Mehr Kameras allein machen die Wiesn nicht sicherer. Entscheidend ist, wie schnell aus Bildern ein Lagebild und aus diesem Lagebild eine Reaktion wird. Genau darauf zielt das überarbeitete Sicherheitskonzept für das Oktoberfest 2026: Technik, KI, Crowd Monitoring und Einsatzkräfte sollen enger zusammenspielen.
Wenn am 19. September das 191. Oktoberfest beginnt, steht deshalb weniger die einzelne Sicherheitsmaßnahme im Mittelpunkt als deren Zusammenspiel. Polizei, Stadt und Veranstalter haben insbesondere auf die zeitweise Überfüllung eines Teils der Wirtsbudenstraße 2025 reagiert. Beobachtungsmanagement, Besuchersteuerung und Kommunikation wurden neu justiert.
Neue Zentrale bündelt Informationen
Kernstück ist die neue Sicherheitszentrale. 30 digitale Arbeitsplätze und rund 22 Quadratmeter Bildschirmfläche ermöglichen es, unterschiedliche Informationsquellen und Kamerabilder parallel darzustellen. Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Sicherheitsverantwortliche, Veranstaltungsbüro und Festleitung können Entwicklungen auf Grundlage eines gemeinsamen Lagebildes beurteilen. Ein Kamerabild allein beantwortet noch nicht, ob eingegriffen werden muss. Erst die Verbindung mehrerer Informationen und ihre Bewertung machen aus Beobachtung eine belastbare Lageeinschätzung.
KI unterstützt das Crowd Monitoring
Für das städtische Crowd Monitoring stehen mehr als 50 Kameras an 35 Positionen zur Verfügung. Davon getrennt betreibt die Polizei 56 eigene Videokameras für Gefahrenabwehr und Strafverfolgung. Wissenschaftlich begleitet wird das Crowd Monitoring vom Fraunhofer IOSB. Mit dem Experimentalsystem GeoVID werden Videobilder KI-gestützt auf Personendichten und Bewegungsströme untersucht. Heatmaps visualisieren Verdichtungen; zugleich lassen sich Bewegungsrichtungen nachvollziehen. Gesichter oder individuelle Merkmale werden nicht ausgewertet; gespeichert werden nur anonyme Ergebnisse. Auch die Universität der Bundeswehr München untersucht Modelle zur Simulation von Personenströmen. Perspektivisch sollen kritische Entwicklungen früher prognostiziert und mögliche Maßnahmen simuliert werden können. Operative Entscheidungen bleiben bei den verantwortlichen Stellen.
Menschliche Lagebeobachtung bleibt zentral
Parallel setzt München auf Crowd Spotting. Kräfte vor Ort ergänzen die technische Auswertung um Eindrücke und örtliche Besonderheiten. Für kritische Besucherströme stehen mehrsprachige Lautsprecherdurchsagen bereit. Damit rückt auch die Zeit zwischen Lagefeststellung, Entscheidung und Kommunikation stärker in den Mittelpunkt.
Kürzere Wege im Rettungskonzept
Neben der Sanitätsstation im Servicezentrum wird eine zweite Station am Familienplatzl eingerichtet, um Zugriffszeiten zu verkürzen. Hinzu kommen Notarzt- und Rettungsfahrzeuge sowie ein mobiles CT und zwei Geräte zur Blutdiagnostik.
Fahrzeugschutz und Drohnenabwehr
Zusätzliche Fahrzeugsicherheitsbarrieren sichern stark frequentierte Bereiche gegen Überfahrtaten, die Messerverbotszone wurde ausgeweitet. Rund um die Theresienwiese gilt erneut eine Flugbeschränkungszone. Die Münchner Polizei verfügt nach eigenen Angaben über ein Konzept zur Detektion und Abwehr unerlaubter Drohnen; technische Details werden nicht veröffentlicht.
Damit reicht das Sicherheitskonzept vom Perimeterschutz über Videoanalyse und Crowd Management bis zur Luftraumüberwachung – verbunden durch eine zentrale Frage: Wie schnell wird aus Information eine wirksame Intervention? Der neue Einstieg ist stärker, weil er sofort eine These setzt: Nicht die Technik allein ist die Nachricht, sondern die Verkürzung der Kette von Erkennung zu Reaktion. [CN]

