Wie Radar die Videoüberwachung kritischer Infrastruktur verändert
Die jüngste Anschlagsserie auf die deutsche Strominfrastruktur macht ein altes Problem neu sichtbar: Umspannwerke, Leitungen und technische Außenanlagen bilden ein weit verzweigtes Netz, das sich nicht wie ein einzelnes Kraftwerk abschirmen lässt. Gerade abgelegene, unbemannte Standorte stellen Betreiber vor eine schwierige Aufgabe. Eine Kombination aus Radar, steuerbaren PTZ-Kameras und klassischer Videoüberwachung verspricht, große Flächen mit weniger Sensorik zu kontrollieren. Entscheidend ist dabei nicht die Zahl der Kameras, sondern die Fähigkeit, einen Vorfall früh zu erkennen und den richtigen Sensor im richtigen Moment auf das Ereignis zu richten.
Innerhalb weniger Tage ist der physische Schutz der deutschen Stromversorgung vom abstrakten Resilienzthema zur konkreten Sicherheitsfrage geworden. Anfang September wurden Hochspannungsanlagen im brandenburgischen Umfeld von Jänschwalde sowie ein Umspannwerk bei Bergheim in Nordrhein-Westfalen angegriffen. Bei Bergheim fanden Ermittler Abschussvorrichtungen, mit denen leitfähiges Material in Richtung der Stromleitungen geschleudert worden sein soll. Weitere verdächtige Vorrichtungen wurden später auch in Sachsen entdeckt. Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen; sie geht dem Verdacht nach, dass die Taten auf großflächige Stromausfälle zielten und geeignet waren, das Vertrauen in den Schutz kritischer Infrastruktur zu beeinträchtigen.
Die Ereignisse stehen nicht isoliert. Bereits der Brandanschlag auf zwei Hochspannungsmasten in Berlin-Johannisthal im September 2025 sowie ein weiterer Angriff auf die Berliner Strominfrastruktur im Januar 2026 hatten gezeigt, wie weit die Folgen physischer Sabotage reichen können. Stromausfälle beeinträchtigten nicht allein Haushalte und Unternehmen, sondern auch Festnetz, Mobilfunk und Internet. Berlin reagierte unter anderem mit verstärkten Zäunen und Videoüberwachung an seinen mehr als 70 Umspannwerken.
Die Schwierigkeit liegt allerdings in der Dimension der Infrastruktur. Stromnetze bestehen nicht aus einigen wenigen besonders schützenswerten Gebäuden. Umspannwerke, Freileitungen und technische Knotenpunkte verteilen sich über große Gebiete, liegen häufig außerhalb geschlossener Ortschaften und sind vielerorts nicht dauerhaft personell besetzt. Genau diese Kombination aus räumlicher Ausdehnung, geringer Personaldichte und hoher Kritikalität macht ihren physischen Schutz anspruchsvoll.
Eine Kamera sieht nur dorthin, wohin sie blickt
Konventionelle Videoüberwachung stößt hier auf ein geometrisches Problem. Eine fest installierte Kamera überwacht zuverlässig jenen Bereich, für den Objektiv, Blickwinkel und Montageposition ausgelegt wurden. Auf einem ausgedehnten Umspannwerksgelände entstehen jedoch zwangsläufig Bereiche außerhalb dieses Sichtfelds. Soll jeder Winkel lückenlos optisch erfasst werden, steigt die Zahl der notwendigen Kameras rasch an.
Für Betreiber entsteht damit ein Zielkonflikt. Einerseits verlangen kritische Anlagen eine möglichst vollständige Lageerfassung. Andererseits müssen nicht nur Kameras gekauft werden. Jeder zusätzliche Überwachungspunkt benötigt Montage, Stromversorgung, Netzwerkanschluss, Datenübertragung, Wartung und Einbindung in das Video-Management. Bei weitläufigen Außenanlagen kann deshalb der Versuch, eine vollständige 360-Grad-Ab- deckung allein mit fest ausgerichteten Kameras zu erzeugen, schnell unverhältnismäßig teuer werden.
Rui Barbosa, Manager of Surveillance Products bei i-PRO, sieht deshalb gerade bei abgelegenen und unbemannten Umspannwerken einen Vorteil in einer anderen Sensorarchitektur: Radar übernimmt die großflächige Detektion, während Kameras dort eingesetzt werden, wo tatsächlich ein optisches Bild benötigt wird.
Der Unterschied ist grundlegend. Die Kamera ist zunächst ein bildgebender Sensor. Radar beantwortet eine andere Frage: Bewegt sich innerhalb eines überwachten Raums etwas – und wenn ja, wo?
Radar als vorgelagerter Detektor
Radar sendet elektromagnetische Wellen aus und wertet deren Reflexion aus. Dadurch lassen sich Objekte und ihre Bewegung auch über größere Freiflächen erfassen, ohne dass für jeden Teil des Geländes ein permanentes Kamerabild vorhanden sein muss. Moderne Sicherheits- radare können Positions- und Bewegungsinformationen liefern und diese zur Steuerung anderer Sensoren verwenden.
Damit verändert sich die Architektur der Perimeterüberwachung. Statt große Freiflächen mit einer Vielzahl fest ausgerichteter Kameras optisch zu überziehen, können Radarsensoren zunächst die Detektion übernehmen. Registriert das System eine relevante Bewegung, wird eine schwenk-, neig- und zoombare PTZ-Kamera automatisch auf die entsprechende Position ausgerichtet.
Das Radar sagt vereinfacht: Dort geschieht etwas. Die Kamera liefert daraufhin die Information, was dort geschieht.
Gerade diese Arbeitsteilung ist für weitläufige Infrastrukturen interessant. Ein PTZ-System kann einen erheblich größeren Raum visuell bedienen als eine einzelne statische Kamera, wenn ihm ein externer Sensor präzise mitteilt, wohin es sich bewegen soll. Die Kamera muss nicht permanent alle potenziellen Gefahrenbe- reiche gleichzeitig beobachten. Sie wird ereignisbezogen auf das relevante Ziel geführt.
Bei der aktuellen i-PRO-Architektur lässt sich ein Sicherheitsradar beispielsweise mit mehreren KI-fähigen PTZ-Kameras verbinden. Der Hersteller setzt dabei auf 60-GHz-Millimeterwellentechnik; Radaralar- me können die verbundene PTZ automatisch auf erkannte Personen oder Fahrzeuge ausrichten und deren Bewegung verfolgen. Auch die Integration in Video-Management-Systeme ist vorgesehen. Damit wird aus Videoüberwachung ein Multisensorsystem.
Nicht jede Kamera wird überflüssig
Die Stärke dieses Ansatzes liegt allerdings nicht darin, klassische Kameras vollständig zu ersetzen. Für ein Umspannwerk ist vielmehr eine funktionale Arbeitsteilung sinnvoll.
Fest installierte Kameras bleiben dort im Vorteil, wo definierte Objekte kontinuierlich beobachtet werden müssen: an Toren, Türen, Zufahrten, Schleusen oder besonders kritischen technischen Einrichtungen. Dort ist der relevante Bereich bekannt, räumlich eng begrenzt und eine dauerhafte optische Erfassung sinnvoll.
Radar und PTZ-Technik übernehmen dagegen die weitläufigen Bereiche dazwischen: Freiflächen, äußere Perimeter, Zufahrtswege oder Bereiche, in denen sich ein Eindringling zunächst bewegen muss, bevor er einen kritischen Punkt erreicht.
Es entsteht eine gestaffelte Architektur. Der feste Sensor überwacht den neuralgischen Punkt, das Radar beobachtet den Raum, und die PTZ-Kamera übernimmt die visuelle Verifikation eines erkannten Ereignisses.
Gerade bei unbemannten Anlagen ist dies entscheidend. Ein Alarm besitzt erst dann operativen Wert, wenn eine Leitstelle beurteilen kann, ob tatsächlich eine Bedrohung vorliegt. Radar kann Bewegungen lokalisieren; das Kamerabild liefert den Sicherheitsmitarbeitern den visuellen Kontext für die Entscheidung, ob interveniert werden muss.
Das eigentliche Problem sind Sichtlücken
Die Diskussion über Kamerazahlen greift deshalb zu kurz. Das zentrale Problem eines abgelegenen Standorts ist nicht, ob dort zehn oder zwanzig Kameras installiert sind, sondern ob zwischen den überwachten Bereichen unerkannte Bewegungsräume verbleiben.
Solche Sichtlücken können verschiedene Ursachen haben: die Größe des Geländes, bauliche Strukturen, Vegetation, Masten oder technische Anlagen, aber auch die schlichte Tatsache, dass sich zusätzliche Kamerapositionen wirtschaftlich nicht rechtfertigen lassen.
Radar kann diese Lücken nicht im Sinne eines permanenten Videobildes schließen. Es kann jedoch Bewegungen innerhalb einer größeren Zone detektieren und dadurch den optischen Sensor gezielt aktivieren. Für Betreiber ist das ein wesentlicher Unterschied: Vollständige Lagewahrnehmung muss nicht zwangsläufig vollständige permanente Bildabdeckung bedeu- ten. Der Ansatz trennt Detektion von Identifikation.
Für kritische Infrastruktur kann genau dies eine effizientere Sensorstrategie ermöglichen. Denn eine Kamera, die rund um die Uhr einen leeren Geländeausschnitt filmt, erzeugt zwar Videodaten, aber nicht zwangsläufig zusätzlichen Sicherheitswert. Ein System, das eine ungewöhnliche Bewegung erkennt, lokalisiert und unmittelbar eine Kamera darauf richtet, verändert dagegen die Wahrscheinlichkeit, einen Vorfall in einem frühen Stadium wahrzunehmen.
Mehr Reichweite, weniger Hardware
Damit verbindet sich auch die wirtschaftliche Argumentation. Betreiber kritischer Infrastruktur stehen zwangsläufig unter dem Druck, Sicherheitsniveau und Investitionskosten miteinander in Einklang zu bringen. Selbst dort, wo Budgets steigen, lässt sich ein weit verzweigtes Stromnetz nicht mit unbegrenzt vielen Sensoren schützen.
Barbosa argumentiert deshalb für einen geschichteten Ansatz. Durch die Verbindung von Radar und strategisch positionierten PTZ-Kameras lässt sich die Zahl der Kameras begrenzen, die für eine großflächige Überwachung erforderlich wäre. Fest installierte Kameras verbleiben an kritischen Zugangspunkten; Radar und steuerbare Optik übernehmen die breite Flächenbeobachtung.
Der Kosteneffekt entsteht dabei nicht allein beim Kauf der Geräte. Weniger Kamerastandorte bedeuten potenziell weniger Verkabelung, weniger Netzwerkports, weniger Installationsaufwand und weniger Hardware, die im laufenden Betrieb gewartet werden muss. Gerade an abgelegenen Standorten können diese Infra- strukturkosten einen erheblichen Teil der Gesamtinvestition ausmachen.
Zugleich wird das Modell skalierbarer. Eine große Freifläche verlangt dann nicht zwangsläufig eine proportional steigende Zahl statischer Kameras. Der zusätzliche Raum kann zumindest teilweise durch die Reichweite der Detektionssensorik aufgefangen werden.
Das macht Radar nicht zu einer Billiglösung. Es verschiebt vielmehr die Investition: weg von einer hohen Zahl einzelner bildgebender Sensoren, hin zu einer stärker orchestrierten Sicherheitsarchitektur.
Vom Beobachten zum Reagieren
Technologisch interessanter als die reine Kostenfrage ist allerdings die Veränderung des Sicherheitsprozesses. Klassische Videoüberwachung ist ihrem Wesen nach zunächst passiv: Ein Bild wird erzeugt, aufgezeichnet und gegebenenfalls betrachtet.
Radar-PTZ-Kopplungen funktionieren ereignisorientiert. Eine Bewegung erzeugt Positionsdaten, diese lösen eine Kamerasteuerung aus, und die Kamera liefert daraufhin ein verifizierbares Bild. In einem Video-Management-System kann daraus ein Alarm entstehen, der unmittelbar einer Leitstelle zugeführt wird.
Die technische Kette lautet damit nicht mehr nur Kamera – Bild – Aufzeichnung, sondern Detektion – Lokalisierung – Verfolgung – Verifikation – Reaktion.
Gerade für abgelegene Infrastrukturen ist dieser Übergang entscheidend. Dort befindet sich häufig niemand, der einen ungewöhnlichen Vorgang zufällig bemerken könnte. Die Technik muss das Ereignis selbst aus einer weitgehend ereignislosen Umgebung herausfiltern.
Dass dabei auch die Qualität der Detektion zählt, liegt auf der Hand. Außenanlagen produzieren reichlich Bewegung, die sicherheitstechnisch bedeutungslos sein kann – Tiere, Vegetation oder wetterbedingte Veränderungen gehören dazu. Moderne Systeme kombinieren deshalb Radar zunehmend mit Videoanalyse und KI-basierter Objektklassifizierung, um relevante Objekte zuverlässiger von Störereignissen zu unterscheiden. i-PRO nennt gerade die Reduzierung solcher Fehlalarme als ein wesentliches Ziel seiner aktuellen Utility-Sicherheitsarchitektur.
Kritische Infrastruktur lässt sich nicht flächendeckend befestigen
Die deutsche Anschlagsserie führt damit zu einer unbequemen Erkenntnis. Stromnetze gehören zu jenen Infrastrukturen, deren gesellschaftliche Bedeutung weit größer ist als ihre physische Schutzfähigkeit. Hochspannungsleitungen verlaufen kilometerweit durch öffentlich zugängliche Landschaften. Umspannwerke stehen am Rand von Städten oder auf freiem Feld. Eine vollständige bauliche Abschottung ist weder praktisch noch wirtschaftlich realistisch.
Auch Fachleute weisen darauf hin, dass sich Energieinfrastruktur nicht zu hundert Prozent schützen lässt. Bundesweit wurden 2026 nach einem internen BKA-Lagebild bereits mehr als 160 Verdachtsfälle von Sabotage an kritischer Infrastruktur registriert.
Die Konsequenz kann deshalb nicht darin bestehen, jeden Meter kritischer Infrastruktur in eine Festung zu verwandeln. Entscheidend wird vielmehr, Angriffe früher zu erkennen, ihre Lage schneller zu verifizieren und Sicherheitskräfte gezielter einsetzen zu können.
Genau hier liegt die Stärke der Verbindung von Radar und Video. Sie erhöht nicht die physische Widerstandsfähigkeit eines Transformators und verhindert auch nicht automatisch einen Anschlag. Sie verkürzt jedoch jene Phase, in der sich eine Person innerhalb eines kritischen Geländes unbeobachtet bewegen kann. Für die Sicherheit abgelegener Umspannwerke ist dies womöglich die realistischere Zielgröße.
Mit dem Ausbau und der Modernisierung der Energieinfrastruktur wird die Zahl verteilter und teilweise unbemannter Anlagen weiter eine Herausforderung bleiben. Gleichzeitig wächst der Anspruch an ihre Überwachung. Mehr Sicherheit allein durch mehr Kameras wird dabei weder technisch noch wirtschaftlich überall funktionieren. Die entscheidende Entwicklung liegt deshalb in der Verbindung unterschiedlicher Sensoren. Radar überwacht den Raum, eine PTZ-Kamera liefert das Bild, feste Kameras sichern die neuralgischen Punkte. Erst aus ihrem Zusammenspiel entsteht ein belastbares Lagebild.
Die jüngsten Anschläge auf die deutsche Stromversorgung zeigen, warum diese Frage nicht mehr allein eine Angelegenheit der Videoüberwachung ist. An einem abgelegenen Umspannwerk kann ein blinder Fleck inzwischen ein Risiko für weit mehr sein als nur für das Gelände hinter dem Zaun.
Der Artikel basiert auf den Fachartikel “How Utilities Can Eliminate Visibility Gaps at Remote Substations” von Rui Barbosa, Manager of Surveillance Products, i-PRO
[ML/CN]



