Internationale Aktion gegen nihilistisch-gewaltorientierte Propaganda und Radikalisierung Minderjähriger
Den Haag. Mit einer europaweit koordinierten Aktion hat Europol gemeinsam mit Strafverfolgungsbehörden aus neun Ländern ein deutliches Signal gegen das extremistische Online-Netzwerk „The Com“ gesetzt. Im Rahmen der sogenannten Referral Action Days (RAD) wurden zwischen Juni und Juli 2026 insgesamt 4.340 Internetadressen (URLs) mit gewaltverherrlichenden und extremistischer Propaganda zugeordneten Inhalten an Online-Plattformen gemeldet. Ziel der Initiative war es, die digitale Infrastruktur des Netzwerks nachhaltig zu stören, die Verbreitung extremistischer Inhalte einzudämmen und gleichzeitig neue Ermittlungsansätze für nationale Strafverfolgungsbehörden zu gewinnen.
Die Aktion wurde von der EU Internet Referral Unit (EU IRU) bei Europol gemeinsam mit dem spanischen Intelligence Centre against Terrorism and Organised Crime (CITCO) koordiniert. Sie ergänzt die laufenden Maßnahmen des Europol-Projekts COMPASS, das innerhalb des Europäischen Zentrums zur Terrorismusbekämpfung (ECTC) den internationalen Informationsaustausch über das Netzwerk bündelt.
Lose Online-Strukturen mit hohem Gefährdungspotenzial
Unter der Bezeichnung „The Com“ – kurz für „The Community“ – fassen Sicherheitsbehörden ein internationales Netzwerk loser Online-Gruppierungen zusammen, die keine klassische Organisationsstruktur oder einheitliche Ideologie besitzen. Verbindendes Element ist vielmehr ein nihilistisches und menschenfeindliches Weltbild, bei dem Gewalt nicht als Mittel zum Zweck, sondern häufig als Selbstzweck verstanden wird.
Einzelne Gruppierungen innerhalb dieses Milieus vertreten zusätzlich rechtsextremistische und sogenannte akzelerationistische Positionen. Ziel dieser Strömungen ist es, gesellschaftliche Instabilität gezielt zu fördern und staatliche Strukturen durch Gewalt, Einschüchterung und Radikalisierung zu untergraben.
Nach Erkenntnissen Europols erfolgt die Rekrutierung neuer Mitglieder überwiegend über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste und Gaming-Plattformen. Besonders besorgniserregend ist dabei der Fokus auf Minderjährige, die gezielt angesprochen, manipuliert und schrittweise in abgeschottete Chatgruppen oder Foren gelenkt werden.
Radikalisierung durch soziale Medien und Gaming-Plattformen
Die Ermittler beobachten, dass Inhalte aus dem Umfeld von „The Com“ häufig zunächst harmlos erscheinen und sich erst im weiteren Verlauf zu extremistischen oder traumatisierenden Inhalten entwickeln. Unterstützt wird dieser Prozess durch Empfehlungsalgorithmen sozialer Plattformen, die entsprechende Inhalte auch Personen anzeigen können, die nicht gezielt danach suchen.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass sich die Kommunikation innerhalb der Szene häufig verschlüsselter Ausdrucksweisen, Codes, Emojis und Symboliken bedient. Dadurch bleiben extremistische Botschaften für Eltern oder Lehrkräfte vielfach schwer erkennbar, während sie innerhalb der Community eindeutige Bedeutungen transportieren.
Neben der ideologischen Beeinflussung dient die digitale Kommunikation auch der gezielten Kontrolle über Opfer. Nach Angaben Europols werden Betroffene unter anderem durch Erpressung oder sogenannte (S)extortion unter Druck gesetzt, um sie dauerhaft an die Tätergruppen zu binden.
Gewalt dient als Statussymbol
Innerhalb des Netzwerks besitzt besonders schockierendes Material einen hohen Stellenwert. Je drastischer die veröffentlichten Inhalte sind, desto höher steigt das Ansehen einzelner Nutzer oder Gruppierungen innerhalb der Szene.
Zu den im Rahmen der Aktion identifizierten Inhalten gehörten unter anderem:
- Darstellungen von Selbstverletzungen und Suiziden,
- Material mit sexuellem Kindesmissbrauch (CSAM),
- Tierquälerei,
- Videos gewalttätiger Übergriffe,
- Anleitungen zu Mord, improvisierten Sprengsätzen oder Grooming,
- Aufrufe zu Brandstiftungen und weiteren Gewalttaten.
Teilweise werden diese Handlungen sogar live über soziale Netzwerke übertragen und anschließend archiviert sowie innerhalb der Szene weiterverbreitet.
Besonders verstörend sind sogenannte „Blood Walls“ und „Cut Signs“. Dabei ritzen oder schreiben Opfer unter Zwang den Namen eines Erpressers oder einer Gruppierung mit Blut auf Wände oder verletzen sich selbst, um den Namen des Täters in ihre Haut einzuritzen. Bild- und Videomaterial dieser Taten dient anschließend der Selbstdarstellung innerhalb des Netzwerks und soll den Einfluss einzelner Gruppen demonstrieren.
Darüber hinaus nutzen Täter gezielt Methoden wie Doxing und Swatting, um Opfer einzuschüchtern. Während beim Doxing persönliche Informationen veröffentlicht oder gesammelt werden, löst Swatting durch fingierte Notrufe gezielt Polizeieinsätze an der Wohnadresse der Betroffenen aus. Dies kann erhebliche psychische Belastungen verursachen und in Einzelfällen auch Menschenleben gefährden.
Europol bündelt Informationen und unterstützt Plattformen
Während der Referral Action Days koordinierte Europol die Zusammenarbeit der beteiligten Staaten, führte operative Abstimmungstreffen durch und konsolidierte die gemeldeten Internetadressen, um Doppelmeldungen zu vermeiden.
Darüber hinaus identifizierte die Behörde Inhalte, die gegen die EU-Richtlinie zur Terrorismusbekämpfung oder gegen europäische Vorschriften zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verstoßen. Diese Inhalte wurden an die jeweiligen Plattformbetreiber gemeldet, damit sie überprüft und gegebenenfalls entfernt werden können.
Nach Abschluss der Aktion erstellt Europol einen strategischen Analysebericht, der Erkenntnisse über Strukturen, Vorgehensweisen und aktuelle Entwicklungen innerhalb des Netzwerks liefern soll. Ziel ist es, Strafverfolgungsbehörden und Plattformbetreiber künftig noch gezielter bei der Bekämpfung entsprechender Inhalte zu unterstützen.
Wachsende Bedrohung im europäischen Terrorismusbild
Im aktuellen EU Terrorism Situation and Trend Report (TE-SAT 2026) wird nihilistisch motivierter gewaltorientierter Extremismus erstmals ausdrücklich als eigenständige sicherheitspolitische Herausforderung hervorgehoben. Europol bewertet insbesondere jene Gruppierungen als problematisch, die gesellschaftliche Strukturen gezielt destabilisieren und digitale Plattformen zur Rekrutierung, Radikalisierung und Verbreitung terroristischer Inhalte nutzen.
Nach Angaben des Europäischen Zentrums zur Terrorismusbekämpfung hat sich „The Com“ innerhalb der vergangenen zwei Jahre zu einer internationalen Bedrohung entwickelt. Besonders auffällig sei dabei, dass Minderjährige sowohl als Opfer als auch zunehmend als Täter in Erscheinung treten. Entsprechend sei die Zahl der Unterstützungsersuchen aus den Mitgliedstaaten in Ermittlungsverfahren mit Bezug zu diesem Netzwerk deutlich gestiegen.
Europäische Zusammenarbeit als Schlüssel
Die gemeinsame Aktion steht im Zusammenhang mit der Sicherheitsstrategie ProtectEU der Europäischen Kommission. Ein zentraler Bestandteil dieser Agenda ist der Schutz von Menschen im digitalen Raum sowie die engere Zusammenarbeit zwischen Strafverfolgungsbehörden und Online-Dienstanbietern.
Die Referral Action Days sollen dazu beitragen, terroristische Inhalte schneller zu identifizieren und entfernen zu lassen, extremistisches Verhalten auf Gaming-Plattformen und sozialen Netzwerken besser zu beobachten sowie den europaweiten Informationsaustausch weiter auszubauen.
An der Aktion beteiligten sich Ermittlungsbehörden aus Belgien, Finnland, Ungarn, Irland, Luxemburg, den Niederlanden, Portugal, Spanien und Schweden. Gemeinsam verfolgen sie das Ziel, die digitale Reichweite extremistischer Netzwerke einzuschränken und insbesondere junge Menschen besser vor Radikalisierung und digitaler Ausbeutung zu schützen.

