Navigationsapps gehören für die meisten Menschen selbstverständlich zum Alltag. Eine aktuelle Bitkom-Befragung zeigt jedoch eine wachsende Abhängigkeit von digitalen Orientierungshilfen: Nur 30 Prozent der Deutschen trauen sich noch zu, eine gedruckte Karte sicher zu nutzen. Zugleich sagt die Hälfte, ohne Navigationsapp im Alltag aufgeschmissen zu sein. Für die persönliche Resilienz ist das mehr als eine Komfortfrage.
Smartphone einschalten, Ziel eingeben, Route starten: Digitale Navigation hat die Orientierung grundlegend verändert. 84 Prozent der Deutschen nutzen inzwischen Navigationsapps auf Smartphone, Computer oder im Fahrzeug. In der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen liegt der Anteil sogar bei 95 Prozent. Eine repräsentative Bitkom-Befragung unter 1.006 Personen ab 16 Jahren zeigt zugleich, wie stark klassische Orientierungsfähigkeiten an Bedeutung verloren haben.
Lediglich 30 Prozent der Befragten schätzen ihre Fähigkeit, sich mit einer gedruckten Karte zurechtzufinden, als gut ein. Elf Prozent bezeichnen sie als sehr gut, weitere 19 Prozent als eher gut. Demgegenüber bewerten 19 Prozent ihre Fähigkeiten als eher schlecht und 17 Prozent als sehr schlecht. Weitere 26 Prozent können ihre eigenen Fähigkeiten überhaupt nicht einschätzen – nach Einschätzung von Bitkom möglicherweise auch deshalb, weil sie bislang kaum oder gar nicht mit einer Papierkarte unterwegs waren.
Junge Menschen verlassen sich besonders stark auf digitale Navigation
Besonders ausgeprägt ist der Unterschied zwischen den Generationen. Bei den 16- bis 29-Jährigen trauen sich nur 20 Prozent zu, sich mit einer gedruckten Karte gut orientieren zu können. Unter den Menschen ab 65 Jahren sind es dagegen 41 Prozent.
Parallel dazu steigt bei jüngeren Menschen die Bedeutung digitaler Navigationshilfen. 60 Prozent der 16- bis 29-Jährigen geben an, ohne Navigationsapp im Alltag aufgeschmissen zu sein. In der Gruppe der über 65-Jährigen sind es 36 Prozent.
Über alle Altersgruppen hinweg sagt jeder zweite Deutsche, im Alltag auf digitale Navigation angewiesen zu sein. Im Urlaub steigt der Anteil sogar auf 58 Prozent. Unter den jüngeren Befragten würden sich 67 Prozent ohne Navigationsapp nur schwer zurechtfinden, bei den älteren sind es 43 Prozent.
Damit entwickelt sich digitale Navigation von einer komfortablen Zusatzfunktion zunehmend zu einer Infrastruktur, auf die sich viele Nutzer im Alltag verlassen.
Zwei Drittel sehen ihren Orientierungssinn geschwächt
Die starke Nutzung bleibt nach Einschätzung der Befragten nicht ohne Folgen. 66 Prozent sagen, ihr Orientierungssinn habe sich durch Navigationsapps verschlechtert. Unter den 16- bis 29-Jährigen teilen sogar 71 Prozent diese Einschätzung. Bei Menschen ab 65 Jahren sind es 53 Prozent.
Besonders auffällig ist ein weiterer Wert: 18 Prozent der Deutschen würden den Anweisungen einer Navigationsapp nach eigener Aussage selbst dann folgen, wenn die vorgeschlagene Route unlogisch erscheint. Zwischen den Altersgruppen unterscheiden sich die Werte nur geringfügig. Bei den Jüngeren sind es ebenfalls 18 Prozent, bei den über 65-Jährigen 15 Prozent.
Damit geht es nicht mehr nur um die Frage, ob eine Person noch eine Karte lesen kann. Digitale Systeme beeinflussen zunehmend auch die eigene Einschätzung einer Situation. Je stärker Nutzer darauf vertrauen, dass die Software den richtigen Weg kennt, desto geringer kann die Bereitschaft werden, Navigationshinweise selbst kritisch zu überprüfen.
Papierkarten verschwinden aus dem Alltag
Gedruckte Karten spielen entsprechend nur noch eine geringe Rolle. 28 Prozent der Deutschen nutzen nach eigenen Angaben überhaupt noch Stadtpläne, Straßen- oder Wanderkarten beziehungsweise Atlanten. Regelmäßige Nutzung ist selten: Jeweils nur ein Prozent greift wöchentlich oder mehrmals im Monat darauf zurück. Weitere 26 Prozent nutzen gedruckte Karten höchstens einmal im Monat oder noch seltener.
Ganz abgeschrieben ist die analoge Navigation dennoch nicht. 61 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Menschen auch heute noch lernen sollten, sich mit einer Papierkarte zurechtzufinden.
Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder verweist auf die Vorteile digitaler Navigation: Apps sind auf Smartphones oder im Fahrzeug jederzeit verfügbar, können aktuelle Verkehrsinformationen berücksichtigen und innerhalb weniger Sekunden neue Routen berechnen.
Gleichzeitig sieht er einen Grund, grundlegende analoge Fähigkeiten nicht vollständig aufzugeben. Bei leerem Akku oder gestörten Netzen könne die Orientierung ohne digitale Unterstützung notwendig werden.
Aus Komfort wird eine Frage der Resilienz
Genau hier erhält die Bitkom-Befragung eine sicherheitsrelevante Dimension. Navigationsapps funktionieren im Alltag so zuverlässig, dass Nutzer kaum noch darüber nachdenken müssen, welche technischen Voraussetzungen dahinterstehen. Smartphone, Stromversorgung, Satellitennavigation, Mobilfunk- oder Datenverbindung und digitale Kartendienste bilden gemeinsam eine Kette, von der Orientierung zunehmend abhängig ist.
Im normalen Alltag ist diese Abhängigkeit kaum problematisch. Relevant wird sie jedoch dort, wo einzelne Komponenten ausfallen. Ein leerer Smartphone-Akku ist dabei das banalste Szenario. Hinzu kommen mögliche Netzstörungen oder Situationen, in denen digitale Informationen nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind.
Die Zahlen zeigen damit ein grundsätzliches Muster der Digitalisierung: Je zuverlässiger eine Technologie wird, desto schneller verschwinden Fähigkeiten, die zuvor notwendig waren, um dieselbe Aufgabe selbstständig zu lösen.
Das bedeutet nicht, digitale Navigation infrage zu stellen. Ihr Komfort und ihre Leistungsfähigkeit sind gerade bei komplexen Reisen, aktueller Verkehrslage oder unbekannten Städten kaum durch Papierkarten zu ersetzen. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob grundlegende analoge Orientierungskompetenzen vollständig verloren gehen sollten.
Dass 61 Prozent der Befragten weiterhin das Kartenlesen für sinnvoll halten, deutet darauf hin, dass dieses Bewusstsein durchaus vorhanden ist.
Navigation zeigt ein grundsätzliches Sicherheitsproblem der Digitalisierung
Die Entwicklung lässt sich über Karten und Navigationsapps hinaus lesen. In immer mehr Bereichen übernehmen digitale Systeme Aufgaben, die Menschen früher selbst ausführen mussten. Das steigert Komfort und Effizienz, verändert aber zugleich die Folgen technischer Ausfälle.
Bei Navigation wird dieser Mechanismus besonders sichtbar: Solange Smartphone, GPS und App funktionieren, ist die digitale Lösung der analogen deutlich überlegen. Fällt das System aus, entscheidet jedoch plötzlich eine Fähigkeit über die eigene Handlungsfähigkeit, die ein wachsender Teil der Bevölkerung kaum noch besitzt.
Die Bitkom-Zahlen beschreiben deshalb nicht nur einen Wandel der Mobilitätsgewohnheiten. Sie zeigen auch, wie schnell aus technischer Unterstützung eine Abhängigkeit werden kann. Für Resilienz bedeutet das: Digitale Systeme sollten möglichst zuverlässig sein

