KI-Boom: Rechenzentren werden zur Sicherheitsfrage

September 18, 2026

Der rasante Ausbau von KI-Infrastrukturen lässt Investitionen in Rechenzentren auf Rekordniveau steigen. Gleichzeitig wachsen Leistungsdichte, technische Komplexität und Abhängigkeiten von Energie-, Kühl- und Kommunikationssystemen. Damit verändert sich auch das Risikoprofil der Anlagen grundlegend. Eine Analyse von Allianz Commercial zeigt, wo die größten Gefahren liegen – und warum Sicherheit und Resilienz bereits bei Planung und Bau beginnen müssen.

Rechenzentren entwickeln sich zu einer der zentralen Infrastrukturen der digitalen Wirtschaft. Getrieben durch den steigenden Bedarf an Rechenleistung für Künstliche Intelligenz könnten die weltweiten jährlichen Investitionen nach Einschätzung von Allianz Commercial von rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 bereits 2027 auf mehr als eine Billion US-Dollar anwachsen.

Der Ausbau betrifft dabei weit mehr als Serverkapazitäten. Stromerzeugung und Netzanbindung, Kühlsysteme, Glasfaserinfrastruktur, Halbleiter und leistungsfähige Backup-Systeme werden Teil einer zunehmend komplexen Gesamtarchitektur. Gleichzeitig entstehen großflächige Hyperscale- und Colocation-Campus mit hoher technischer und wirtschaftlicher Wertkonzentration.
Damit verändern sich auch die Anforderungen an die Sicherheit. Rechenzentren sind längst keine vergleichsweise standardisierten Technikimmobilien mehr. Sie werden zu hochverdichteten Infrastruktur- systemen, deren Verfügbarkeit von einer Vielzahl interner und externer Faktoren abhängt.

Komplexität erhöht das Schadenpotenzial

Bereits während Planung und Errichtung entstehen erhebliche Risiken. Mehrgeschossige Gebäude, hohe strukturelle Lasten, verdichtete Bauzeiten, kurzfristige Planungsänderungen und komplexe Schnittstellen zwischen Gewerken erhöhen die Anforderungen an Qualitätssicherung und Projektsteuerung
Auch der Einsatz prototypischer, überarbeiteter oder temporärer technischer Systeme kann das Schadenpotenzial erhöhen. Besonders kritisch ist die Test- und Inbetriebnahmephase. In diesem Stadium werden zentrale Systeme erstmals unter realistischen Lastbedingungen betrieben und teilweise bis an ihre vorgesehenen Leistungs- grenzen geführt.

Verdeckte Mängel, Fehler an Schnittstellen oder unzureichend getestete Ersatzsysteme können sich dabei gegenseitig verstärken. Aus zunächst begrenzten technischen Problemen können dadurch umfangreiche Sach- und Betriebsunterbre- chungsschäden entstehen.
Praxisfälle verdeutlichen die Dimension: Schäden an externen Kühlsystemen, Brän- de infolge von Heißarbeiten oder Verzögerungen bei der Inbetriebnahme aufgrund von Störungen der Stromversorgung führten bei Hyperscale-Anlagen zu Schäden zwischen 50 und 100 Millionen Euro.

Brandereignisse mit besonders hoher Schadenwirkung

Die Schadenanalyse von Allianz Commercial zeigt ein auffälliges Verhältnis zwischen Häufigkeit und Schadenhöhe. Während Brände vergleichsweise selten auftreten, verursachen sie besonders hohe Verluste. Mehr als die Hälfte des untersuchten Schadenvolumens von rund 700 Millionen Euro entfällt auf Feuerereignisse.
Nach Anzahl der Schadenfälle liegt dagegen Wasserschaden an erster Stelle. Es folgen vorsätzlich verursachte Schäden, Feuer und Maschinenschäden. Die Zahlen verdeutlichen, dass sich das Sicherheitskonzept von Rechenzentren nicht auf einzelne Gefahrenarten konzentrieren kann.
Zugleich verändert sich das Brandrisiko mit steigender Leistungsdichte. Eine zunehmende Rolle spielen Batteriespeichersysteme auf Lithium-Ionen-Basis. Bei einem sogenannten Thermal Runaway kann sich ein Brand innerhalb einer Batteriezelle selbst verstärken und auf weitere Zellen übergreifen. Die entstehenden Temperaturen und Brandverläufe stellen hohe Anforderungen an Detektion, bauliche Trennung und Löschtechnik.
Doch auch Löschsysteme selbst müssen in die Risikoanalyse einbezogen werden. Fehl- oder unbeabsichtigte Auslösungen können empfindliche IT-Komponenten durch Feuchtigkeit, Kontamination, Druckveränderungen oder Vibrationen beeinträchtigen. Gefordert sind deshalb aufeinander abgestimmte Konzepte aus sehr früher Branddetektion, Brandabschnittsbildung und geeigneter Löschtechnik.

Stromversorgung wird zum kritischen Sicherheitsfaktor

Kaum eine Abhängigkeit ist für den Betrieb eines Rechenzentrums so fundamental wie die Energieversorgung. Hohe Anschlussleistungen, stabile Stromnetze, redundante Versorgungspfade und leistungsfähige Ersatzsysteme sind Voraussetzung für eine hohe Verfügbarkeit.
Mit dem Wachstum der Anlagen steigt jedoch zugleich die Komplexität dieser Energiearchitektur. Eigene Stromerzeugung, Batteriespeicher, temporäre Versorgungssysteme und zusätzliche Backup-Lösungen können die Resilienz erhöhen, schaffen aber auch neue technische Abhängigkeiten und zusätzliche Brand- und Ausfallrisiken.
Auch Kühlung und Wasserversorgung gewinnen weiter an Bedeutung. Höhere Rechenleistungen erzeugen größere Wärmelasten, während Wasserverfügbarkeit und Umweltauflagen an zahlreichen Standorten zunehmend zu limitierenden Faktoren werden.
Hinzu kommt die externe Kommunikationsinfrastruktur. Rechenzentren sind auf Glasfaserverbindungen und Netzknoten außerhalb des eigenen Geländes angewiesen. Ein Standort kann deshalb technisch vollständig funktionsfähig sein und dennoch durch eine Störung vorgelagerter Infrastruktur erheblich beeinträchtigt werden.

Klimarisiken werden zur Standortfrage

Eine zusätzliche Herausforderung ergibt sich aus der geografischen Verteilung der Anlagen. Rund 79 Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten befinden sich nach der Allianz-Analyse bereits heute in Gebieten mit erhöhtem Naturkatastrophenrisiko. 54 Prozent sind chronischem Hitze- oder Trockenstress ausgesetzt.
Dabei unterscheiden sich die Risikoprofile deutlich. In Amerika spielen insbesondere Hochwasser, Waldbrand und Sturm eine Rolle. Im asiatisch-pazifischen Raum stehen dagegen Hitze und Wasserknappheit stärker im Mittelpunkt.
Die möglichen wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Allianz Commercial schätzt den klimabedingten Wertverlust der weltweit installierten Rechenzentrumsbasis vor entsprechenden Anpassungsmaßnahmen auf rund 388 Milliarden US-Dollar.
Entscheidend ist jedoch nicht allein das Risiko direkter Gebäudeschäden. Ein erheblicher Teil potenzieller Betriebsunterbre- chungen entsteht außerhalb des eigentlichen Standorts. Mehr als 90 Prozent der modellierten Betriebsunterbrechungsverluste aufgrund von Klimarisiken entfallen der Analyse zufolge auf Störungen vorgelagerter Lieferketten und Infrastrukturen.

Hohe Wertkonzentration schafft Kumulationsrisiken

Hyperscale- und Colocation-Anlagen bündeln enorme technische und wirtschaftliche Werte auf engem Raum. Betreiber, unterschiedliche Kunden, Bauunternehmen, Servertechnik, Versorgungssysteme und weitere Infrastruktur können sich auf demselben Campus befinden oder gemeinsame Systeme nutzen.
Dadurch entstehen erhebliche Kumulationsrisiken. Der Ausfall einer zentralen Stromversorgung, Kühlung, Gebäudeleittechnik oder Datenanbindung kann zahlreiche Nutzer gleichzeitig treffen und Schäden in unterschiedlichen Versicherungsbereichen auslösen.
Neben Sachschäden drohen Betriebsunterbrechungen, Haftungsfragen und vertragliche Konsequenzen. Werden zugesicherte Verfügbarkeiten, Leistungskapazitäten oder Service-Level nicht eingehalten, können Vertragsstrafen, Schadenersatzforderungen und Kundenverluste folgen.
Hinzu kommt die schwierige Ersatzteilversorgung. Für Schaltanlagen nennt Allianz Commercial Lieferzeiten von bis zu 80 Wochen, bei Transformatoren von bis zu 50 Wochen. Technische Schäden können deshalb über lange Zeiträume Auswirkungen auf den Betrieb haben.

Sicherheit beginnt bereits beim Entwurf

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass sich Rechenzentrumssicherheit nicht nachträglich ergänzen lässt. Risikomanagement muss bereits in der Planungsphase Teil des Anlagenkonzepts sein.
Zu den wesentlichen Faktoren gehören eine auf den Einsatzzweck ausgelegte Gebäudestruktur, ausreichende räumliche Trennung kritischer Systeme, eine belastbare Statik, klar definierte Brandabschnitte sowie kontrollierte vertikale Leitungs- und Versorgungspfade. Hinzu kommen geeignete Systeme zur Frühdetektion von Feuer, Überhitzung und Batterieproblemen. Während der Bauphase stehen konsequente Qualitätssicherung, realistische Zeitpläne und eine sichere Handhabung temporärer Systeme im Mittelpunkt. Kritische technische Komponenten müssen zudem während Transport und Lagerung vor Beschädigungen geschützt werden.
Besondere Aufmerksamkeit benötigt die Inbetriebnahme. Ausreichende Testzeiten, eindeutig geregelte Verantwortlichkeiten und eine strukturierte Fehlersuche sind entscheidend, bevor Anlagen vollständig in den Regelbetrieb übergehen.
Im laufenden Betrieb gewinnen vorbeugende Wartung, Zustandsüberwachung, Leckageerkennung, redundante Kühlung, gepflegte Brandschutzsysteme und belastbare Notfall- und Business-Continuity-Konzepte an Bedeutung.

Resilienz wird Teil der Sicherheitsarchitektur

Der KI-getriebene Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur verschiebt damit auch den Maßstab für Sicherheit. Einzelne Schutzsysteme reichen nicht aus, wenn Energieversorgung, Gebäudetechnik, Kühlung, Kommunikation und Lieferketten eng miteinander verbunden sind.
Für Betreiber bedeutet dies, physische Sicherheit zunehmend als Bestandteil eines übergreifenden Resilienzkonzepts zu verstehen. Brandschutz, Zutrittskontrolle, technische Überwachung, Energieversorgung und Business Continuity müssen gemeinsam geplant und betrieben werden.

Mit der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung von Daten und Rechenleistung wächst zugleich die Bedeutung jedes einzelnen Standorts für Unternehmen und Gesellschaft. Rechenzentren werden damit endgültig zu kritischen Knotenpunkten der digitalen Infrastruktur. Ihre Sicherheit entscheidet sich nicht nur an der Frage, wie gut einzelne Gefahren abgewehrt werden, sondern daran, wie widerstandsfähig das Gesamtsystem gegenüber technischen Störungen, Naturgefahren und komplexen Ausfallketten ausgelegt ist. [ML]

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