Besser vorbereitet für den Ernstfall mit PWS und CEM
Moderne Public Warning Systems (PWS) und Critical Event Management (CEM) sorgen dafür, dass Bürger im Ernstfall schneller und besser gewarnt und informiert werden. Behörden und Einsatzkräfte können sich besser abstimmen und verlieren weniger Zeit.
Seit dem Ende des Kalten Krieges wurde der Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Doch Ereignisse der vergangenen Jahre haben für ein Umdenken gesorgt, vor allem die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 und der Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im folgenden Jahr. Seitdem wird wieder im großen Stil investiert, unter anderem in Warnsysteme. So werden beispielsweise Sirenen, die seit den 1990er-Jahren sukzessive von den Dächern verschwunden sind, wieder instand gesetzt oder sogar neu installiert. Doch diese sogenannte laute Alarmierung kann nur ein Teil eines umfassenden Systems sein. Neben Sirenen stehen in Deutschland bereits digitale Warnkanäle als Teil eines nationalen Warnsystems zur Verfügung. Heute können und müssen wir technische Mittel einsetzen, die eine wesentlich granularere Alarmierung und die Übertragung von Botschaften ermöglichen. Auch bei der Alarmierung allein darf es nicht bleiben: In einem Katastrophenfall sind vor allem die Koordination verschiedener Stellen und schnelles Handeln entscheidend. Dafür kommt heute oft Critical Event Management zum Einsatz. Beide Systeme müssen zusammenspielen, um in Krisenfällen so viel Schaden wie möglich abzuwenden.
Warum wir verbesserte Warnsysteme brauchen
Die Ahrtalflut zeigte auf verheerende Weise, was passiert, wenn eine Naturkatastrophe auf unzureichende Vorbereitung trifft. Probleme gab es damals an sehr vielen Stellen und nur durch verbesserte Warnsysteme allein wäre es nicht getan gewesen. Dennoch ist die möglichst frühe und flächendeckende Warnung der Bevölkerung in solchen Fällen ein entscheidender Schritt, um Leib und Leben so gut wie möglich zu schützen. Untersuchungen im Nachgang der Katastrophe zeigen, dass 35 Prozent der Einwohner in Nordrhein-Westfalen und 29 Prozent der Einwohner von Rheinland-Pfalz gar keine Warnung erhalten hatten. Von denen, die gewarnt wurden, hatten 85 Prozent nicht mit der Schwere der Überflutung gerechnet und 46 Prozent fehlte es an situativem Wissen zu Schutzmaßnahmen.
Bei Warnungen geht es darum, ob sie in den entscheidenden Sekunden oder Minuten über die richtigen Kanäle mit klaren Anweisungen die richtigen Personen erreichen. Vor dem Hintergrund der sich häufenden Extremwetterereignisse in den letzten Jahren muss dies oberste Priorität haben. So war Europa 2024 erneut von schweren Unwettern betroffen. Tief Boris brachte Rekordregenfälle und schwere Überschwemmungen in Teilen Ost- und Mitteleuropas. Durch den Klimawandel werden derartige Wetterextreme häufiger. Doch dies ist nicht der einzige Grund. Die weltweite Sicherheitslage ist aktuell so angespannt wie seit Jahrzehnten nicht mehr – mit mehreren offen ausgetragenen Konflikten und internationalem Terrorismus auf dem Vormarsch. Dabei erleben wir verstärkt sogenannte hybride Kriegsführung, bei der neben Kampfhandlungen gegen reguläre Kombattanten auch gezielte Attacken gegen zivile Infrastrukturen, Desinformation und sonstige subversive Aktivitäten eine große Rolle spielen. Kurzum, aktuell leben wir in einem Zeitalter diffuser Bedrohungen, was sich auch im subjektiven Sicherheitsempfinden niederschlägt.
Ein erster Schritt, um mehr Vertrauen zu schaffen, ist ein funktionierendes Warnsystem. Begleitend dazu braucht es allerdings auch verlässliche Systeme mit klaren Prozessen, um im Krisenfall Maßnahmen zu koordinieren.
Die Basis: Public Warning System (PWS)
Ein PWS ist eine von staatlichen Stellen betriebene Notfallkommunikationsinfrastruktur, die offizielle, standortbezogene Echtzeit-Warnmeldungen an Personen in einem definierten Risikogebiet versendet. Deutschland verfügt mit dem Modularen Warnsystem (MoWaS) bereits über ein nationales Warnsystem, dessen Warnkanäle seit Februar 2023 auch Cell Broadcast umfassen. Regionale, kommunale und organisationsbezogene Warn- und Krisenmanagementlösungen, etwa an Flughäfen oder bei Betreibern Kritischer Infrastrukturen, ergänzen und verstärken diese nationale Warnarchitektur.
Das Ziel besteht nicht nur darin, Menschen über ein (Katastrophen-)Ereignis zu informieren, sondern ihnen auch schnell genug konkrete Anweisungen zu geben, damit sie sich bestmöglich schützen können. Moderne Systeme kombinieren dazu in der Regel mehrere Kanäle: Cell Broadcast, standortbezogene SMS, mobile Apps, Sirenen, Radio, Fernsehen, öffentliche Anzeigetafeln, E-Mail und soziale Medien.
Ein besonders wichtiges Element dabei ist Cell Broadcast. Über diese Technologie können alle Mobilfunkteilnehmer innerhalb einer Funkzelle benachrichtigt werden. Dabei spielt es keine Rolle, in das Netz welches Betreibers sie eingewählt sind, ob sie eine lokale oder auswärtige SIM-Karte nutzen oder wie das Telefon eingestellt ist. Die Warnmeldung löst automatisch einen lauten Ton und Vibration aus. Da die meisten Menschen heute fast immer ein Mobiltelefon bei sich tragen, ist dies ein idealer Weg, um schnell Informationen zu verbreiten.
Laut Bundesnetzagentur gab es Ende 2025 in Deutschland etwa 106 Millionen aktiv genutzter SIM-Profile. Statistisch gesehen hat also jeder deutsche Bürger mehr als einen Anschluss. In der Praxis ist das natürlich nicht der Fall und es gibt immer noch Menschen ohne Mobiltelefon. Doch diese Anzahl wird immer geringer und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich in ihrer Nähe ein Handynutzer befindet. Allerdings sind noch längst nicht alle genutzten Mobiltelefone auch smart. Einer Bit- kom-Studie zufolge nutzen 82 Prozent der über Sechzehnjährigen in Deutschland zumindest gelegentlich ein Smartphone, 18 Prozent also nicht. Daher wäre es der falsche Ansatz, für Katastrophenwarnungen allein auf ein Smartphone-basiertes Konzept zu setzen.
Ein weiterer Punkt, der für Cell Broadcast spricht, ist, dass Mobilfunkinfrastruktur heute in den allermeisten bewohnten Gebieten der Erde vorhanden ist. 96 Prozent der Weltbevölkerung werden mindestens von 3G-Konnektivität abgedeckt, schätzt die internationale Telekommunikationsunion ITU. Dadurch lässt sich ein auf Cell Broadcast basierendes PWS innerhalb relativ kurzer Zeit und ohne wesentliche Infrastrukturanpassungen realisieren.
Utimaco konnte ein solches System in der Ukraine binnen sechs Wochen zur Verfügung stellen, mit dem Ziel, Zivilisten besser vor russischen Angriffen zu schützen. Das System ist zentral mit den lokalen Mobilfunkbetreibern Kyivstar, Vodafone und Lifecell verbunden und unterstützt 2G, 3G und 4G anbieterunabhängig. Dieses Beispiel zeigt, wie sich auch in einer Ausnahmesituation noch ein Warnsystem zügig aufbauen lässt, wenn man auf vorhandene Infrastruktur setzt.
Von der Netzwerkauslastung ist Cell Broadcast nicht betroffen, da es sich um priorisierte Point-to-Multipoint-Nachrichten handelt. Dies ist eher mit einer klassischen UKW-Ausstrahlung vergleichbar als mit 1:1-Mobilfunkverbindungen. Die Übertragung wird nicht dadurch beeinflusst, wie viele Endgeräte sie empfangen. Dank dieses Prinzips sind auch keine Telefonnummern oder sonstigen Informationen über die Mobilfunkteilnehmer innerhalb einer Zelle notwendig.
Mehr als nur Mitteilungen: Critical Event Management (CEM)
Critical Event Management (CEM) ist ein strukturierter Ansatz zur Erkennung, Bewertung, Bewältigung und Dokumentation von Ereignissen wie Naturkatas- trophen, Unwettern, Industrieunfällen und Evakuierungen bis hin zu Cyberangriffen. Im Gegensatz zu reinen Alarmierungslösungen unterstützt CEM den gesamten Krisenzyklus: Vorbereitung, Früherkennung, gezielte Alarmierung, Eskalation, Koordination, Wiederherstellung und Dokumentation nach dem Vorfall. Diese Systeme bieten eine zentrale Plattform für klare Zuständigkeiten, strukturierte Arbeitsabläufe, Situationsbewusstsein in Echtzeit und nachvollziehbare Entscheidungsfindung. CEM hilft öffentlichen Stellen, Organisationen, aber auch Unterneh- men dabei, sich auf kritische Szenarien vorzubereiten, relevante Datenquellen und IoT-Elemente zu verknüpfen, interne und externe Stakeholder zu koordinieren und die Auswirkungen von Vorfällen auf Menschen möglichst gering zu halten.
Solche Systeme sind allerdings noch längst nicht überall im Einsatz und in vielen Fällen hängt die Krisenreaktion nach wie vor von unzusammenhängenden Kommunikationskanälen, Ad-hoc-Koordination und manuellen Übergaben ab. Dies mag in einfachen Situationen noch zu bewältigen sein, wird jedoch schwierig, sobald ein Vorfall mehrere Standorte, Teams oder Rettungsdienste betrifft. Zu den typischen Schwachstellen zählen unklare Rollen und Zuständigkeiten, fragmentierte Kommunikationskanäle, technische Silos, langsame manuelle Prozesse, eingeschränkte Lageerfassung in Echtzeit und unvollständige Dokumentation nach dem Ereignis. Dies erschwert es, die Geschehnisse zu überblicken, zu entscheiden, wer handeln muss, schnell zu eskalieren und im Nachhinein nachzuweisen, welche Entscheidungen getroffen wurden und warum.
CEM schließt diese Lücke, indem es über die reine Kommunikation hinausgeht. Es verbindet Ereigniserkennung, gezielte Alarmierung, Eskalation, Koordination, Aufgabenmanagement, Dokumentation und Nachverfolgung in einem strukturierten Workflow.
Fazit: Warnen allein reicht nicht
Wirksamer Bevölkerungsschutz entsteht erst, wenn schnelle, zielgenaue Warnungen und verlässliche Koordination ineinandergreifen. Moderne PWS sorgen dafür, dass Menschen im Ernstfall rechtzeitig erreicht werden; CEM stellt sicher, dass Behörden, Einsatzkräfte und Organisationen anschließend strukturiert handeln können. Angesichts zunehmender Naturgefahren, hybrider Bedrohungen und komplexer Krisenlagen bilden beide Ansätze gemeinsam die Grundlage für mehr Resilienz, schnellere Reaktionen und ein stärkeres Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung.
Autor: Ronen Daniel, Head of Warning Solutions bei Utimaco

Download bzw. flip-Pdf: Euro Security DACH: Seite 207-209

