Stürze, plötzliche Erkrankungen oder auffällige Veränderungen im Tagesablauf bleiben bei alleinlebenden älteren Menschen häufig unbemerkt. Forschende der Nottingham Trent University haben gemeinsam mit dem britischen Unternehmen Integrated System Technologies ein KI-gestütztes Überwachungssystem entwickelt, das mögliche Notlagen anhand von Bewegungen, Körperhaltungen und der Nutzung elektrischer Geräte erkennen soll. Die Besonderheit: Statt auf Videokameras oder tragbare Notrufgeräte setzt die Technologie auf eine Kombination aus Radar, Wärmesensorik und intelligenten Steckdosen. Damit eröffnet sich ein neuer Ansatz für die Sicherheitsüberwachung im häuslichen Umfeld.
Das im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts entwickelte System soll ältere Menschen dabei unterstützen, möglichst lange selbstständig in ihrer vertrauten Umgebung zu leben. Anders als herkömmliche Hausnotrufsysteme, bei denen Betroffene häufig selbst einen Alarm auslösen müssen, ist eine automatische Erkennung ungewöhnlicher Situationen vorgesehen.
Dazu erfasst die Sensortechnik typische Bewegungsmuster und alltägliche Aktivitäten innerhalb der Wohnung. Eine künstliche Intelligenz wertet die Informationen aus und soll erkennen, wenn das Verhalten der Bewohner deutlich von ihren gewohnten Abläufen abweicht. Bei möglichen Notfällen könnten Pflegefachkräfte oder Angehörige benachrichtigt werden, um die Situation zu überprüfen und gegebenenfalls Hilfe einzuleiten.
Drei Sensortechnologien erfassen den Alltag
Technische Grundlage ist die Kombination dreier unterschiedlicher Erfassungsverfahren. Millimeterwellenradar registriert Bewegungen und Positionsveränderungen innerhalb eines Raumes. Niedrig aufgelöste Wärmesensoren ergänzen diese Daten um Informationen zur Körperhaltung und können beispielsweise zwischen Sitzen, Stehen, Gehen und Liegen unterscheiden.
Hinzu kommen intelligente Steckdosen, die den Stromverbrauch angeschlossener Haushaltsgeräte erfassen. Aus deren Nutzung lassen sich Rückschlüsse auf alltägliche Aktivitäten ziehen, etwa das Zubereiten von Mahlzeiten oder die Verwendung eines Wasserkochers.
Die KI soll diese Informationen miteinander verknüpfen und individuelle Verhaltensmuster erkennen. Längere Phasen ungewöhnlicher Inaktivität, veränderte Bewegungsabläufe oder das Ausbleiben gewohnter Tätigkeiten könnten Hinweise auf gesundheitliche Probleme liefern.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Schutz der Privatsphäre. Die eingesetzten Wärmesensoren erzeugen lediglich stark reduzierte Darstellungen, aus denen weder Gesichtszüge noch persönliche Identitätsmerkmale zuverlässig abgeleitet werden sollen. Auf klassische Videokameras und am Körper getragene Sensoren kann das vorgesehene System im späteren Betrieb verzichten.
Laborversuche zeigen Potenzial der Sensorfusion
Die Forschenden untersuchten die Technik in einer simulierten Wohnumgebung mit sechs unterschiedlichen Raumkonfigurationen. Dabei wurden unter anderem Möbelanordnungen und typische Bewegungsabläufe variiert, um die Erkennungsleistung der Sensoren zu bewerten.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Technologien ergänzen. Während Radar insbesondere zur Erfassung räumlicher Bewegungen geeignet ist, liefert die Wärmesensorik differenziertere Informationen über Körperhaltungen. Intelligente Steckdosen können zusätzliche Hinweise auf die Nutzung von Haushaltsgeräten geben.
Die im Fachjournal Sensors veröffentlichte Untersuchung bestätigt damit das Potenzial einer mehrschichtigen Sensorarchitektur. Allerdings wurden die Erkennung von Bewegungen und Körperhaltungen sowie die Gerätenutzung unter kontrollierten Bedingungen untersucht. Die zuverlässige automatische Identifikation konkreter medizinischer Notfälle wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen ist damit noch nicht nachgewiesen.
Das System befindet sich weiterhin im Entwicklungsstadium. Für einen Einsatz in realen Wohnumgebungen sind zusätzliche Prüfungen erforderlich.
Datenschutz und Alarmzuverlässigkeit entscheidend
Aus sicherheitstechnischer Sicht verbindet der Ansatz zwei Anforderungen, die bei der Überwachung privater Wohnräume häufig miteinander konkurrieren: eine möglichst kontinuierliche Erkennung kritischer Situationen und den Schutz der persönlichen Lebensführung.
Der Verzicht auf hochauflösende Kamerabilder reduziert zwar die Eingriffsintensität, beseitigt jedoch nicht sämtliche Datenschutzrisiken. Auch Bewegungsprofile und Informationen über tägliche Gewohnheiten können sensible Rückschlüsse auf das Verhalten und den Gesundheitszustand einer Person ermöglichen.
Für einen späteren Regelbetrieb wären deshalb klare Vorgaben zur Verarbeitung, Speicherung und Weitergabe der Sensordaten erforderlich. Ebenso entscheidend sind geschützte Kommunikationsverbindungen und eine zuverlässige Alarmübertragung.
Hinzu kommt die Frage der Fehlalarmquote. Ein praxistaugliches System muss tatsächliche Notfälle möglichst zuverlässig erkennen, ohne bei gewöhnlichen Abweichungen vom Tagesablauf regelmäßig unbegründete Alarmierungen auszulösen. Auch technische Störungen, Stromausfälle und Kommunikationsunterbrechungen müssen bei der Auslegung berücksichtigt werden.
Neue Perspektiven für betreutes Wohnen
Langfristig könnte die Technologie bestehende Hausnotrufsysteme und telemedizinische Betreuungsangebote ergänzen. Gerade in betreuten Wohnformen oder bei alleinlebenden Senioren eröffnet eine unauffällige, automatisierte Erfassung von Alltagsaktivitäten zusätzliche Möglichkeiten zur frühzeitigen Intervention.
Entscheidend wird sein, ob sich die im Labor erzielten Ergebnisse unter realen Bedingungen bestätigen lassen. Neben der Erkennungsgenauigkeit müssen insbesondere die Zuverlässigkeit der Alarmierung, die Akzeptanz bei den Bewohnern und die Integration in bestehende Pflege- und Notrufstrukturen überprüft werden.
Das Forschungsprojekt zeigt, wie sich Radar, Wärmesensorik und künstliche Intelligenz zu einem neuen Sicherheitsansatz für private Wohnräume verbinden lassen. Ob daraus eine alltagstaugliche Lösung entsteht, hängt jedoch nicht allein von der Leistungsfähigkeit der Algorithmen ab. Maßgeblich sind belastbare Sicherheitsstandards, wirksamer Datenschutz und eine Alarmkette, die im Ernstfall tatsächlich Hilfe gewährleistet.
Redaktionelle Grundlage: Nottingham Trent University, Pressemitteilung „Elderly people could live independently for longer thanks to new home sensor system which detects emergencies“, 8. Oktober 2026; Mohammed et al., „Privacy-Preserving Ambient Sensing for Activities of Daily Living“, Sensors, August 2026, DOI: 10.3390/s26165066; pressetext, „KI passt künftig daheim auf ältere Menschen auf“, 12. Oktober 2026.


