Einzelhandel nutzt Sicherheitsdaten zunehmend für operative Prozesse
Physische Sicherheit übernimmt in Unternehmen zunehmend Aufgaben über klassische Schutz- und Präventionsfunktionen hinaus. Der „Report zur Lage der physischen Sicherheit 2026“ von Genetec zeigt unter anderem für den Einzelhandel, dass Sicherheitsdaten verstärkt für betriebliche Prozesse genutzt werden sollen. Gleichzeitig entwickelt sich insbesondere die Zutrittskontrolle zu einem Thema für IT, Compliance und Risikomanagement. Veraltete Infrastrukturen und fragmentierte Systemlandschaften erschweren diese Entwicklung jedoch vielerorts.
Systeme der physischen Sicherheit werden zunehmend nicht mehr isoliert betrachtet. Mit ihrer stärkeren Vernetzung mit Unternehmensnetzwerken und Geschäftssystemen steigen zugleich die Anforderungen an Integration, Governance und Cyberresilienz. Darauf weisen Ergebnisse des „Reports zur Lage der physischen Sicherheit 2026“ von Genetec hin. Die Gesamtstudie basiert nach Angaben des Unternehmens auf den Antworten von mehr als 7.000 Sicherheitsexperten weltweit.
Für den Einzelhandel zeigt die Befragung, dass Sicherheitsdaten zunehmend auch unter betrieblichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Mehr als 60 Prozent der befragten Händler nennen die Steigerung der betrieblichen Effizienz innerhalb der Sicherheitsorganisation als eines der wichtigsten Ziele beim Einsatz solcher Daten. Einen ähnlich hohen Stellenwert hat die Verbesserung von Sicherheit und Schutz. Mehr als die Hälfte nennt zudem Compliance-Anforderungen, knapp die Hälfte sieht Einsatzmöglichkeiten zur Verbesserung von Kundenerlebnis und Mitarbeiterzufriedenheit.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass vorhandene Sicherheitstechnik künftig stärker über klassische Verlust- und Diebstahlprävention hinaus genutzt werden soll. Gefragt sind zusätzliche Analyse- und Auswertungsmöglichkeiten sowie die Integration von Sicherheitsinformationen in betriebliche Prozesse.
Legacy-Systeme erschweren die Weiterentwicklung
Gleichzeitig macht die Befragung einen deutlichen Modernisierungsbedarf sichtbar. 40 Prozent der Teilnehmer aus dem Einzelhandel bezeichnen eine veraltete physische Sicherheitsinfrastruktur als eine ihrer größten organisatorischen Herausforderungen. 38 Prozent nennen Schulung und Weiterbildung, 37 Prozent die Gewinnung von Personal. Bei 33 Prozent erschweren zusätzlich veraltete IT-Systeme die weitere Entwicklung.
Damit rückt neben der Beschaffung neuer Technik insbesondere die Integration vorhandener Systeme in den Fokus. 54 Prozent der Befragten wollen bestehende Technologien künftig für zusätzliche Anforderungen nutzen. 48 Prozent planen, neue Sicherheitssysteme für konkrete Anwendungsfälle zu evaluieren.
Für Sicherheitsverantwortliche ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Bestehende Infrastrukturen müssen weiter betrieben und zugleich um neue Analyse-, Automatisierungs- und Integrationsfunktionen ergänzt werden. Gerade bei gewachsenen Systemlandschaften stellt sich damit die Frage, wie sich Security- und IT-Komponenten schrittweise modernisieren lassen, ohne vorhandene Investitionen vollständig abzulösen.
Zutrittskontrolle wird zur Governance-Frage
Besonders deutlich wird die zunehmende Verzahnung von physischer und digitaler Sicherheit bei der Zutrittskontrolle. Systeme, die bislang vor allem der Steuerung von Türen und Bereichen dienten, sind heute häufig mit Unternehmensnetzwerken verbunden, verarbeiten sensible Identitäts- und Berechtigungsdaten und sind mit weiteren Geschäftssystemen gekoppelt.
Damit steigen auch die Anforderungen an Administration und Aufsicht. Zutrittsrechte müssen über mehrere Standorte hinweg konsistent vergeben, geändert und entzogen werden. Gleichzeitig müssen Unternehmen nachvollziehen können, wer über welche Berechtigungen verfügt, wie Berechtigungsnachweise genutzt werden und welche sicherheitsrelevanten Ereignisse auftreten.
Die Bedeutung dieser Schnittstelle zeigt sich auch bei größeren Unternehmen. Unter Organisationen mit 10.000 oder mehr Mitarbeitenden gaben laut Genetec 48 Prozent der Befragten an, dass die Zahl physischer Sicherheits- oder Cybersicherheitsvorfälle im Jahr 2025 gestiegen sei.
Mit zunehmender Unternehmensgröße wachsen zugleich die organisatorischen Herausforderungen. Neue Standorte, Übernahmen, wechselndes Fremdpersonal oder unterschiedliche lokale Prozesse können zu fragmentierten Zutrittsumgebungen führen. Werden Berechtigungen dabei nach unterschiedlichen Regeln vergeben oder überprüft, steigt das Risiko von Inkonsistenzen und nicht mehr benötigten Zugriffsrechten.
Standardisierung soll Berechtigungsmanagement vereinfachen
Eine Antwort darauf ist die stärkere Standardisierung von Zutrittsprozessen. Einheitliche Richtlinien, rollenbasierte Berechtigungsmodelle und automatisierte Workflows können dazu beitragen, Rechte konsistenter zu verwalten. Hinzu kommt die zunehmende Kopplung von Zutrittskontrollsystemen mit HR- und Identity-Management-Lösungen.
Für Betreiber geht es dabei nicht allein um technische Integration. Entscheidend ist auch die Transparenz über Berechtigungen, Aktivitäten von Credentials und sicherheitsrelevante Ereignisse. Sie bildet die Grundlage dafür, Abweichungen zu erkennen, Zugriffsrechte regelmäßig zu überprüfen und im Ereignisfall nachvollziehen zu können, welche Personen auf bestimmte Bereiche zugreifen konnten.
„Zutrittskontrolle wird zunehmend zu einer Frage der Governance, nicht nur der Technik“, erklärt Andreas Flemming, Channel Account Executive bei Genetec. Unternehmen müssten klare Prozesse etablieren, eine konsequente Aufsicht sicherstellen und ihre Sicherheitspraxis kontinuierlich weiterentwickeln.
KI ergänzt bestehende Sicherheitsprozesse
Parallel dazu gewinnt künstliche Intelligenz an Bedeutung. 51 Prozent der befragten Einzelhändler wollen KI einsetzen, um Sicherheitsprozesse zu optimieren. Die Studienergebnisse sprechen jedoch weniger für einen kurzfristigen Technologiesprung als für eine schrittweise Weiterentwicklung bestehender Sicherheitsumgebungen.
Neue Analyse- und Automatisierungsfunktionen entfalten ihren Nutzen vor allem dann, wenn Daten aus Video, Zutrittskontrolle und weiteren Sicherheitsanwendungen technisch und organisatorisch beherrschbar bleiben. Fragen der Systemintegration, Rechteverwaltung, Datenzugriffe und Cybersecurity gewinnen damit ebenso an Bedeutung wie die eigentliche Sicherheitsfunktion.
„Physische Sicherheit entwickelt sich für Einzelhändler zu einem strategischen Vorteil, der weit über die traditionelle Diebstahlprävention hinausgeht“, sagt Scott Thomas, National Director für Signature Brands bei Genetec. Das Unternehmen plädiert für einen kontinuierlichen Modernisierungsansatz, bei dem bestehende Systeme schrittweise erweitert und neue Technologien bedarfsgerecht integriert werden.
Die Ergebnisse des Reports zeigen damit zwei eng miteinander verbundene Entwicklungen: Sicherheitsdaten sollen stärker für operative Aufgaben genutzt werden, während gleichzeitig die Anforderungen an Governance, Integration und Cyberresilienz steigen. Insbesondere bei der Zutrittskontrolle verschwimmen die Grenzen zwischen physischer Sicherheit, IT und Identitätsmanagement zunehmend. Für Betreiber wird deshalb weniger die einzelne neue Funktion entscheidend sein als die Frage, wie sicher, transparent und konsistent sich die gesamte Sicherheitsinfrastruktur verwalten lässt.



