Künstliche Intelligenz soll Unternehmen produktiver machen, Kosten senken und Beschäftigte entlasten. In der betrieblichen Praxis wächst jedoch zunächst der Leistungsdruck. Laut dem Factorial Business Facts Index 2026 haben 70 Prozent der befragten Führungskräfte in Deutschland ihre Erwartungen an die Teamleistung seit dem Einsatz von KI erhöht. Gleichzeitig berichten 67 Prozent, dass die Arbeitsbelastung unverändert geblieben oder gestiegen ist. Die Ergebnisse werfen eine wirtschaftlich entscheidende Frage auf: Schaffen Unternehmen durch KI tatsächlich zusätzliche Wertschöpfung, oder erhöhen sie lediglich ihre Leistungsanforderungen, ohne bestehende Ineffizienzen zu beseitigen?
Für die Untersuchung wurden im August 2026 insgesamt 3.760 Führungskräfte und Entscheidungstragende in Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und Portugal befragt, darunter rund 750 Personen in Deutschland. Lediglich 27 Prozent der deutschen Befragten beobachten seit dem KI-Einsatz eine sinkende Arbeitsbelastung. Zugleich erwarten 80 Prozent, dass die Technologie innerhalb der kommenden zwölf Monate die Arbeitsweise ihres Unternehmens verändern wird. Die hohe Veränderungserwartung ist jedoch noch kein Beleg für tatsächlich realisierte Produktivitätssteigerungen.
Infobox: KI und Produktivität – die wichtigsten Kennzahlen
| Kennzahl | Ergebnisse für Deutschland |
|---|---|
| 70 % | Führungskräfte haben ihre Leistungserwartungen an Teams seit dem KI-Einsatz erhöht. |
| 67 % | Berichten von unveränderter oder gestiegener Arbeitsbelastung. |
| 27 % | Beobachten eine sinkende Arbeitsbelastung. |
| 48,5 % | Verwenden 20 bis 30 % ihrer Arbeitszeit auf die Suche oder erneute Aufbereitung vorhandener Informationen. |
| 72 % | Erwarten Effizienzvorteile durch weniger und stärker zentralisierte Softwarelösungen. |
| 80 % | Rechnen innerhalb eines Jahres mit Veränderungen durch KI. |
| 444.454 € | Von Factorial berechneter jährlicher Gegenwert ineffizient eingesetzter Managementarbeitszeit bei 1.000 Beschäftigten. |
Quelle: Factorial Business Facts Index 2026. Die Prozentwerte beziehen sich auf die deutsche Teilstichprobe. Die Kostenangabe ist eine Modellrechnung, kein nachgewiesener finanzieller Verlust.
Ineffiziente Prozesse binden Managementkapazitäten
Ein wesentliches wirtschaftliches Problem liegt offenbar weniger in fehlender Technologie als in der mangelnden Vernetzung vorhandener Systeme. Knapp 49 Prozent der befragten deutschen Führungskräfte verbringen nach eigenen Angaben zwischen 20 und 30 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, Informationen zu suchen, abzugleichen oder erneut aufzubereiten, die im Unternehmen bereits existieren. Für ein Unternehmen mit 1.000 Beschäftigten errechnet Factorial daraus einen jährlichen Gegenwert von 444.454 Euro an ineffizient eingesetzter Managementarbeitszeit. Die Kalkulation berücksichtigt ausschließlich die betroffenen Führungskräfte und darf nicht als unmittelbar realisierbare Kosteneinsparung verstanden werden.
Betriebswirtschaftlich ist diese Unterscheidung wesentlich: Bereits bezahlte Arbeitszeit wird durch effizientere Prozesse nicht automatisch zu einer niedrigeren Kostenposition. Ein finanzieller Vorteil entsteht erst, wenn frei werdende Kapazitäten produktiver eingesetzt werden, zusätzliche Einstellungen vermieden, Bearbeitungszeiten reduziert oder tatsächlich Kosten eingespart werden. Dennoch verdeutlicht die Modellrechnung die Größenordnung möglicher Opportunitätskosten durch fragmentierte Informationsstrukturen.
Zusätzliche Software kann bestehende Kostenprobleme verschärfen
Die Untersuchung zeigt zudem, dass Unternehmen nicht nur durch ineffiziente Arbeitsabläufe, sondern möglicherweise auch durch parallele Softwarestrukturen wirtschaftlich belastet werden. In einer ergänzenden Veröffentlichung zum Business Facts Index berichtet Factorial, dass 43,7 Prozent der befragten deutschen Führungskräfte Überschneidungen bei bezahlten Softwarelösungen feststellen. Gleichzeitig sind rund 72 Prozent überzeugt, dass ihre Unternehmen mit weniger, dafür stärker integrierten Anwendungen effizienter arbeiten könnten.
Damit entsteht ein Investitionsrisiko: Werden KI-Anwendungen zusätzlich zu bestehenden, schlecht vernetzten Systemen eingeführt, können zunächst Lizenz-, Integrations-, Schulungs- und Betriebskosten steigen, ohne dass entsprechende Effizienzgewinne entstehen. Eine wirtschaftlich erfolgreiche KI-Strategie muss deshalb nicht nur neue Funktionen bereitstellen, sondern auch bestehende Prozesse vereinfachen und technische Doppelstrukturen reduzieren. Die bloße Konsolidierung von Software ist allerdings ebenfalls kein garantierter Effizienzgewinn; entscheidend sind die tatsächlich erreichten Verbesserungen.
KI-Rendite muss an messbaren Ergebnissen erkennbar sein
Für Unternehmensleitungen und Controlling verschiebt sich damit die zentrale Bewertungsfrage. Nicht die Anzahl eingesetzter KI-Tools oder die Höhe der Leistungserwartungen ist ausschlaggebend, sondern ihr nachweisbarer Beitrag zur Wertschöpfung. Relevante Kennzahlen sind beispielsweise die Bearbeitungszeit je Vorgang, die Fehlerquote, die Kosten pro Prozess, die Qualität der Ergebnisse und die tatsächlich eingesparte oder produktiver genutzte Arbeitszeit. Diesen Vorteilen müssen sämtliche Einführungs- und Folgekosten gegenübergestellt werden.
Die Factorial-Studie liefert dafür Hinweise auf organisatorische Schwachstellen, misst jedoch weder die tatsächlich erzielte KI-Rendite noch einen kausalen Zusammenhang zwischen KI-Einsatz und Arbeitsbelastung. Ihre wirtschaftliche Aussage liegt vor allem in einem strukturellen Widerspruch: Während Unternehmen durch KI höhere Leistungen erwarten, bleiben erhebliche Reibungsverluste in der betrieblichen Organisation bestehen. Wer KI lediglich als Instrument zur Erhöhung des Arbeitstempos einsetzt, ohne Prozesse und Kostenstrukturen zu verändern, riskiert zusätzliche Ausgaben statt nachhaltiger Produktivitätsgewinne.
Quellen: Factorial Business Facts Index 2026, veröffentlicht am 28. Oktober 2026; ergänzende Veröffentlichung von Factorial zu den Kosten fragmentierter Softwarelandschaften, Oktober 2026. Die Untersuchung wurde mit Dynata im CAWI-Verfahren durchgeführt und nach Unternehmensgröße gewichtet.

