Deutschland verliert mit Ritto erneut eine traditionsreiche Marke der Sicherheits- und Gebäudetechnik. Ist das ein weiterer Ausverkauf deutscher Industrie – oder genau das, was Europa heute braucht?
Vor zwanzig Jahren wäre die Antwort vermutlich eindeutig ausgefallen. Wenn eine bekannte deutsche Marke von einem ausländischen Unternehmen übernommen wurde, war schnell vom Verlust von Know-how, industrieller Substanz oder gar vom „Ausverkauf Deutschlands“ die Rede.
Doch der Markt hat sich grundlegend verändert.
Ritto war bereits seit 2007 Teil des französischen Schneider-Electric-Konzerns. Mit dem jetzt vollzogenen Verkauf an die italienische Comelit Group bleibt die Marke innerhalb Europas. Für Kunden und Fachpartner ist das zunächst eine gute Nachricht: Comelit bekennt sich zum Standort, zur Marke und zur Weiterentwicklung des Portfolios. Die Übernahme steht damit eher für Kontinuität als für einen radikalen Neuanfang.
Und dennoch wirft sie eine wichtige Frage auf.
Vielleicht diskutieren wir in Deutschland noch immer in den Kategorien des vergangenen Jahrhunderts. Vielleicht lautet die entscheidende Frage längst nicht mehr Deutschland oder Italien.
Vielleicht lautet sie vielmehr: Europa oder der Rest der Welt.
Der Wettbewerb hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verschoben. Die eigentlichen Wettbewerber der europäischen Sicherheitsindustrie kommen heute immer seltener aus Europa. Sie verfügen über globale Entwicklungsorganisationen, enorme Forschungsbudgets und Plattformstrategien, die physische Sicherheit, Cybersecurity und digitale Services miteinander verbinden. Der Wettbewerb hat sich damit von einem europäischen zu einem globalen Technologiewettbewerb entwickelt.
Damit verändern sich auch die Spielregeln für die Sicherheitsbranche.
Türkommunikation, Zutrittskontrolle, Videoüberwachung oder Einbruchmeldetechnik sind längst keine isolierten Systeme mehr. Sie wachsen mit Cloud-Plattformen, Künstlicher Intelligenz, digitalen Identitäten und Cybersecurity zu integrierten Sicherheitsökosystemen zusammen. Wer in diesem Markt künftig erfolgreich sein will, muss nicht nur innovative Hardware entwickeln, sondern auch Software, Datenplattformen und KI-Anwendungen beherrschen. Das erfordert erhebliche Investitionen, internationale Entwicklungsressourcen und eine langfristige Wachstumsstrategie.
Vor diesem Hintergrund erscheinen strategische Übernahmen in einem anderen Licht. Sie sind nicht zwangsläufig Ausdruck von Schwäche. Sie können ebenso Ausdruck einer notwendigen europäischen Konsolidierung sein.
Genau hier beginnt jedoch die eigentliche Debatte.
Warum entstehen europäische Sicherheitsplattformen heute immer häufiger außerhalb Deutschlands? Warum treten deutsche Unternehmen vergleichsweise selten selbst als Konsolidierer auf? Und welche Rahmenbedingungen braucht es, damit aus technologisch starken Mittelständlern internationale Marktführer werden können?
Diese Fragen reichen weit über den Fall Ritto hinaus.
Deutschland verfügt weiterhin über eine leistungsfähige Sicherheitsindustrie mit hoher Innovationskraft, exzellentem Ingenieurwissen und einer starken mittelständischen Struktur. Gleichzeitig verändern Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Konvergenz von Physical Security und Cybersecurity den Markt schneller als je zuvor. Die Unternehmen müssen heute nicht nur Produkte entwickeln, sondern komplette digitale Sicherheitsarchitekturen.
Genau darin liegt die eigentliche Zukunftsaufgabe der Branche.
Die Übernahme von Ritto sollte deshalb weder reflexartig beklagt noch unkritisch gefeiert werden. Sie sollte vielmehr Anlass sein, über die strategische Zukunft der europäischen Sicherheitsindustrie zu diskutieren. Europa braucht Unternehmen, die groß genug sind, um im globalen Wettbewerb technologisch mitzuhalten und gleichzeitig europäische Werte wie Datenschutz, Interoperabilität und digitale Souveränität zu sichern.
Doch Europa wird nur dann starke Sicherheitsunternehmen hervorbringen, wenn auch Deutschland seinen Beitrag leistet – durch innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren, mehr Investitionen in Forschung und Digitalisierung sowie den Mut, selbst europäische Technologieführer aufzubauen.
Vielleicht ist die Übernahme von Ritto deshalb kein Symbol für den Ausverkauf Deutschlands. Vielleicht ist sie vielmehr ein Weckruf. Nicht die Eigentümerfrage wird über die Zukunft der Sicherheitsindustrie entscheiden, sondern die Fähigkeit Europas, eigene Technologieführer hervorzubringen. Denn wenn diese Aufgabe nicht gelingt, werden die entscheidenden Plattformen und Innovationen künftig anderswo entstehen – und Europa würde vom Gestalter zum Anwender einer Schlüsselindustrie werden. [MN]

