Wie multifunktionale Mobilitätsknoten urbane Logistik, Parkraum und nachhaltige Mobilität miteinander verbinden
Die zunehmende Verdichtung urbaner Räume stellt Städte in ganz Europa vor grundlegende Herausforderungen. Wachsende Verkehrsströme, steigender Lieferverkehr, ambitionierte Klimaziele und der Wunsch nach einer höheren Aufenthaltsqualität konkurrieren um denselben begrenzten öffentlichen Raum. Besonders deutlich wird dieser Zielkonflikt beim Parkraum: Während Anwohner, Pendler, Wirtschaftsverkehr und Logistikflächen beanspruchen, sollen gleichzeitig Flächen für Radverkehr, öffentlichen Nahverkehr und Grünräume geschaffen werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnen sogenannte Mobilitätshubs zunehmend an Bedeutung. Sie gelten als ein Instrument, um unterschiedliche Mobilitäts- und Logistikangebote an einem Ort zusammenzuführen und vorhandene Flächen effizienter zu nutzen. Im europäischen Forschungsprojekt MoLoHubs (Mobility and Logistics Hubs), das im Rahmen des Interreg North Sea Region Programme gefördert wird, werden verschiedene Hub-Konzepte in mehreren Städten der Nordseeregion erprobt. Ziel ist es, neue Ansätze für eine multimodale Mobilität zu entwickeln und gleichzeitig das Parkraummanagement sowie die urbane Logistik zu verbessern.
Parkraummanagement neu gedacht
Während Parkraumbewirtschaftung lange Zeit vor allem mit Stellplatzverwaltung oder Parkleitsystemen verbunden wurde, verfolgt das MoLoHubs-Konzept einen deutlich umfassenderen Ansatz. Mobilitätshubs sollen nicht nur Fahrzeuge aufnehmen, sondern unterschiedliche Verkehrsträger und Dienstleistungen miteinander verknüpfen. Dadurch entstehen multifunktionale Infrastrukturen, die sowohl den Personenverkehr als auch logistische Prozesse unterstützen.
Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf der effizienteren Nutzung knapper innerstädtischer Flächen. Statt einzelne Parkplätze ausschließlich für eine Nutzung vorzuhalten, sollen Flächen je nach Tageszeit oder Bedarf unterschiedlichen Zwecken dienen. Dadurch lässt sich vorhandener Raum flexibler bewirtschaften, ohne zwangsläufig zusätzliche Infrastruktur schaffen zu müssen.
Amsterdam testet „Park and Switch“
Ein besonders anschauliches Beispiel liefert die niederländische Hauptstadt Amsterdam. Dort wird im Rahmen des Projekts das Konzept „Park and Switch“ (P+S) erprobt.
Ausgangspunkt ist eine typische Herausforderung vieler europäischer Innenstädte: Service- und Wartungstechniker benötigen ihre Fahrzeuge, um Werkzeuge und Material zu transportieren. Gleichzeitig erschweren enge Straßen, begrenzte Parkmöglichkeiten und emissionsarme Zonen den Einsatz großer Transporter im Stadtzentrum.
Im Pilotprojekt parken Techniker ihre Transportfahrzeuge zunächst an einem Mobilitätshub außerhalb des besonders stark belasteten Innenstadtbereichs. Anschließend wechseln sie auf kleinere, lokal emissionsfreie Fahrzeuge, die für den Einsatz in der Innenstadt besser geeignet sind. Je nach Einsatzprofil kommen dabei Lastenfahrräder, elektrische Kleinfahrzeuge oder motorisierte Zweiräder zum Einsatz.
Die praktische Erprobung zeigte, dass unterschiedliche Tätigkeiten unterschiedliche Fahrzeugkonfigurationen erfordern. Deshalb wurden die eingesetzten Fahrzeuge speziell auf die Anforderungen der jeweiligen Serviceteams abgestimmt, sodass Werkzeuge und Ausrüstung weiterhin vollständig transportiert werden können.
Für die Techniker reduziert sich dadurch nicht nur die oft zeitaufwendige Parkplatzsuche, sondern auch die Fahrzeiten innerhalb stark belasteter Innenstadtbereiche.
Fünf Städte als Reallabore
Die unterschiedlichen Hub-Konzepte werden derzeit in Aalborg, Amsterdam, Borås, Hamburg und Mechelen getestet. Ziel ist es, verschiedene Einsatzszenarien miteinander zu vergleichen und Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie Mobilitätshubs die urbane Mobilität sowie logistische Abläufe verbessern können.
Neben der Reduzierung innerstädtischen Verkehrsaufkommens stehen dabei insbesondere die Attraktivität multimodaler Verkehrsknoten sowie nutzerorientierte Logistikdienstleistungen im Mittelpunkt.
Neue Perspektiven für die Stadtplanung
Mobilitätshubs beeinflussen nicht nur Verkehrsströme, sondern auch die langfristige Stadtentwicklung. Werden Mobilitätsangebote an zentralen Standorten gebündelt, sinkt der Bedarf an klassischen Stellplätzen unmittelbar an Wohn- oder Gewerbegebäuden.
Dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Flächennutzung. Grundstücke, die bislang für Parkplätze oder Parkhäuser vorgesehen waren, können künftig teilweise für andere Nutzungen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig reduzieren sich Investitionskosten für Stellplatzanlagen, was sich unter bestimmten Rahmenbedingungen auch auf Baukosten auswirken kann.
Mobilitätshubs werden damit zunehmend Bestandteil integrierter Stadtentwicklungsstrategien, bei denen Verkehrsplanung, Immobilienentwicklung und öffentliche Infrastruktur gemeinsam betrachtet werden.
Flächen flexibel statt statisch nutzen
Ein weiterer Grundgedanke des Projekts besteht darin, öffentliche Verkehrsflächen dynamischer zu bewirtschaften.
Bislang erfüllen viele Straßenabschnitte oder Bordsteinkanten während des gesamten Tages dieselbe Funktion. Künftig könnten dieselben Flächen je nach Tageszeit unterschiedlich genutzt werden. Ladezonen für Lieferverkehr könnten beispielsweise außerhalb der Lieferzeiten als Kurzzeitparkplätze oder Abstellflächen dienen. Bei Veranstaltungen oder besonderen Verkehrslagen ließen sich Flächen kurzfristig neu zuweisen.
Diese flexible Nutzung setzt jedoch voraus, dass Städte jederzeit wissen, wie ihre Verkehrsflächen aktuell genutzt werden.
Daten als Grundlage intelligenter Flächensteuerung
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Curb Data Specification (CDS). Dabei handelt es sich um einen standardisierten Datenrahmen, der Städten hilft, Bordstein- und Straßenflächen digital abzubilden und zu verwalten.
Über standardisierte Schnittstellen können sowohl statische Informationen – etwa dauerhaft geltende Regelungen – als auch dynamische Daten zu temporären Nutzungen bereitgestellt werden. Gleichzeitig lassen sich aktuelle Belegungen analysieren sowie Änderungen in Echtzeit kommunizieren.
Unterstützt wird der Standard von der Open Mobility Foundation (OMF), einer Open-Source-Organisation, die digitale Werkzeuge für Mobilitätsmanagement entwickelt. Zahlreiche europäische Städte nutzen den Ansatz bereits, um ihre Bordsteininfrastruktur transparenter zu verwalten.
Dadurch entsteht die Grundlage für eine dynamische Flächenbewirtschaftung, bei der unterschiedliche Nutzungen flexibel kombiniert werden können.
Erfolgreiche Mobilitätsstrategien brauchen Akzeptanz
Technische Lösungen allein reichen nach Einschätzung der Projektpartner jedoch nicht aus. Mobilitätshubs verändern bestehende Verkehrs- und Parkstrukturen und betreffen damit unmittelbar die Nutzung des öffentlichen Raums.
Entscheidend sei deshalb, Bewohner, Unternehmen und potenzielle Nutzer frühzeitig einzubeziehen. Nur wenn nachvollziehbar vermittelt wird, welche Alternativen entstehen und welche Vorteile sich daraus ergeben, lassen sich entsprechende Konzepte dauerhaft etablieren.
Gleichzeitig benötigen Städte ein detailliertes Verständnis ihrer Verkehrsströme. Neben Fahrzeugbewegungen spielen dabei auch Aufenthaltsorte, Zielpunkte, Lieferverkehre sowie die Verknüpfung unterschiedlicher Verkehrsmittel eine wichtige Rolle. Erst auf dieser Grundlage lassen sich Standort, Größe und Ausstattung eines Mobilitätshubs bedarfsgerecht planen.
Öffentliche Hand als Koordinator
Im Unterschied zu vielen technologiegetriebenen Mobilitätsprojekten steht bei MoLoHubs weniger die Entwicklung neuer Fahrzeuge oder digitaler Anwendungen im Mittelpunkt als vielmehr die Rolle der öffentlichen Hand.
Kommunen übernehmen dabei die Aufgabe, unterschiedliche Mobilitätsangebote miteinander zu vernetzen, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen und verschiedene Akteure zusammenzuführen. Gleichzeitig bleibt der Dialog mit Industrie, Logistikunternehmen, Mobilitätsanbietern und weiteren Partnern ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
Mehr als ein Parkraumkonzept
Die Erfahrungen aus den Pilotprojekten zeigen, dass Mobilitätshubs weit über klassische Park-and-Ride-Anlagen hinausgehen. Sie verbinden Logistik, Personenverkehr, Sharing-Angebote und digitale Flächenbewirtschaftung zu einem integrierten Mobilitätskonzept.
Angesichts zunehmender Urbanisierung, wachsender Lieferverkehre und steigender Anforderungen an nachhaltige Mobilität könnten solche multifunktionalen Infrastrukturen künftig eine wichtige Rolle für die Verkehrsplanung europäischer Städte übernehmen. Sie schaffen nicht nur neue Möglichkeiten für ein effizienteres Parkraummanagement, sondern leisten zugleich einen Beitrag zur Entlastung innerstädtischer Verkehrsräume und zur flexibleren Nutzung knapper Flächen.
Die im Rahmen von MoLoHubs gewonnenen Erkenntnisse dürften damit auch über die beteiligten Modellstädte hinaus Impulse für zukünftige Mobilitäts- und Stadtentwicklungskonzepte in Europa liefern.

