58 Festnahmen, 263 identifizierte Verdächtige und Ermittlungen auf sechs Kontinenten: Mit der Operation Jackal IV ist Interpol erneut gegen westafrikanische Netzwerke der organisierten Kriminalität vorgegangen. Die Fälle reichen von Anlage- und Liebesbetrug über Geldwäsche bis zu Crime-as-a-Service-Strukturen im Darknet. Besonders auffällig ist, wie eng klassische organisierte Kriminalität inzwischen mit digitalen Betrugsmodellen und internationalen Zahlungswegen verzahnt ist.
Ermittlungsbehörden aus 22 Staaten haben im Rahmen der von Interpol koordinierten Operation Jackal IV insgesamt 58 Personen festgenommen. Weitere 263 Verdächtige wurden identifiziert. Die achtmonatige Aktion lief von November 2025 bis Juni 2026 und richtete sich gegen westafrikanische kriminelle Netzwerke, darunter auch Strukturen, die mit der Gruppe Black Axe in Verbindung gebracht werden.
Beteiligt waren Staaten aus Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien, die Niederlande und die Schweiz gehörten ebenfalls zu den Teilnehmern.
Im Mittelpunkt standen vor allem Finanz- und Cyberdelikte. Interpol nennt Romance Scams, betrügerische Anlage- und Kryptowährungsangebote sowie Business E-Mail Compromise als typische Vorgehensweisen. Hinzu kommen Geldwäsche, Identitätsmissbrauch und weitere schwere Straftaten.
Ziel der Operation war es, internationale Geldströme nachzuverfolgen, Vermögenswerte zu sichern und Schlüsselfiguren innerhalb der Netzwerke zu identifizieren. Interpol unterstützte die nationalen Ermittlungsbehörden unter anderem bei der Analyse von Daten, beim Informationsaustausch und bei operativen Maßnahmen.
Geldwäsche als Schnittstelle zwischen Cybercrime und organisierter Kriminalität
Ein Schwerpunkt lag auf der Frage, wie die Erlöse aus Betrugsdelikten verschoben und verschleiert werden. Gerade bei international organisierten Gruppen spielen Bankkonten, Kryptowallets, Scheinfirmen und Zahlungsdienstleister eine zentrale Rolle.
Tomonobu Kaya, Direktor des Interpol Financial Crime and Anti-Corruption Centre, bezeichnete die Verfolgung illegaler Finanzströme als entscheidenden Ansatzpunkt. Wer die Zahlungswege nachvollziehe, treffe kriminelle Gruppen dort, wo sie wirtschaftlich verwundbar seien.
Die Fälle aus Jackal IV zeigen, dass Cyberbetrug dabei selten isoliert stattfindet. Hinter einzelnen Angriffen oder Betrugsmaschen stehen häufig arbeitsteilige Strukturen, die Konten beschaffen, Gelder weiterleiten, Domains registrieren oder technische Infrastruktur bereitstellen.
Crime-as-a-Service in Argentinien
Besonders deutlich wurde das in Argentinien. Dort identifizierten Ermittler 196 Personen, die Teil eines größeren Crime-as-a-Service-Netzwerks gewesen sein sollen. 17 Personen wurden festgenommen.
Nach Angaben von Interpol stellte das Netzwerk unter anderem Internetdomains und Unterstützung bei der Geldwäsche für westafrikanische kriminelle Gruppen bereit. Ein Operational Support Team von Interpol analysierte beschlagnahmte Daten und unterstützte die Behörden bei der Zuordnung von Personen und Verbindungen.
Der Fall zeigt, wie stark sich kriminelle Dienstleistungen inzwischen auslagern lassen. Tätergruppen müssen technische oder finanzielle Infrastruktur nicht zwangsläufig selbst betreiben. Domains, Zahlungswege oder Geldwäschekapazitäten können bei anderen Akteuren eingekauft werden – teils über einschlägige Angebote im Darknet.
39 Festnahmen in Südafrika
In Johannesburg durchsuchten südafrikanische Behörden sieben Standorte, die mit einem Netzwerk für Romance- und Anlagebetrug in Verbindung gebracht werden. Die Täter sollen vor allem ältere Menschen in englischsprachigen Ländern angesprochen haben.
Die Organisation war offenbar klar arbeitsteilig aufgebaut. Interpol zufolge gab es sogenannte „Conversion“- und „Retention“-Agents, die unterschiedliche Phasen des Betrugs übernahmen. Während einige Mitglieder Opfer zunächst zu einer Zahlung bewegen sollten, waren andere dafür zuständig, den Kontakt aufrechtzuerhalten und weitere Überweisungen zu erreichen.
Die Behörden nahmen 39 Personen fest, blockierten 257 Bankkonten und stellten rund 2,67 Millionen US-Dollar sicher.
Dass Tätergruppen Begriffe und Strukturen verwenden, die eher aus Vertrieb und Kundenmanagement bekannt sind, ist kein Zufall. Gerade bei Romance- oder Investment-Scams hängt der Erfolg wesentlich davon ab, Kontakte über längere Zeit zu steuern und Vertrauen gezielt auszunutzen.
Ermittlungen in Italien und Rumänien
Auch in Europa stießen die Behörden auf größere Geldwäschestrukturen. In Italien wurde eine Person im Zusammenhang mit einem europaweit aktiven Netzwerk identifiziert, das Scheinfirmen, Zahlungsdienstleister und Bargeldabhebungen genutzt haben soll, um die Herkunft von Geldern zu verschleiern.
Über ein einzelnes Konto wurden laut Interpol 845.000 Euro in 560 Transaktionen bewegt. Dabei kamen 20 unterschiedliche Finanzinstrumente zum Einsatz.
In Rumänien zerschlugen Ermittler eine Gruppe, die über ein Callcenter vermeintlich attraktive Aktien- und Kryptowährungsinvestments vermarktete. Die Gelder der Opfer wurden anschließend auf von den Tätern kontrollierte elektronische Wallets umgeleitet.
Der weltweit verursachte und gewaschene Schaden wird auf rund 143 Millionen Euro geschätzt. Elf Personen wurden festgenommen. Außerdem beschlagnahmten die Behörden Bargeld und Kryptowährungen im Wert von rund 330.000 Euro, sechs Immobilien und mehrere Luxusuhren.
Sextortion gegen Minderjährige
Neben Finanzbetrug rückte während der Operation auch Sextortion stärker in den Fokus. Interpol beobachtete eine zunehmende Beteiligung westafrikanischer krimineller Gruppen an Erpressungsfällen gegen Minderjährige. Einige der Opfer waren erst 14 Jahre alt.
Die Täter nehmen meist über soziale Netzwerke Kontakt auf, bauen Vertrauen auf und bringen ihre Opfer dazu, intime Bilder oder Videos zu versenden. Anschließend drohen sie damit, das Material an Freunde oder Familienmitglieder weiterzugeben, falls kein Geld gezahlt wird.
Für die Ermittlungsbehörden entsteht dadurch eine zusätzliche Herausforderung. Die Täter operieren grenzüberschreitend, wechseln Kommunikationskanäle schnell und kombinieren klassische Erpressung mit digitalen Plattformen und internationalen Zahlungswegen.
Internationale Zusammenarbeit bleibt entscheidend
An Jackal IV beteiligten sich Österreich, Argentinien, Australien, Kanada, Côte d’Ivoire, Frankreich, Deutschland, Indonesien, Irland, Italien, Japan, Malaysia, die Niederlande, Nigeria, Portugal, Südafrika, Spanien, Schweden, die Schweiz, die Vereinigten Arabischen Emirate, das Vereinigte Königreich und die USA.
Viele der Verfahren laufen nach Angaben von Interpol weiter. Die bislang veröffentlichten Ergebnisse geben jedoch einen guten Eindruck von der Struktur moderner Betrugsnetzwerke: technische Infrastruktur, Social Engineering, Geldwäsche und Zahlungsabwicklung werden zunehmend über mehrere Länder und spezialisierte Akteure verteilt.
Für Strafverfolger bedeutet das, dass einzelne Festnahmen allein nur einen Teil der Strukturen treffen. Entscheidend ist, Verbindungen zwischen Personen, Konten, Unternehmen und digitalen Diensten sichtbar zu machen – und Informationen schnell genug zwischen den beteiligten Staaten auszutauschen.



