Die erste große Euphoriewelle rund um Künstliche Intelligenz ist in vielen Industrieunternehmen einer deutlich nüchterneren Betrachtung gewichen. Während in Vorstandsetagen und Innovationsabteilungen in den vergangenen Jahren zahlreiche KI-Projekte gestartet wurden, bleibt der operative Nutzen vieler Initiativen bislang hinter den Erwartungen zurück. Pilotprojekte verlaufen im Sand, Proof-of-Concepts erreichen nie den produktiven Betrieb und die Frage nach dem tatsächlichen Return-on-Investment wird zunehmend lauter.
Genau an dieser Stelle setzt die Münchner elunic AG mit ihrer neuen Plattform eluna Deep Agent an. Das Unternehmen positioniert seine Lösung bewusst nicht als weiteren generischen KI-Chatbot, sondern als industrielle Automatisierungsplattform für wissensintensive Geschäftsprozesse – kombiniert mit einem klaren Fokus auf digitale Souveränität und europäische Datenhoheit.
Die eigentliche Effizienzlücke liegt oft außerhalb der Produktion
Die industrielle Fertigung zählt seit Jahren zu den am stärksten automatisierten Bereichen der Wirtschaft. Produktionsanlagen, Robotik, industrielle Steuerungstechnik und Sensorik arbeiten in vielen Unternehmen hochgradig digitalisiert. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein auffälliger Widerspruch: In den angrenzenden Büro- und Verwaltungsprozessen dominieren vielerorts weiterhin manuelle Abläufe.
Angebote werden manuell kalkuliert, Lastenhefte händisch geprüft, Reklamationen über verschiedene Systeme verteilt und technische Serviceprozesse nur begrenzt automatisiert. Gerade diese wissensintensiven Abläufe verursachen jedoch erhebliche Zeitverluste, Medienbrüche und personelle Belastungen.
Nach Einschätzung von elunic liegt hier die eigentliche Automatisierungslücke der Industrie. Die Plattform eluna Deep Agent soll genau diese Prozesse adressieren und automatisieren – darunter Angebotserstellung, Lieferketten-Monitoring, Reklamationsmanagement, Compliance-Audits oder technischer Support.
Dabei unterscheidet sich der Ansatz deutlich von klassischen KI-Assistenten. Während viele Systeme primär auf dialogbasierte Interaktion ausgelegt sind, soll eluna Deep Agent eigenständig Ziele verstehen, Handlungsschritte ableiten und systemübergreifend Prozesse ausführen können.
Vom Industrial IoT zur industriellen KI-Plattform
Die Entwicklung kommt nicht aus dem Nichts. Die elunic AG beschäftigt sich seit mehr als fünfzehn Jahren mit Softwarelösungen für die vernetzte Industrie. Ausgangspunkt war die Industrial-IoT-Plattform shopfloor.io, später folgte mit ShopfloorGPT eine erste KI-Lösung speziell für industrielle Anwendungen.
Mit eluna Deep Agent bündelt das Unternehmen diese Entwicklung nun zu einer umfassenden KI-Automatisierungsplattform. Bereits mehr als 80 Industrieunternehmen – darunter GROB, Flender, Murrelektronik oder Schunk – arbeiten laut Unternehmen mit Lösungen von elunic.
KI-Investitionen sollen messbar werden
Bemerkenswert ist dabei weniger die reine Technologie als vielmehr der Implementierungsansatz. Statt Unternehmen lediglich ein KI-Werkzeug bereitzustellen, setzt elunic auf eine vorgelagerte Analyse der Prozesslandschaft.
Zunächst wird untersucht, welche Arbeitsabläufe den größten wirtschaftlichen Hebel für KI-Automatisierung bieten. Erst anschließend erfolgt die technische Integration. Ziel ist es, KI-Projekte gezielt an konkreten Geschäftsproblemen auszurichten und typische „Innovationstheater“-Effekte zu vermeiden, bei denen Pilotprojekte zwar Aufmerksamkeit erzeugen, aber keinen nachhaltigen Nutzen liefern.
Claudio Gusmini, Executive Director der elunic AG, beschreibt dies als direkte Reaktion auf die zunehmende KI-Ernüchterung in Industrieunternehmen. Viele Firmen hätten erkannt, dass sich Produktivitätsgewinne nicht automatisch durch den Einsatz großer Sprachmodelle einstellen, sondern erst durch die Integration in reale Geschäftsprozesse.
Digitale Souveränität wird zum strategischen Faktor
Neben der Prozessautomatisierung rückt ein zweites Thema zunehmend in den Mittelpunkt: digitale Souveränität. Gerade im industriellen Mittelstand wächst die Sorge vor einer zu starken Abhängigkeit von amerikanischen Cloud- und KI-Anbietern.
Konstruktionsdaten, technische Dokumentationen, Kundenverträge oder Produktions-Know-how zählen zu den sensibelsten Informationen vieler Industrieunternehmen. Entsprechend kritisch wird die Frage, wo diese Daten verarbeitet und gespeichert werden.
eluna Deep Agent adressiert diesen Punkt mit einer Architektur, die vollständig ohne verpflichtende US-Cloud-Anbindung auskommt. Die Plattform kann On-Premises, in einer Private Cloud mit EU-Hosting oder als Managed Service betrieben werden. Zusätzlich setzt elunic auf einen Open-Source-orientierten Ansatz, der Unternehmen langfristige Kontrolle über Daten, Modelle und Quellcode ermöglichen soll.
Gerade mit Blick auf regulatorische Entwicklungen wie den EU AI Act oder wachsende Compliance-Anforderungen entwickelt sich diese Architektur zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil.
KI wird zur Infrastrukturfrage der Industrie
Die Diskussion um industrielle KI verschiebt sich damit zunehmend weg von spektakulären Einzelanwendungen hin zu grundlegenden Infrastrukturfragen. Unternehmen fragen heute weniger, ob KI eingesetzt werden soll, sondern unter welchen Bedingungen sie produktiv, sicher und langfristig kontrollierbar betrieben werden kann.
Dabei wird deutlich: Die nächste Entwicklungsphase industrieller KI dürfte weniger von kurzfristigen Demonstrationen geprägt sein als von tief integrierten Plattformen, die operative Prozesse automatisieren, regulatorische Anforderungen erfüllen und gleichzeitig europäische Datensouveränität sichern.
Die von elunic präsentierten Kennzahlen verdeutlichen das wirtschaftliche Potenzial solcher Ansätze. Laut Unternehmen verkürzen sich Reaktionszeiten im technischen Service um 47 Prozent, während Eskalationen um 32 Prozent sinken. Bei KI-gestützter Lastenheftprüfung sollen Prüfgeschwindigkeit und Effizienz ebenfalls deutlich steigen.
Für den industriellen Mittelstand könnte sich damit eine zentrale Erkenntnis der aktuellen KI-Phase bestätigen: Nicht die spektakulärste KI gewinnt langfristig, sondern jene, die sich stabil, sicher und messbar in reale Geschäftsprozesse integrieren lässt.

