Von fragmentierten Alarmsystemen zur intelligenten Entscheidungsunterstützung: Wie KI-gestützte Alarmbewertung und standardisierte Schnittstellenarchitekturen die Arbeit in Leitstellen neu definieren
Die Anforderungen an Notruf- und Serviceleitstellen (NSL) steigen kontinuierlich: zunehmende Bedrohungslagen, eine wachsende Zahl heterogener Sicherheitssysteme, hohe Falschalarmquoten sowie steigender Personal- und Kostendruck stellen Betreiber vor strukturelle Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund starten die artec technologies AG und die VOMATEC Innovations GmbH das gemeinsame Forschungsprojekt CAVISIKI – mit dem Ziel, eine neue Generation intelligenter Leitstellenplattformen zu entwickeln.
Gefördert wird das Vorhaben im Rahmen des Zentralen Innovationsprogramms Mittelstand (ZIM) durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz mit einem nicht rückzahlbaren Zuschuss im sechsstelligen Euro-Bereich.
KI-gestützte Alarmbewertung: Von der Reaktion zur Priorisierung
Im Zentrum des Projekts steht die Entwicklung einer mandantenfähigen Plattform, die unterschiedliche sicherheitstechnische Gewerke – von Videoüberwachung über Einbruchmeldesysteme bis hin zur Zutrittskontrolle – in einer einheitlichen Benutzeroberfläche zusammenführt.
Der entscheidende Innovationsschritt liegt jedoch in der KI-gestützten Echtzeitbewertung von Alarmen: Eingehende Ereignisse werden automatisiert analysiert, kontextualisiert und priorisiert. Damit verschiebt sich die Rolle der Leitstelle grundlegend – weg von der reinen Alarmverarbeitung hin zu einer datenbasierten Entscheidungsinstanz.
Ziel ist es, Fehlalarme signifikant zu reduzieren, Reaktionszeiten zu verkürzen und gleichzeitig die Arbeitsbelastung des Personals spürbar zu senken. Gerade in hochfrequentierten Leitstellenumgebungen entsteht hier ein erheblicher Effizienzgewinn.
Neue Integrationslogik: Weg von Insellösungen
Neben der Alarmbewertung adressiert CAVISIKI ein weiteres strukturelles Problem: die bislang stark gewerkespezifische Integration von Sicherheitssystemen.
Das Projekt verfolgt daher einen Ansatz, bei dem bestehende, oft proprietäre Schnittstellen durch eine generische, technologieunabhängige Architektur ersetzt werden. Einheitliche Protokolle und standardisierte Befehlsstrukturen sollen künftig eine deutlich flexiblere Systemintegration ermöglichen.
Für Betreiber bedeutet das vor allem eines: größere Unabhängigkeit bei der Auswahl und Weiterentwicklung ihrer Sicherheitsinfrastruktur. Gleichzeitig wird die Grundlage für eine langfristig skalierbare und interoperable Systemlandschaft geschaffen.
Plattformstrategie: Flexibel zwischen Cloud, Hybrid und On-Premise
Die im Rahmen von CAVISIKI entwickelte Lösung ist von Beginn an auf unterschiedliche Betriebsmodelle ausgelegt. Neben klassischen On-Premise-Installationen sind auch Cloud-basierte Software-as-a-Service (SaaS)-Modelle sowie hybride Architekturen vorgesehen.
Diese Flexibilität ist insbesondere für KRITIS-Betreiber, Behörden und industrielle Anwender relevant, die je nach regulatorischem Umfeld und Sicherheitsanforderung unterschiedliche Betriebsformen benötigen.
Strategische Einordnung: Evolution bestehender PSIM-Systeme
Für die Projektpartner ist CAVISIKI mehr als eine technologische Weiterentwicklung bestehender Systeme. Vielmehr geht es um eine gezielte Evolution klassischer Leitstellen- und PSIM-Lösungen.
Dr. Stephan Heuer, Geschäftsführer der VOMATEC Innovations GmbH, beschreibt das Zielbild als nächste Entwicklungsstufe moderner Leitstellen: Die Plattform soll bestehende Systeme durch den gezielten Einsatz von KI erweitern und gleichzeitig die Komplexität im Hintergrund reduzieren.
Auch aus Sicht von artec steht die Effizienzsteigerung im Vordergrund. Vorstand Thomas Hoffmann betont, dass durch den Einsatz moderner Technologien die Qualität der Alarmbewertung deutlich gesteigert werden kann – bei gleichzeitiger Entlastung der operativen Leitstellenprozesse.
Zielmärkte: KRITIS, Behörden und industrielle Sicherheitsarchitekturen
Adressiert werden mit der neuen Plattform insbesondere Betreiber von Notruf- und Serviceleitstellen, Behörden sowie Unternehmen mit kritischer Infrastruktur.
Der Fokus liegt zunächst auf dem deutschsprachigen Raum, perspektivisch ist jedoch eine internationale Skalierung vorgesehen. Damit positioniert sich CAVISIKI als potenzieller Baustein für eine neue Generation integrierter Sicherheitsplattformen.
Leitstellen im Übergang zur datengetriebenen Plattform
Mit CAVISIKI reagieren artec und VOMATEC auf eine zentrale Entwicklung der Sicherheitsbranche: die Transformation von fragmentierten Einzelsystemen hin zu integrierten, KI-gestützten Plattformarchitekturen.
Die Kombination aus intelligenter Alarmbewertung und standardisierter Systemintegration adressiert dabei gleich mehrere der drängendsten Herausforderungen moderner Leitstellen.
Sollte es gelingen, die angestrebte Interoperabilität und Skalierbarkeit umzusetzen, könnte CAVISIKI nicht nur die Effizienz operativer Prozesse steigern, sondern auch neue Maßstäbe für die Architektur zukünftiger Leitstellen setzen – zunächst im DACH-Raum und perspektivisch darüber hinaus.


