Lagebild in Echtzeit: Technische Integration für den sicheren Luftraum

Mai 7, 2026

Dr. Peter Skiczuk ist Director für den Bereich Defence bei Frequentis
 
Unbekannte Flugobjekte über Flughäfen, Militär- und Industrieanlagen oder Drohnen im Flugraum: Die Situation im unteren Luftraum hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Für das Airspace Management handelt es sich längst nicht mehr um einen Sonderfall, sondern einen Stresstest. Nur koordinierte Prozesse und integrierte Plattformen ermöglichen schnellen Schutz kritischer Infrastrukturen auch über Ländergrenzen hinweg.
Seit mehreren Jahren steigt die Nutzung von Drohnen im unteren Luftraum im zivilen, militärischen und BOS-Bereich an – Tendenz steigend. Die Anwendungsbereiche reichen dabei von Logistikdrohnen über private Fluggeräte oder Rettungshubschrauber bis hin zu Spionage-Drohnen. Laut BKA gab es 2025 mehr als 1.000 Drohnensichtungen über Flughäfen, Industrieanlagen und kritischer Infrastruktur in Deutschland. Diese führen häufig zu Luftraumsperrungen und habe teilweise enorme wirtschaftliche Auswirkungen.
Die zentrale Frage ist, wie man dieser Veränderung begegnet. Dabei spielt die positionsgenaue und zeitgerechte Erfassung eine wichtige Rolle, sowie die Zuordnung im Falle von unbekannten als auch feindlichen Objekten. Eine ebenso große Herausforderung ist die reibungslose Koordinierung der verschiedenen Akteure, die den Luftraum kontrollieren, national wie auch international.

Was Airspace Management komplex macht

In den meisten Ländern gibt es nicht nur eine Institution, die den Luftraum beobachtet und kontrolliert, sondern viele: die zivile Flugsicherung, Polizei, das Militär, Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Diese gilt es zu koordinieren, damit Entscheidungsprozesse bei Luftraum-Aktivitäten effizient und schnell ablaufen können. 
Der Luftraum ist zudem „offen“: Er kennt keine klaren Abgrenzungen wie Zäune am Boden. Flugobjekte durchqueren schnell organisatorische und nationale Grenzen. Davon betroffen sind zivile und militärische Institutionen mit nationalen und internationalen Zuständigkeiten. Jede Einheit und jedes Land hat dazu unterschiedliche Gesetze und Prozesse etabliert. Dazu gehören Freigabe und Klassifizierungsregime, aber auch Datenschutzvorgaben für sensible Informationen.
Die größte Herausforderung ist daher, die unterschiedlichen Lagebewertungen und Informationsstände zu koordinieren und zu konsolidieren, um Zeitverluste in kritischen Situationen zu vermeiden und schnell ins Handeln zu kommen, etwa beim Eindringen von feindlichen Drohnen in den europäischen Luftraum.

Kommunikation und Integration als Schlüssel zur Lösung

Der entscheidende Punkt ist also ein integriertes System, das alle erfassten Informationen zusammenführt, ein gemeinsames Lagebild für alle Akteure erstellt und abgestimmte Entscheidungsprozesse ermöglicht. Und das nicht nur national, sondern auch länderübergreifend und im Rahmen gesetzlicher und militärischer Vorgaben. Hierbei gilt es die Regelungen zur nationalen Datensouveränität einzuhalten. Möglich machen das rollen- und situationsabhängige Freigaben, damit nur die Informationen fließen, die notwendig sind.
Dabei geht es nicht darum, bestehende nationale Systeme durch ein herstellerspezifisches System zu ersetzen, sondern die heterogenen ATM- und UTM-Systeme in umfassende Kommunikationsarchitekturen zu integrieren. Diese sind in der Lage, die erfassten Daten aus den verschiedenen Quellen und unterschiedlichen Datenformaten in Korrelation zu setzen und zu normalisieren. Sie sorgen anschließend für sichere Übergaben an Entscheidungs- und Einsatzstrukturen, wobei sie vorgegebene nationale und internationale Datenfreigaben berücksichtigen.

Beispiel: Drohnen über Industrieanlage oder im militärischen Luftraum

Tauchen plötzlich Drohnen über einer großen Industrieanlage auf, die zur kritischen Infrastruktur gehört, ist die erste Schwierigkeit, die Flugobjekte zuzuordnen und zu klassifizieren. Dabei sind eventuell verschiedene Akteure involviert, weil noch ein ziviler Flughafen, eine Polizeileitstelle mit Helikoptern und ein militärscher Fliegerhorst in der Nähe ist. Je nach Ausstattung haben die verschiedenen Flugsicherungsinstanzen unterschiedliche Sensorik im Einsatz, um die Flugobjekte zu bestimmen und eine schnelle Lageeinordnung vorzunehmen. Die Vernetzung dieser Sensoren bildet damit die Basis für eine Sensorfusion, woraus ein exaktes Lagebild in Echtzeit erstellt wird.
Ob und wie gegen die Drohnen vorgegangen werden soll, muss dann anschließend konzertiert koordiniert werden. Das funktioniert in Krisensituationen nur, wenn vorher klare Zuständigkeit vorliegen, die notwendigen Zuständigkeitsübergaben stattfinden und damit eine schnelle Reaktion ‒ beispielweise über ein C-UAV ‒ zeitnah erfolgt. Zeitgleich sorgt das Airspace-Management-System für die Information aller Beteiligten, dokumentiert den Vorfall, die Lageeinschätzungen und Entscheidungen und bietet so Optimierungsmöglichkeiten für zukünftige Ereignisse.
Die Bundeswehr setzt beispielsweise für das Management des militärischen Luftraums ein System von Frequentis ein, das auf Basis von Remote-ID-Daten ein kontinuierliches Luftlagebild erzeugt. Dieses unterstützt sowohl das dynamische Luftraummanagement als auch die Abwehr nicht-kooperativer Drohnen und kann bei Bedarf in das Gesamtluftlagebild der Luftwaffe integriert werden. Das zugrundeliegende UTM-System adressiert die wachsende Komplexität der Luftraumnutzung durch bemannte und unbemannte Systeme sowie zusätzliche Einflussfaktoren wie Artillerieflugbahnen und ermöglicht so ein effizientes und sicheres Management der begrenzten Ressource Luftraum. Der Funktionsumfang umfasst unter anderem Fluggenehmigung, Flugüberwachung, Wetterdienste, Geo-Awareness und Alarmmechanismen.

Fazit: Airspace Management als Koordinierungsplattform

Der zunehmende Luftverkehr im unteren Luftraum, insbesondere durch UAV und Flugobjekte ungeklärten Ursprungs, macht eine Airspace-Management-Plattform notwendig, die bestehende Systeme ziviler und militärischer Akteure national und international integriert und für einen reibungslosen Datenaustausch und schnelle Kommunikation sorgt. Dafür muss sie von der Architektur und den Prozessen her auf größtmögliche Interoperabilität ausgerichtet sein und auch mit proprietären Datenformaten umgehen können.
Einmal implementiert, stärkt sie als digitaler Backbone die organisatorische und länderübergreifende Zusammenarbeit und versetzt die beteiligten Luftverkehrsinstitutionen in die Lage, auch in kritischen Situationen schnell ein Lagebild zu erstellen und zeitnah reagieren zu können.

Über den Autor: Peter Skiczuk ist Vice President Defence bei Frequentis. In dieser Funktion verantwortet er die strategische Weiterentwicklung und die operative Steuerung des Defence-Geschäfts. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Führung komplexer Geschäftsbereiche und in der nachhaltigen Entwicklung sicherheitskritischer Märkte.

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