Die Unfallzahlen mit E-Scootern sind alarmierend. 2025 stieg die Zahl der Unfälle mit Personenschaden um 38,1 Prozent, die Zahl der Todesopfer sogar um über 40 Prozent. Handlungsbedarf besteht also zweifellos. Doch die nun vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) vorgeschlagenen Maßnahmen greifen zu kurz. Ein Befähigungsnachweis, ein höheres Mindestalter oder zusätzliche Seitenmarkierungsleuchten bekämpfen vor allem die Symptome – nicht die eigentliche Ursache.
Denn das größte Problem auf Deutschlands Straßen ist längst nicht fehlendes Wissen über Verkehrsregeln. Die meisten Menschen wissen sehr genau, dass man mit einem E-Scooter nicht auf dem Gehweg fahren darf. Sie wissen, dass Einbahnstraßen nicht entgegen der Fahrtrichtung befahren werden dürfen. Sie wissen auch, dass E-Scooter nur für eine Person zugelassen sind. Trotzdem sieht jeder täglich das Gegenteil.
Auf Gehwegen wird mit hoher Geschwindigkeit zwischen Fußgängern hindurchgefahren. Einbahnstraßen werden ignoriert, wenn der Umweg zu unbequem erscheint. Zwei Personen auf einem Scooter gehören inzwischen fast zum Alltag, drei sind keine Seltenheit – und wenn es technisch möglich wäre, würden vermutlich auch vier Personen auf einem Fahrzeug stehen.
Das hat nichts mit mangelnden Fahrkenntnissen zu tun. Dafür braucht niemand einen Befähigungsnachweis. Dafür braucht es schlicht Respekt vor anderen Verkehrsteilnehmern.
Die Forderung nach einer Art „E-Scooter-Führerschein“ wirkt deshalb erstaunlich technokratisch. Wer sich bewusst über Regeln hinwegsetzt, wird sein Verhalten kaum ändern, weil er zuvor eine Unterrichtseinheit besucht oder eine Bescheinigung erhalten hat. Auch das Anheben des Mindestalters von 14 auf 15 Jahre wird diejenigen kaum beeindrucken, die schon heute jünger unterwegs sind oder sich nicht an bestehende Vorschriften halten.
Ähnliches gilt für neue technische Vorgaben. Blinker, Seitenmarkierungsleuchten oder Reflektoren können die Sichtbarkeit verbessern – keine Frage. Sie verhindern aber nicht, dass jemand alkoholisiert fährt, mit überhöhter Geschwindigkeit durch Fußgängerzonen rast oder bewusst den Gehweg als Schnellstraße nutzt.
Bemerkenswert ist, dass der DVR selbst auf die eigentlichen Ursachen hinweist. Laut Destatis war 2025 das häufigste Fehlverhalten die falsche Benutzung von Fahrbahn oder Gehwegen (21,6 Prozent), gefolgt von Alkohol am Lenker (10,9 Prozent) und nicht angepasster Geschwindigkeit (8,4 Prozent). Das sind keine Wissensdefizite. Das sind bewusste Regelverstöße.
Genau deshalb liegt der Schlüssel nicht in immer neuen Vorschriften, sondern in ihrer konsequenten Durchsetzung. Wer regelmäßig erlebt, dass auf Gehwegen gefahren, zu zweit transportiert oder entgegen der Fahrtrichtung gefahren wird, ohne dass dies Konsequenzen hat, braucht sich über steigende Unfallzahlen kaum zu wundern. Regeln entfalten nur dann Wirkung, wenn ihre Missachtung spürbare Folgen hat.
Noch wichtiger ist allerdings eine gesellschaftliche Frage: Wie selbstverständlich ist gegenseitige Rücksichtnahme heute überhaupt noch? Verkehrssicherheit entsteht nicht allein durch Gesetze, Technik oder Prüfbescheinigungen. Sie entsteht durch Verantwortungsbewusstsein. Wer den öffentlichen Verkehrsraum nutzt, übernimmt Verantwortung – für sich selbst und für andere. Fehlt diese Haltung, helfen weder zusätzliche Beleuchtung noch ein weiterer Nachweis im Portemonnaie.
Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, weniger über neue Bescheinigungen zu diskutieren und mehr darüber, wie wir wieder zu einer Verkehrskultur gelangen, in der Rücksichtnahme wichtiger ist als der eigene Zeitgewinn. Gleichzeitig sollte der Gesetzgeber den bestehenden Bußgeldkatalog deutlich verschärfen und Verstöße konsequenter ahnden. Wer auf Gehwegen fährt, entgegen der Fahrtrichtung unterwegs ist, zu zweit oder gar zu dritt auf einem E-Scooter fährt oder andere Verkehrsteilnehmer gefährdet, sollte mit spürbar höheren Bußgeldern rechnen. Bei wiederholten oder besonders gravierenden Verstößen wären zeitlich befristete Fahrverbote für E-Scooter oder – sofern vorhanden – Punkte im Fahreignungsregister durchaus diskutabel. Denn nicht neue Bescheinigungen schaffen Sicherheit, sondern die Kombination aus persönlicher Verantwortung, gegenseitigem Respekt und konsequent durchgesetzten Regeln. [DCM]


