steigt der Anteil vorausgefüllter digitaler Formulare gegenüber dem Vorjahr von 38 auf 52 Prozent, bleibt damit aber deutlich hinter dem europäischen Durchschnitt von 75,9 Prozent zurück. Auch die Nutzung digitaler Verwaltungsangebote liegt mit 69,6 Prozent unter dem EU-Durchschnitt von 76 Prozent.
Die Zahlen verdeutlichen, dass zwar Fortschritte erzielt werden, andere Mitgliedstaaten ihre Verwaltungsdigitalisierung jedoch deutlich schneller vorantreiben.
Von der Verwaltungsreform zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit
Auffällig ist auch die veränderte Schwerpunktsetzung des Bitkom gegenüber dem Vorjahr. Während 2025 vor allem der Ausbau der Verwaltungsdigitalisierung, Bürokratieabbau und das neu geschaffene Digitalministerium im Mittelpunkt standen, rückt 2026 stärker die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus.
Bitkom fordert unter anderem:
- schnellere Genehmigungsverfahren für Rechenzentren, Mobilfunkstandorte und Industrieanlagen,
- den breiteren Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Unternehmen,
- digitale Identitäten,
- die konsequente Umsetzung des Once-Only-Prinzips sowie
- eine „Smart Regulation“ mit weniger Bürokratie und einfacheren Berichtspflichten.
Nach Auffassung des Verbandes müsse Digitalisierung künftig als strategischer Wachstumstreiber verstanden werden.
Digitalisierung als Wettbewerbs- und Sicherheitsfaktor
Der neue Bitkom-DESI macht deutlich, dass Deutschland bei zentralen Digitalisierungsindikatoren durchaus Fortschritte erzielt. Gleichzeitig reicht dieses Tempo nicht aus, um im europäischen Wettbewerb Boden gutzumachen. Während sich insbesondere die digitalen Kompetenzen verbessern, bleiben die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und die Nutzung vorhandener Infrastrukturen strukturelle Schwachstellen.
Für Wirtschaft, Verwaltung und Betreiber kritischer Infrastrukturen gewinnt die digitale Leistungsfähigkeit damit weiter an Bedeutung. Der Bitkom fordert deshalb einen langfristigen digitalpolitischen Kurs, der Investitionen beschleunigt, Bürokratie abbaut und Digitalisierung als Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und digitale Souveränitätversteht.

