BVSW-Wintertagung 2024: Geopolitik, Technologie und Sicherheit

März 17, 2024

©BVSV – Autorin: Anja Noack

Die 12. BVSW-Wintertagung war wieder komplett ausgebucht: Mehr als 150 Teilnehmende kamen vom 6. bis 8. März am bayerischen Spitzingsee zusammen, um sich über die neuesten Sicherheitstrends und Entwicklungen zu informieren sowie sich mit Experten auszutauschen

„Durch die Vielzahl paralleler Krisen in der Welt gewinnt die Unternehmenssicherheit an strategischer Bedeutung und wird zunehmend zum Business Enabler“, sagt Johannes Strümpfel, Vorstandsvorsitzender des BVSW. „Vor diesem Hintergrund festigt die BVSW-Wintertagung ihre Position als eine von Deutschlands wichtigsten Plattformen für die Sicherheit.“
„Aus den zahlreichen spannenden Vorträgen konnten alle Teilnehmer Impulse für ihre Arbeit mitnehmen. Gleichzeitig boten die Inhalte jede Menge Gesprächsstoff für die Pausen und die Abendessen in entspannter Atmosphäre“, sagt Caroline Eder, BVSW-Geschäftsführerin und federführende Planerin der Wintertagung.
Das Themenspektrum reichte in diesem Jahr von der Inneren Sicherheit über die geopolitische Lage bis hin zu aktuellen technischen Innovationen und deren Bedeutung für die Sicherheit.
Geopolitik beeinflusst Sicherheitslage in Deutschland

Der erste Abend war der Sicherheitslage und der Polizeiarbeit in Bayern gewidmet, prominenter Gast auf dem Podium war der bayerische Landespolizeipräsident Michael Schwald. Auch wenn die aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik noch nicht vorlagen, konnte Schwald versichern, dass Bayern nach wie vor ein sehr sicheres Bundesland ist. Schwald betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und der Polizei, um bei den vielen und sich rasch wandelnden Kriminalitätsphänomen gemeinsam vor die Lage kommen zu können. Kooperationen wie die lokalen BVSW-Sicherheitskreise, das Sicherheitsforum für Polizei und Industrie, die Kooperation zwischen privater Sicherheitswirtschaft und der Polizei oder die Studiengänge in Deggendorf und Ingolstadt hätten sich gut bewährt, dennoch bestehe noch Raum für eine noch intensivere Zusammenarbeit.
Welche geopolitischen Ereignisse die Welt derzeit am meisten bewegen verdeutlichte Prof. em. Dr. Günther Schmid zum Start des zweiten Kongresstages. Russland und China strebten eine neue Machtverteilung in der Welt und eine Abkehr von westlichen Werten an, so der Experte. Ein Beispiel dafür sei der Aufbau von Konkurrenzinstitutionen wie der BRICS-Gruppe als Gegenentwurf zur G7. Die Demokratie befinde sich weltweit auf dem Rückzug, was sich an der Zunahme des Anteils der Weltbevölkerung ablesen lasse, der unter einem autokratischen Regime lebe. Doch auch diese stünden vor eigenen Herausforderungen: In China schrumpft die Bevölkerung, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Russland leide unter der Abwanderung gut ausgebildeter Menschen, beispielsweise junger IT-Experten.

Technologie: Chance und Bedrohung zugleich

Die Informationstechnologie spielt auch in der Sicherheit eine wichtige Rolle, wie Dr. Ulrike Franke, Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations in Paris, darlegte. Ihr Vortrag mit dem Titel „Drohnen und Künstliche Intelligenz – Wie verändert sich die Kriegsführung?“ zeigte, dass Drohnen mittlerweile ihr Nischendasein in militärischen Konflikten hinter sich gelassen haben. Zusammen mit KI ermöglicht ihr Einsatz ein transparentes Gefechtsfeld sowie eine effiziente Bekämpfung von Zielen, wenngleich sie kein Ersatz für schweres Kriegsgerät sind. Neue Technologien hätten außerdem dazu geführt, dass private Unternehmen immer öfter in kriegerische Auseinandersetzungen involviert seien, so Dr. Franke. Ein Beispiel dafür sei die Bereitstellung von Satelliten-Internet in der Ukraine durch Starlink.
Künstliche Intelligenz kommt mittlerweile auch in vielen Unternehmen ganz selbstverständlich zum Einsatz. Dass sie nicht nur Vorteile bietet, erläuterte Frank Ewald, Leiter Konzernsicherheit und Krisenmanagement bei der Dt. Post DHL Group. Die Möglichkeiten, Stimmen oder gar Personen in Videokonferenzen täuschend echt zu imitieren, bergen auch für Unternehmen hohe Risiken. Betrugsmaschen wie der CEO-Fraud ließen sich damit noch schwerer erkennen.
Besonders hohen Risiken sind derzeit auch die Kritischen Infrastrukturen ausgesetzt, wie die anschließende Podiumsdiskussion aufzeigte. Zu Gast waren Dr. Sandra Kreitner, Vizepräsidentin der Gesellschaft für Krisenvorsorge, Rainer Cohrs, Leiter Konzernsecurity Stadtwerke München, Günter Schotten, Geschäftsführer des ASW Bundesverbandes und BR Journalistin Sabina Wolf. Die Moderation leitete der Kommunikationsexperte Oliver Rolofs. Im Gespräch zeigte sich, dass mit der „Zeitenwende“ das Risiko von Angriffen auf KRITIS deutlich gestiegen ist. Vor allem für Unternehmen sei es wichtig, ihre Resilienz-Maßnahmen zu überprüfen und auch umzusetzen. Besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen sah die Expertenrunde noch Nachholbedarf.

Afrika, die neue geopolitische Arena?

Der zweite Kongresstag endete mit dem Vortrag von Prof. Dr. Robert Kappel von der Universität Leipzig. Der Wirtschaftswissenschaftler und Afrika-Experte erläuterte, dass die Lücken, die durch das mangelnde Engagement der westlichen Welt in Afrika entstanden seien, mittlerweile rasch durch Maßnahmen anderer Nationen gefüllt würden. So hätten Länder wie China, Russland, Indien oder die Türkei beispielweise wirtschaftliche, politische und militärische Ambitionen auf dem Kontinent. China investiere bereits seit Langem in den Aufbau der Infrastruktur, Russland unterhaltet zahlreiche militärische Kooperationen. Insgesamt nehmen die BRICS-Staaten deutlichen Einfluss, auf den Europa eine Antwort finden muss. Gleichzeitig befindet sich Afrika im Umbruch: Auch wenn sich das Bevölkerungswachstum etwas verlangsamt hat, wird die Bevölkerung bis 2100 auf knapp 4 Milliarden Menschen anwachsen, mit einem außergewöhnlich hohen Anteil junger Menschen.

Whistleblower-Schutz und EM-Vorbereitungen

Der dritte und letzte Kongresstag startete mit einem Vortrag zum Thema „Whistleblowing“ von Annegret Falter, Vorsitzende des Whistleblower-Netzwerk e.V. Die Referentin unterstrich die Bedeutung von Whistleblowern anhand einiger gravierender Missstände, die erst durch interne Hinweisgeber aufgedeckt werden konnten und sprach über die Vorteile und Grenzen des neuen Hinweisgeberschutzgesetztes (HinSchG), das im Juli 2023 in Kraft getreten ist und für den besseren Schutz hinweisgebender Personen sorgen soll.
Anschließend erläuterte Markus Stenger, Geschäftsführer der UEFA Euro 2024 GmbH, den Stand der Vorbereitungen rund um die Fußball-Europameisterschaft der Männer. 51 Spiele werden an 10 Austragungsorten in Deutschland an 22 Spieltagen stattfinden. Für einen zügigen Einlassprozess soll eine rein onlinebasierte Ticketaktivierung in einer App sorgen. Wie bei jeder Großveranstaltung ist auch bei diesem Turnier die Frage der Sicherheitskräfte eine große Herausforderung, doch Stenger zeigte sich zuversichtlich, dass alle lokalen Vorgaben für den Einsatz von Ordnungskräften erfüllt werden.

Blick in die Zukunft

Damit auch zukünftig genügend Sicherheitskräfte für den Arbeitsmarkt vorhanden sind, engagiert sich der BVSW in der Aus- und Weiterbildung. Im Rahmen der Wintertagung wurden die zwei Studiengänge vorgestellt, an denen auch der BVSW mitwirkt: 2018 hat der Verband gemeinsam mit der Technischen Hochschule Deggendorf den berufsbegleitenden Bachelor-Studiengang Sicherheitsmanagement gegründet. Mittlerweile beteiligt sich auch das Polizeipräsidium Niederbayern an der Ausbildung des akademischen Nachwuchses. An der Technischen Hochschule Ingolstadt können Interessierte einen Masterabschluss in „Strategy, Global Risk & Security Management“ absolvieren, für den der BVSW die Schirmherrschaft übernommen hat.
Zum Abschluss der Wintertagung sprach Dr. Benedikt Franke über die Münchner Sicherheitskonferenz, die aufgrund der nach wie vor anhaltenden Kriegssituation außergewöhnlich hochrangig besetzt war. Für den weiteren Jahresverlauf von 2024 hat die Münchner Sicherheitskonferenz geplant, sich unter anderem den Herausforderungen im globalen Süden zu widmen.
Die nächste Wintertagung ist bereits in Planung und wird vom 12. bis 14. März 2025 stattfinden.

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