Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hellt sich vorsichtig auf. Bei Soloselbständigen und Kleinstunternehmen kommt davon bislang jedoch wenig an. Fast jeder zweite Befragte klagt über fehlende Aufträge, mehr als jeder fünfte sieht die eigene wirtschaftliche Existenz gefährdet. Die Zahlen des ifo Instituts zeigen ein Problem, das über eine konjunkturelle Momentaufnahme hinausgeht: Deutschlands kleinste Unternehmen verfügen nur über geringe Puffer, während Kunden sparen, Unternehmen Projekte verschieben und Banken bei der Kreditvergabe vorsichtiger werden.
Die deutsche Konjunktur sendet derzeit widersprüchliche Signale. Die Erwartungen der Unternehmen verbessern sich, die Stimmung ist weniger pessimistisch als noch im Frühjahr und selbst der Arbeitsmarkt zeigt erste Anzeichen einer Stabilisierung. Doch ausgerechnet dort, wo wirtschaftliche Schwankungen besonders schnell ankommen, ist von einer Erholung bislang wenig zu spüren.
Nach einer aktuellen Erhebung des ifo Instituts berichten 47,3 Prozent der Soloselbständigen und Kleinstunternehmen über fehlende Aufträge. Gleichzeitig sehen 21,2 Prozent ihre wirtschaftliche Existenz akut gefährdet. Jeder zehnte Befragte nennt zusätzlich Finanzierungsprobleme.
Damit steht eine Gruppe unter erheblichem Druck, die in Konjunkturstatistiken häufig weniger Aufmerksamkeit erhält als Großindustrie, Exportwirtschaft oder DAX-Konzerne.
Dabei haben kleine Unternehmen eine besondere Funktion im Wirtschaftssystem. Sie reagieren schnell auf Nachfrageveränderungen, verfügen aber gleichzeitig über wesentlich geringere finanzielle Reserven. Wenn Unternehmen Beratungsprojekte verschieben, Verbraucher Anschaffungen vermeiden oder Auftraggeber Budgets einfrieren, kann sich das bei einem Soloselbständigen innerhalb weniger Wochen in der Liquidität bemerkbar machen.
Genau diese Kombination aus geringer Nachfrage und begrenzten finanziellen Puffern macht die aktuelle Entwicklung problematisch.
Eine Erholung, die noch nicht bei allen ankommt
Auf den ersten Blick gibt es durchaus positive Signale.
Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex für Selbständige stieg im Juli von minus 25,9 auf minus 22,6 Punkte. Sowohl die laufende Geschäftslage als auch die Erwartungen wurden weniger negativ beurteilt. Dennoch bleibt der Index tief im Minus.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Weniger Pessimismus bedeutet nicht automatisch gute Geschäfte.
Auch in der Gesamtwirtschaft zeigt sich dieses Muster. Der allgemeine ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli auf 86,6 Punkte nach 85,7 Punkten im Juni. Verantwortlich waren vor allem deutlich bessere Erwartungen. Die Bewertung der aktuellen Geschäftslage verschlechterte sich dagegen leicht.
Deutschland erlebt damit derzeit weniger einen kräftigen Aufschwung als eine langsame Veränderung der Erwartungen: Unternehmen hoffen auf bessere Monate, während die tatsächliche Nachfrage vielerorts noch nicht entsprechend nachzieht.
Für kleine Betriebe ist diese Verzögerung besonders gefährlich.
Große Unternehmen können schwache Quartale häufig durch vorhandene Liquidität, Kreditlinien, internationale Geschäfte oder Kostensenkungsprogramme überbrücken. Bei einem Einzelunternehmen, einer kleinen Agentur oder einem Betrieb mit wenigen Beschäftigten sind die Spielräume enger.
Das ifo Institut bringt das Problem auf einen einfachen Nenner: Soloselbständigen und Kleinstunternehmen fehlen häufig die Reserven für längere wirtschaftliche Durststrecken.
Das Problem hat sich über Monate festgesetzt
Die aktuelle Auftragsflaute ist kein kurzfristiges Phänomen.
Bereits im Januar meldeten 46,6 Prozent der Befragten Auftragsmangel. Im April waren es sogar 48,4 Prozent. Damals erreichte der Geschäftsklimaindex für Selbständige mit minus 29,9 Punkten einen Tiefstand. 20,6 Prozent sahen bereits zu diesem Zeitpunkt ihre Existenz gefährdet – gegenüber lediglich 8,1 Prozent in der Gesamtwirtschaft.
Drei Monate später hat sich die Stimmung verbessert, die fundamentale Schwäche jedoch kaum verändert.
47,3 Prozent ohne ausreichende Aufträge statt 48,4 Prozent im April sind keine Trendwende. Es bedeutet vielmehr, dass die wirtschaftliche Belastung auf sehr hohem Niveau verharrt.
Für die Konjunkturanalyse ist das relevant. Kleine Unternehmen funktionieren häufig wie ein Frühindikator. Sie verfügen über weniger langfristige Verträge, sind stärker von einzelnen Kunden abhängig und reagieren schneller auf Veränderungen von Projektbudgets und Konsum.
Wenn fast die Hälfte dieser Gruppe über fehlende Aufträge berichtet, spricht das dafür, dass die Binnenkonjunktur weiterhin einen erheblichen Teil ihrer Dynamik vermissen lässt.
Deutschlands Verbraucher bleiben vorsichtig
Eine Ursache ist auf der Nachfrageseite zu finden.
Die Stimmung der Verbraucher bleibt schwach. Das NIM Konsumklima powered by GfK liegt für August bei minus 29,6 Punkten und damit weiter auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau. Im Juli waren insbesondere die Einkommenserwartungen zurückgegangen, während die Sparneigung zunahm. Zwar verbesserten sich Anschaffungsneigung und Konjunkturerwartungen leicht, für eine starke Konsumerholung reicht dies jedoch bislang nicht.
Für viele Selbständige ist diese Zurückhaltung unmittelbar spürbar.
Das gilt für Einzelhändler, Gastronomie oder persönliche Dienstleistungen ebenso wie indirekt für zahlreiche Geschäftskunden-Dienstleister. Wenn Unternehmen selbst eine unsichere Nachfrage erwarten, werden externe Projekte schneller verschoben als bestehende Fixkosten.
Ein neuer Mitarbeiter lässt sich nicht ohne weiteres kündigen und eine Fabrik nicht kurzfristig schließen. Ein Beratungsauftrag, ein Designprojekt oder eine externe Dienstleistung kann dagegen relativ einfach um einige Monate vertagt werden.
Dadurch treffen konjunkturelle Unsicherheit und Kostendisziplin häufig zuerst jene Unternehmen, deren Leistungen projektbezogen eingekauft werden.
Das erklärt, warum die Stimmung in der Gesamtwirtschaft bereits etwas steigen kann, während die Auftragsbücher kleinerer Dienstleister weiterhin dünn bleiben.
Wenn zur Auftragsflaute die Kreditklemme kommt
Noch problematischer wird die Lage, wenn eine schwache Nachfrage auf schwierigere Finanzierung trifft.
Im zweiten Quartal berichteten 44,8 Prozent der Selbständigen, die Kreditverhandlungen führten, über Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzierung. Im vorherigen Quartal waren es 34,6 Prozent gewesen.
Bei selbständigen Einzelhändlern stieg die entsprechende Quote sogar von 41 auf 59,1 Prozent.
Diese Zahlen bedürfen allerdings einer wichtigen Einordnung: Nur 9,3 Prozent der Soloselbständigen und Kleinstunternehmen hatten überhaupt Kreditgespräche mit Banken geführt. Die hohe Ablehnungs- beziehungsweise Schwierigkeitquote betrifft also eine relativ kleine Teilgruppe.
Ökonomisch macht das den Befund jedoch nicht unbedingt weniger bedeutsam.
Gerade kleine Unternehmen finanzieren sich traditionell stärker aus laufenden Einnahmen. Wenn diese Einnahmen zurückgehen, gewinnt Fremdkapital ausgerechnet zu dem Zeitpunkt an Bedeutung, zu dem Banken Risiken kritischer bewerten.
So kann eine klassische Liquiditätsfalle entstehen: Ein grundsätzlich tragfähiges Geschäftsmodell gerät nicht deshalb in Schwierigkeiten, weil es langfristig keine Nachfrage gibt, sondern weil mehrere schwache Monate nicht finanziert werden können.
Für eine Volkswirtschaft ist dieser Unterschied wichtig.
Eine Geschäftsaufgabe aufgrund dauerhaft überholter Produkte ist Teil wirtschaftlichen Strukturwandels. Eine Geschäftsaufgabe aufgrund einer kurzfristigen Finanzierungslücke kann dagegen produktive Kapazität vernichten, die bei einer späteren Erholung wieder gebraucht würde.
Die kleinsten Unternehmen tragen das größte Risiko
Die aktuelle Entwicklung zeigt damit auch eine Asymmetrie der deutschen Unternehmenslandschaft.
Bei Großunternehmen bedeutet ein Auftragsrückgang zunächst häufig geringere Kapazitätsauslastung, Kostensenkungen oder Investitionsverschiebungen. Bei einem Soloselbständigen kann derselbe Nachfragerückgang unmittelbar das persönliche Einkommen treffen.
Unternehmen und Haushalt sind dort wirtschaftlich viel enger miteinander verbunden.
Genau deshalb ist die Quote von 21,2 Prozent akut existenzgefährdeten Selbständigen bemerkenswert. Sie liegt nicht nur auf einem hohen Niveau, sondern hat sich gegenüber den bereits angespannten 20,6 Prozent im April nochmals leicht erhöht.
Das Problem beschränkt sich damit nicht auf schlechte Stimmung.
Wenn mehr als jeder fünfte Befragte seine wirtschaftliche Existenz bedroht sieht, ist der Übergang von Konjunkturschwäche zu Marktbereinigung bereits sichtbar.
Seit 2012 sinkt die Zahl der Selbständigen
Hinzu kommt ein langfristiger Trend.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2025 in Deutschland einschließlich mithelfender Familienangehöriger rund 3,7 Millionen Selbständige. Ihre Zahl sank gegenüber dem Vorjahr um 38.000 beziehungsweise ein Prozent.
Noch bemerkenswerter: Der Rückgang hält mittlerweile seit 2012 an.
Damit fällt die aktuelle Auftragskrise in eine Phase, in der Deutschland ohnehin kontinuierlich Selbständige verliert.
Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit der gegenwärtigen Konjunktur erklären. Demografie, ein attraktiver Arbeitsmarkt für abhängig Beschäftigte, soziale Absicherung, regulatorische Anforderungen und individuelle Risikowahrnehmung spielen ebenfalls eine Rolle.
Doch die aktuelle wirtschaftliche Schwäche könnte diesen strukturellen Trend beschleunigen.
Gerade für Gründer und potenzielle Selbständige ist nicht nur die mögliche Rendite entscheidend, sondern auch die Wahrnehmung des Risikos. Wenn bestehende Unternehmer über fehlende Aufträge, schwierigen Kreditzugang und geringe Reserven berichten, kann dies die Bereitschaft zur Unternehmensgründung zusätzlich dämpfen.
Das hätte langfristigere Konsequenzen als die kurzfristige Auftragsflaute.
Eine Wirtschaft braucht nicht nur Großunternehmen, sondern auch neue Anbieter, spezialisierte Dienstleister, Handwerksbetriebe und unternehmerische Experimente. Sinkt deren Zahl dauerhaft, verliert eine Volkswirtschaft einen Teil ihrer Anpassungsfähigkeit.
Die wirtschaftspolitische Falle
Für die Politik ergibt sich daraus ein unangenehmes Dilemma.
Ein allgemeines staatliches Stützungsprogramm für Unternehmen mit zu wenigen Aufträgen wäre weder sinnvoll noch marktwirtschaftlich zu rechtfertigen. Nachfrageverschiebungen und Unternehmensaufgaben gehören zu einer funktionierenden Wirtschaft.
Gleichzeitig besteht ein Unterschied zwischen notwendiger Marktbereinigung und einer Situation, in der grundsätzlich wettbewerbsfähige Unternehmen wegen anhaltender Konjunkturschwäche und fehlender Finanzierung verschwinden.
Die zentrale wirtschaftspolitische Frage ist deshalb weniger, wie einzelne Selbständige subventioniert werden können, sondern wie sich die Rahmenbedingungen für private Nachfrage, Investitionen und Unternehmensgründungen verbessern lassen.
Die ifo-Daten zur Gesamtwirtschaft zeigen immerhin erste Anzeichen einer Stabilisierung. Unternehmen sind im Juli weniger pessimistisch geworden. Auch das Beschäftigungsbarometer stieg von 92,2 auf 93 Punkte. Trotzdem planen in zahlreichen Branchen weiterhin mehr Unternehmen Stellenabbau als Neueinstellungen. Das ifo Institut spricht entsprechend noch nicht von einer Trendwende.
Die Erholung bleibt fragil.
Die Gefahr einer Zweiteilung der Konjunktur
Besonders aufmerksam sollte deshalb beobachtet werden, ob sich eine zweigeteilte Erholung entwickelt.
Auf der einen Seite könnten exportorientierte Industrieunternehmen, größere Mittelständler und kapitalstarke Unternehmen von einer Verbesserung der internationalen Nachfrage profitieren.
Auf der anderen Seite könnten kleine, stark binnenwirtschaftlich orientierte Unternehmen deutlich länger unter schwachem Konsum und zurückhaltenden Auftraggebern leiden.
Genau darauf deuten die aktuellen Indikatoren hin.
Das allgemeine Geschäftsklima verbessert sich, während die gegenwärtige Geschäftslage vieler Unternehmen schwach bleibt. Das Konsumklima verharrt tief im negativen Bereich. Und fast jeder zweite befragte Selbständige verfügt nach eigener Einschätzung über zu wenige Aufträge.
Die entscheidende Frage für die kommenden Monate lautet daher nicht nur, ob Deutschland wirtschaftlich wächst.
Sie lautet, wie breit dieses Wachstum ankommt.
Weniger Pessimismus ist noch kein Aufschwung
Die jüngsten Zahlen bieten durchaus Anlass für vorsichtigen Optimismus. Der Absturz des Frühjahrs hat sich nicht fortgesetzt. Erwartungen verbessern sich, das Geschäftsklima der Selbständigen steigt wieder und auch in der Gesamtwirtschaft wächst die Hoffnung auf eine stabilere Entwicklung.
Doch die Härte der aktuellen Daten liegt an anderer Stelle.
47,3 Prozent haben zu wenige Aufträge. 21,2 Prozent sehen ihre Existenz gefährdet. Und von denjenigen, die eine Bankfinanzierung suchen, berichtet ein großer Anteil über Schwierigkeiten.
Das ist kein Bild einer Wirtschaft, die bereits auf breiter Front in einen neuen Aufschwung eingetreten ist.
Es ist das Bild einer Volkswirtschaft im Übergang: Die Erwartungen laufen der tatsächlichen Nachfrage voraus, die Erholung ist ungleich verteilt und die kleinsten Unternehmen tragen einen überproportional großen Teil des Risikos.
Gerade darin liegt die wirtschaftspolitische Bedeutung der ifo-Erhebung. Soloselbständige und Kleinstunternehmen sind nicht nur eine Randgruppe der deutschen Unternehmenslandschaft. Sie zeigen besonders früh, ob sich Zuversicht tatsächlich in Nachfrage verwandelt.
Im Moment lautet ihre Botschaft: Die Stimmung dreht langsam – die Aufträge noch nicht.

