Während im globalen KI-Wettlauf Milliarden in immer größere Basismodelle fließen, verfolgt Merantix Capital eine andere Strategie. Der Berliner Investor setzt darauf, künstliche Intelligenz tief in etablierte Branchen einzubauen – von Medizin und Industrie über Logistik bis Cybersecurity. Das Portfolio zeigt, wo Europa im Wettbewerb mit den USA noch einen strukturellen Vorteil haben könnte. Die bisherigen Exits werfen allerdings auch eine unbequeme Frage auf: Entstehen hier die europäischen Technologiekonzerne von morgen – oder vor allem attraktive Übernahmeziele für die Konzerne von heute?
Wer das Portfolio von Merantix Capital zum ersten Mal betrachtet, könnte darin zunächst vor allem eines erkennen: eine bemerkenswerte Heterogenität. Ein Unternehmen entwickelt neue Biomaterialien, ein anderes analysiert Fertigungslinien. Künstliche Intelligenz soll Brustkrebs erkennen, Immunerkrankungen entschlüsseln, Logistikentscheidungen verbessern, Bewerber identifizieren, Energieversorgung automatisieren oder Beschäftigte widerstandsfähiger gegen Cyberangriffe machen. Daneben stehen Legal Tech, Datenmanagement, ERP-Software und mehrere Unternehmen, deren Geschäftsmodelle noch nicht öffentlich bekannt sind. Hinter dieser scheinbaren Beliebigkeit steht jedoch eine ziemlich präzise Wette: Merantix investiert nicht primär in künstliche Intelligenz als eigenständige Branche, sondern in die Vorstellung, dass KI zur technologischen Grundlage bestehender Industrien wird.
Im Mittelpunkt steht deshalb nicht zwangsläufig das nächste große Sprachmodell. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Geschäftsmodelle und Prozesse sich neu organisieren lassen, wenn Software nicht mehr lediglich Informationen speichert und Abläufe digital abbildet, sondern zunehmend selbst analysiert, priorisiert und Entscheidungen vorbereitet. Während enorme Kapitalsummen in Rechenzentren, Halbleiter und Foundation Models fließen, sucht Merantix den wirtschaftlichen Hebel eine Ebene darüber – dort, wo KI auf reale Prozesse trifft.
Ein Portfolio ohne gemeinsame Branche – aber mit gemeinsamer Logik
Die Bandbreite des Portfolios ist entsprechend groß. Cambrium entwickelt neue Biomaterialien, Graph Therapeutics arbeitet an KI-gestützter Präzisionsmedizin, Vara an Brustkrebsdiagnostik und Ovom Care an reproduktionsmedizinischen Anwendungen. Deltia bringt Computer Vision in die industrielle Fertigung, Arqh entwickelt Entscheidungssoftware für die Logistik, Meteoric will Energieversorgung weitgehend automatisieren, während Revel8 die menschliche Ebene der Cyberabwehr adressiert. Hinzu kommen junge Unternehmen rund um mobile KI-Agenten, Recruiting, Unternehmensdaten, E-Commerce und ERP-Systeme.
Was diese Firmen verbindet, ist weniger ihre Branche als die ökonomische Struktur der Märkte, in denen sie tätig sind. Merantix sucht bevorzugt Bereiche mit komplexen Abläufen, hohen Datenmengen und teuren menschlichen Entscheidungen. Besonders attraktiv werden solche Märkte, wenn regulatorische Anforderungen, tiefes Fachwissen oder proprietäre Daten zusätzliche Eintrittsbarrieren schaffen. Gesundheitswesen, Life Sciences, industrielle Produktion, Finanzwirtschaft, Logistik und Sicherheitsindustrie erfüllen viele dieser Kriterien.
Die Investmentthese läuft damit auf eine Gegenposition zu einer der großen Annahmen des gegenwärtigen KI-Booms hinaus. Der größte wirtschaftliche Wert müsse nicht zwangsläufig bei den Herstellern der Basismodelle verbleiben. Modelle können austauschbarer werden, Rechenleistung lässt sich einkaufen und Schnittstellen zu leistungsfähigen KI-Systemen stehen mittlerweile nahezu jedem Softwareanbieter zur Verfügung. Schwieriger zu reproduzieren sind hingegen der Zugang zu klinischen oder industriellen Daten, die Integration in reale Produktionsabläufe, regulatorische Zulassungen, tief verankerte Arbeitsprozesse und über Jahre gewachsene Kundenbeziehungen. Genau dort versucht Merantix seine Beteiligungen zu positionieren.
Merantix baut Unternehmen, bevor es Unternehmen gibt
Ungewöhnlich ist dabei nicht nur die Branchenbreite, sondern vor allem der Zeitpunkt des Einstiegs. Bei einem erheblichen Teil der Unternehmen begann die Zusammenarbeit bereits in der sogenannten Pre-Idea-Phase – also noch bevor aus einem Gründerteam ein klassisches Start-up mit ausformuliertem Produkt und Geschäftsmodell geworden war. Ein großer Teil der veröffentlichten Beteiligungen und früheren Exits wurde auf diese Weise aufgebaut, während weitere Unternehmen bereits in der Pre-Seed-Phase hinzukamen.
Merantix agiert damit traditionell weniger wie ein klassischer Venture-Capital-Fonds als wie eine Mischung aus Investor, Unternehmensentwickler und Venture Studio. Märkte werden analysiert, Gründerteams aufgebaut, Technologien bewertet und erste Anwendungen mit potenziellen Kunden erprobt, bevor das Unternehmen überhaupt die typische Reife eines institutionell finanzierbaren Start-ups erreicht.
Dieses Modell verschiebt Risiko und Einfluss gleichermaßen. Wer früh genug einsteigt, beteiligt sich zu Bewertungen, die mit späteren Finanzierungsrunden kaum vergleichbar sind. Gleichzeitig übernimmt Merantix aber einen Teil jenes unternehmerischen Risikos, das klassische Fonds normalerweise den Gründern überlassen. Nicht allein die Auswahl des richtigen Unternehmens muss gelingen; bereits die Entscheidung darüber, welches Problem überhaupt einen wirtschaftlich attraktiven Markt hervorbringen kann, wird Teil des Investmentprozesses.
Mit dem neuen Fonds erweitert Merantix dieses Modell. Im Juni 2026 schloss Merantix Capital einen Fonds über 103 Millionen Euro. Rund die Hälfte des Kapitals soll weiterhin in Unternehmen fließen, die bereits aus der frühen Pre-Idea-Phase heraus gemeinsam entwickelt werden. Die andere Hälfte ist erstmals systematisch für bestehende europäische Start-ups in der Pre-Seed- und Seed-Phase vorgesehen. Rund 40 Investments sind geplant, die Ticketgrößen reichen von etwa 500.000 bis vier Millionen Euro.
Der Schritt ist bedeutender, als es die Fondsgröße allein vermuten lässt. Der erste Fonds umfasste rund 30 Millionen Euro und war im Wesentlichen auf Unternehmen aus dem eigenen Venture-Building-Modell konzentriert. Mit dem neuen Fonds entwickelt sich Merantix damit von einer Start-up-Schmiede mit eigenem Kapital zunehmend zu einem institutionellen europäischen Frühphaseninvestor.
Kapital allein ist nicht das eigentliche Produkt
Bemerkenswert ist dabei auch die Struktur der Kapitalgeber. Zu den Limited Partners zählen institutionelle Investoren, Unternehmen und Stiftungen. Darunter finden sich Union Investment, Jungheinrich, KPMG Deutschland sowie die Robert Wood Johnson Foundation und die W.K. Kellogg Foundation. Jungheinrich investierte fünf Millionen Euro und verband die Beteiligung zugleich mit einer strategischen KI-Partnerschaft.
Gerade darin liegt ein wichtiger Teil des Merantix-Modells. Denn für viele junge B2B-KI-Unternehmen ist Kapital längst nicht mehr der einzige Engpass. Der Zugang zu Unternehmensdaten, Pilotkunden und komplexen realen Abläufen kann mindestens ebenso entscheidend sein. Ein technisch leistungsfähiger Prototyp lässt sich heute vergleichsweise schnell entwickeln. Ungleich schwieriger ist es, Zugang zu einer Produktionslinie, einem Krankenhaus, einem Logistiknetz oder einer kritischen Infrastruktur zu erhalten und dort zu beweisen, dass die Technologie unter realen Bedingungen funktioniert.
Merantix versucht, genau diesen Zugang zu institutionalisieren. Der Berliner AI Campus bringt Dutzende Unternehmen und KI-Organisationen zusammen, während Merantix Momentum mit Unternehmen an konkreten KI-Projekten arbeitet. So entsteht ein Netzwerk, in dem Kapitalgeber zugleich potenzielle Kunden, Entwicklungspartner oder Türöffner für junge Beteiligungen sein können. Für einen Frühphaseninvestor kann dieses Netzwerk langfristig wertvoller sein als zusätzliches Kapital.
Die Exits zeigen, was strategische Käufer suchen
Besonders aufschlussreich für die Investmentthese sind nicht nur die aktuellen Beteiligungen, sondern jene Unternehmen, die Merantix bereits wieder verlassen haben. SiaSearch entwickelte eine Plattform zur Strukturierung großer Mengen von Sensor- und Bilddaten für automatisiertes Fahren und wurde 2021 vom US-Unternehmen Scale AI übernommen. Kausa, spezialisiert auf KI-gestützte Ursachenanalysen für Unternehmensdaten, ging 2023 mit Technologie und Team an SAP und stärkte dort insbesondere die Analysefunktionen rund um SAP Signavio.
Der bislang finanziell sichtbarste Exit folgte 2025 mit Libra Technology. Wolters Kluwer übernahm das Berliner Legal-AI-Unternehmen für einen Kaufpreis von bis zu 90 Millionen Euro. 30 Millionen Euro wurden unmittelbar vereinbart, weitere bis zu 60 Millionen Euro waren an die künftige Geschäftsentwicklung geknüpft. Bemerkenswert war dabei vor allem die Geschwindigkeit. Libra war erst 2023 gegründet worden, brachte seinen KI-Assistenten Ende 2024 auf den Markt und sollte nach Angaben des Käufers Ende 2025 bereits rund fünf Millionen Euro wiederkehrenden Jahresumsatz erreichen.
Rechnet man mit diesen damaligen Umsatzprognosen, entsprach bereits die direkte Kaufpreiszahlung ungefähr dem Sechsfachen des erwarteten Annual Recurring Revenue. Der maximale Kaufpreis hätte rechnerisch sogar das Achtzehnfache erreichen können, wenngleich ein solcher Vergleich wegen der erfolgsabhängigen Komponenten nur begrenzt belastbar ist. Trotzdem zeigt er, welchen strategischen Wert große Informations- und Softwarekonzerne spezialisierten KI-Anwendungen inzwischen beimessen.
Noch wichtiger ist jedoch die Gemeinsamkeit der Transaktionen. Scale AI kaufte mit SiaSearch nicht einfach ein weiteres Modell, sondern eine Infrastruktur für komplexe Daten. SAP übernahm mit Kausa Technologie, die sich unmittelbar in bestehende Unternehmensprozesse integrieren ließ. Wolters Kluwer wiederum erwarb mit Libra eine Anwendung, die generative KI mit hochspezialisierten juristischen Arbeitsabläufen verbindet. In allen drei Fällen lag der eigentliche Wert näher am Kundenprozess als am zugrunde liegenden KI-Modell. Genau darin findet die Investmentthese von Merantix bislang ihre stärkste Bestätigung.
Europas Vorteil liegt womöglich nicht beim größten Modell
Die Strategie kann zugleich als Antwort auf Europas strukturelle Schwäche im internationalen KI-Wettbewerb gelesen werden. Im Rennen um die größten Modelle, die teuersten Rechenzentren und globale Consumer-Plattformen befinden sich europäische Unternehmen gegenüber amerikanischen und zunehmend auch asiatischen Technologiekonzernen in einer schwierigen Ausgangslage. Unternehmen, die Milliardenbeträge allein für Recheninfrastruktur mobilisieren können, lassen sich nicht beliebig reproduzieren.
Europa verfügt jedoch über andere Vermögenswerte: hochentwickelte Industrieunternehmen, Maschinenparks, Kliniken, Forschungseinrichtungen, Pharmaunternehmen, Logistiknetzwerke, Energieinfrastruktur und eine große Zahl regulierter Märkte. Ausgerechnet die häufig beklagte Komplexität europäischer Wirtschaftsstrukturen könnte deshalb im Bereich vertikaler KI zum Wettbewerbsvorteil werden.
Je komplexer ein Prozess, je höher die regulatorischen Anforderungen und je wertvoller die zugrunde liegenden Daten sind, desto weniger genügt es, ein allgemein verfügbares Sprachmodell mit einer Benutzeroberfläche zu versehen. Der nachhaltige Wettbewerbsvorteil entsteht erst durch die Integration in Prozesse, Datenbestände und fachliche Entscheidungslogiken.
Vara liefert dafür ein Beispiel. Das Unternehmen setzt KI in der Brustkrebsdiagnostik ein und hat sich tief in bestehende Screening-Prozesse integriert. Deltia wiederum nutzt Computer Vision und künstliche Intelligenz zur Analyse manueller Fertigungsprozesse. Graph Therapeutics verbindet KI mit Präzisionsmedizin, während Outpost Bio Modelle rund um das menschliche Mikrobiom entwickelt. Externe Finanzierungsrunden dieser Unternehmen zeigen zumindest, dass mehrere der aus dem Merantix-Umfeld hervorgegangenen Firmen auch außerhalb des eigenen Ökosystems weiteres Kapital mobilisieren können.
Das ist noch kein Beweis dafür, dass aus ihnen große profitable Unternehmen entstehen werden. Es zeigt jedoch, dass die Kombination aus vertikaler Spezialisierung, Datenzugang und frühen Industriepartnerschaften auch für andere Investoren attraktiv ist.
Die heikle Frage nach Europas KI-Champions
Gerade die erfolgreichen Verkäufe führen allerdings zu einem grundsätzlichen Widerspruch. Merantix formuliert den Anspruch, in Europa globale KI-Champions aufzubauen. Die bisherigen Exits belegen jedoch zunächst, wie attraktiv europäische KI-Spezialisten für größere Technologie- und Informationskonzerne geworden sind.
Für Gründer und Investoren ist ein Verkauf an SAP oder Wolters Kluwer ohne Frage ein Erfolg. Industriepolitisch fällt die Bewertung komplizierter aus. Europa benötigt erfolgreiche Exits, damit Kapital und unternehmerische Erfahrung wieder in neue Unternehmen fließen können. Ein funktionierender Technologiemarkt kann nicht davon abhängen, dass jedes erfolgreiche Start-up bis zum Börsengang unabhängig bleibt. Gleichzeitig entsteht jedoch kein neuer europäischer Softwarekonzern, wenn besonders vielversprechende Technologieunternehmen regelmäßig frühzeitig in bestehenden Strukturen aufgehen.
Der Verkauf von SiaSearch an Scale AI verschärft diese Frage noch, weil der Käufer aus den Vereinigten Staaten kam. Damit berührt das Merantix-Portfolio eine der zentralen Fragen europäischer Technologiepolitik: Reicht es, innovative Unternehmen hervorzubringen, oder muss Europa auch in der Lage sein, diese Unternehmen über eine längere Wachstumsphase hinweg unabhängig zu finanzieren?
Der neue Fonds kann zumindest teilweise als Antwort darauf gelesen werden. 103 Millionen Euro sind im europäischen Frühphasenmarkt eine relevante Summe. Im internationalen KI-Kapitalmarkt bleiben sie jedoch vergleichsweise überschaubar. Für den Aufbau eines globalen Softwareunternehmens können spätestens in späteren Wachstumsphasen wesentlich größere Finanzierungsrunden erforderlich werden.
Nicht jedes KI-Unternehmen besitzt einen dauerhaften Burggraben
Hinzu kommt ein zweites Risiko. Gerade im Bereich generativer KI sinken die technischen Eintrittsbarrieren in einigen Softwaresegmenten rapide. Funktionen, für deren Entwicklung vor wenigen Jahren spezialisierte Entwicklerteams und eigene Modelle notwendig waren, werden zunehmend von großen Modellanbietern standardisiert bereitgestellt.
Für Investoren entsteht dadurch ein permanentes Wettrennen. Ein Unternehmen, dessen Produkt heute noch als eigenständige Software verkauft werden kann, könnte morgen mit einem neuen Modell-Release zu einer Standardfunktion von Microsoft, Google, OpenAI, Anthropic oder eines etablierten Branchensoftwareherstellers werden.
Merantix reagiert auf dieses Risiko erkennbar mit einer Konzentration auf Märkte, in denen zusätzliche Eintrittsbarrieren bestehen. Zu den Schwerpunkten gehören Tech-Bio und Healthcare Automation, Industrial AI, neue ERP-Systeme, Cybersecurity, Defence, Energie, digitale Vertrauenssysteme und hochregulierte Sicherheitsanwendungen. Das Portfolio wirkt deshalb weniger wie eine Sammlung möglichst vieler KI-Start-ups als wie ein Versuch, künstliche Intelligenz möglichst tief in reale wirtschaftliche Infrastruktur einzubauen.
Je stärker eine Technologie mit Daten, Genehmigungen, Unternehmensprozessen und physischen Abläufen verbunden ist, desto geringer wird die Gefahr, dass sie durch das nächste Modell-Update eines Technologiekonzerns vollständig austauschbar wird. Der Burggraben liegt dann nicht allein im Algorithmus, sondern in der Einbettung.
Security wird zum Investitionsfeld
Für die Sicherheitsindustrie ist diese Entwicklung besonders relevant. Mit Revel8 befindet sich bereits ein Unternehmen im Portfolio, das die menschliche Ebene der Cyberabwehr mit künstlicher Intelligenz adressiert. Zugleich gehören Cybersecurity, KI-gestützte Bedrohungserkennung sowie Defence and Security ausdrücklich zu den Feldern, in denen Merantix weiteres Potenzial sieht.
In dieses Bild passt auch die jüngst angekündigte Beteiligung der breiteren Merantix-Gruppe gemeinsam mit IBEX Wachstumspartner am deutschen Videosicherheitsanbieter Geutebrück, auch wenn das Unternehmen nicht zum klassischen Start-up-Portfolio von Merantix Capital gehört. Geutebrück verfügt bereits über jahrzehntelang gewachsene Kundenbeziehungen, etablierte Video-Management-Technologie und Erfahrung in sicherheitskritischen Umgebungen. KI soll dort nicht erst einen neuen Markt schaffen, sondern den Wert vorhandener Videodaten vergrößern und zusätzliche Anwendungen über die klassische Sicherheitsfunktion hinaus ermöglichen.
Wirtschaftlich könnte genau darin ein besonders interessanter nächster Entwicklungsschritt liegen. Bislang wurde das Merantix-Modell vor allem dafür bekannt, junge Unternehmen um neue KI-Anwendungen herum aufzubauen. Bei einem etablierten Mittelständler sind Kunden, Produkte, Datenstrukturen und internationale Vertriebswege dagegen bereits vorhanden. Die Frage lautet dann nicht mehr, wie sich aus KI ein Unternehmen gründen lässt, sondern wie künstliche Intelligenz ein bestehendes Unternehmen und dessen Wertschöpfung verändert.
Sollte dieses Modell funktionieren, würde sich für das Merantix-Ökosystem neben Venture Building und Frühphaseninvestments ein weiteres Feld eröffnen: die KI-Transformation etablierter europäischer Technologieunternehmen.
Vom KI-Inkubator zum industriellen Kapitalgeber
Zehn Jahre nach seiner Entstehung befindet sich Merantix damit selbst in einer Transformation. Aus einem Berliner Venture Studio ist ein hybrides Investmentmodell geworden, das Unternehmen selbst aufbaut, sich an extern gegründeten Start-ups beteiligt, junge Technologieanbieter mit Industriekonzernen verbindet und über die breitere Gruppe zunehmend auch mit etablierten Mittelständlern arbeitet.
Interessant ist das Portfolio deshalb weniger als Sammlung einzelner Firmennamen denn als Ausdruck einer bestimmten Form der Kapitalallokation. Merantix wettet nicht darauf, Europas größtes KI-Modell zu finanzieren. Die eigentliche Wette lautet, dass ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung erst dann entsteht, wenn Modelle tief in konkrete industrielle Prozesse eingebettet werden.
Diese These hat einiges für sich. Europas größte Stärke liegt weder bei Cloud-Infrastruktur noch bei globalen Verbraucherplattformen. Sie liegt bei Unternehmen, die Maschinen entwickeln, Medikamente erforschen, Energie verteilen, Waren transportieren, Risiken managen und kritische Infrastruktur betreiben. In all diesen Bereichen existieren Daten, Prozesse und Fachwissen, die sich nicht ohne Weiteres replizieren lassen.
Die entscheidende Frage ist deshalb längst nicht mehr, ob diese Branchen künstliche Intelligenz einsetzen werden. Das tun sie bereits. Entscheidend wird vielmehr sein, wer jene Softwareebene kontrolliert, über die ihre Daten künftig analysiert, ihre Prozesse optimiert und zunehmend auch ihre Entscheidungen vorbereitet werden.
Genau um diese Ebene kämpft Merantix Capital. Und daran wird sich letztlich auch messen lassen, ob aus dem Portfolio langfristig mehr entsteht als eine Reihe bemerkenswerter Exits – nämlich jene eigenständigen europäischen KI-Unternehmen, von denen der Kontinent seit Jahren spricht, bislang aber nur wenige hervorgebracht hat. [ML]

