Standards als Trendsetter für die Sicherheitsbranche

Dezember 23, 2022

Standards by OSS im Gespräch mit Herstellern und Anwendern

Die non-profit Organisation OSS-Association Open Security Association) etabliert standardisierte Protokolle für die internationale Sicherheitsindustrie. Die Mitglieder und angeschlossenen Unternehmen entwickeln Komponenten und Codierungen sicherheitsrelevanter Hard- und Software. Im Rahmen des ersten Media-Talks fragten wir Frederik Hamburg, Vorsitzender der OSS-Association und Geschäftsführer der ZUGANG GmbH, nach seiner Motivation und seinen Erfahrungen mit dem Einzug der Standards in der Sicherheitsindustrie. Wir sprachen zudem mit Matthias Schmid, Manager im Business Development bei ASSA ABLOY, über die Vorteile des Einsatzes von Standards aus Herstellersicht. Einen weiteren Blick aus Herstellersicht gab Harmut Beckmann, Sales Manager bei Uhlmann & Zacher, und schließlich zeigte uns Patrick Senneka, Senior Product Developer in der IT-Abteilung der Fraport AG, interessante Sichtweisen zum Einsatz von Standard-Zugangskontrolle aus Sicht des Anwenders auf.

Martina Müller: Frederik Hamburg, Sie sind Vorsitzender der OSS-Association. Wie ordnen Sie Standards in der Sicherheits-Industrie ein?

Eigentlich stammt die Grundidee von den Anwendern und damit auch meine Motivation vor allem von denjenigen, die viele Schlösser im Einsatz haben. Ihr Anliegen war und ist es, sich von den proprietären Systemen der Hersteller zu lösen. Denn mittlerweile sind die Anforderungen an komplexe Sicherheitssysteme gestiegen. Der Markt ist oft unübersichtlich und da entstand der Wunsch der Kunden, dass die unterschiedlichen Systeme miteinander kommunizieren können, ganz unabhängig von den Herstellern.

Martina Müller: Wann wurde denn die OSS-Association gegründet?

Schon im Jahr 2015 wurde die OSS-Association gegründet. Die Idee war von Anfang an, „aus der Industrie für die Industrie“ Standards zu entwickeln. Außerdem wollten wir immer dann, wenn es neue Anforderungen gibt, in die Weiterentwicklung gehen. Die Mitglieder der OSS-Association umfassen decken das gesamte Spektrum der Sicherheitsbranche ab. Gemeinsam können sie so an der Fortentwicklung der Standards mitwirken. Ziel ist, die einzelnen Komponenten zu verbinden, sodass zum Beispiel die Schlüsselkarte mit der Software der Datenbank kommuniziert, um Berechtigungen für Türschlösser sowie Zutrittskontroll- und Zeiterfassungssystemen auslesen zu können. Diese Kommunikation basiert auf Standards by OSS, damit die Kompatibilität mit und die Unabhängigkeit von Herstellern unterschiedlicher Marken gewährleistet ist.

Martina Müller: Haben die Anwender Einfluss auf die Weiterentwicklung?

Auf jeden Fall, die Anwender sind unsere erste Quelle, wenn es um die Identifikation von notwendigen Weiterentwicklungen geht. Die Hersteller und ihre Kunden gehen da in den Dialog. Vor der Pandemie haben wir Anwendertreffen durchgeführt, um in direktem Kontakt Kundenwünsche in Erfahrung zu bringen. Wir planen das nächste Anwendertreffen im Jahr 2023. Solche Anwendertreffen dienen dazu, das „Ohr am Kunden zu haben“ und zu verstehen, welche Komponenten weiterentwickelt, welche hinzukommen sollten. Aber wir stellen auch immer mehr fest, dass der Bedarf an dem Einsatz von Standards steigt – auch wenn es manche Hersteller gibt, die die Vorteile der Standards noch nicht wahrhaben wollen. Der Einsatz von Standards bedeutet auch, sich anderen Systemen gegenüber zu öffnen und das – zugegebenermaßen geringe – Risiko einzugehen, dass sich die Kunden für andere Produkte entscheiden (können), da die Proprietät aufgegeben wird. Doch de facto ist das Gegenteil der Fall. Mit dem Einsatz von Standards by OSS werden Hersteller  wettbewerbsfähig und sind durch die stetige Weiterentwicklung der Standards auch in dieser Hinsicht immer auf dem aktuellen Stand. Einzelne Komponenten von unterschiedlichen Herstellern können nun miteinander kommunizieren. Der Endkunde schätzt diese Flexibilität, die auch eine Kostensenkung nach sich ziehen kann, da die Auswahl größer wird und die Abhängigkeit von einem Hersteller aufgehoben ist.

ASSA ABLOY

Als Hersteller von Sicherheitstechnik ist ASSA ABLOY der große Player auf dem internationalen Markt. In über 70 Ländern mit mehr als 50.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von über 9 Milliarden Euro zählt das Unternehmen zu den führenden in der Sicherheitsbranche. Allein in der DACH-Region wurden im Jahr 2021, 275 Millionen Euro durch die ASSA ABLOY Einheit „Opening Solutions“ umgesetzt und das vor allem in dem Bereich der elektronischen Zugangskontrolle, Schutzeinrichtungen und Schließanlagen. Mathias Schmid ist seit 2019 als Business Development Manager Access Control bei der ASSA ABLOY Sicherheitstechnik GmbH tätig und verantwortet dort die Weiterentwicklung des Lösungsportfolios im Bereich der elektronischen Zutrittssteuerungssysteme. Wir fragten ihn nach der Entwicklung von Standards aus Herstellersicht.

Martina Müller: Welche Motivation hatte ASSA ABLOY als Hersteller, den Einsatz von Standards voranzubringen?

ASSA ABLOY setzt seit 2015 Standard Offline ein und ist eines der Gründungsmitglieder der OSS- Association e.V. Für unsere Kunden, Endkunden wie Systemintegratoren, haben die Erwartung bzw. Anforderung an uns als System- und Komponentenanbieter gestellt, dass die elektronischen Beschläge und Zylinder auch mit Produkten anderer Anbieter interagieren können. Das war für uns der Startschuss, das Thema Entwicklung von Standards gemeinsam mit der OSS-Association voranzubringen. Das Produktportfolio Aperio, das seit mehr als 15 Jahren sowohl die Online-Integration via Funk als auch die Offline-Integration via „Data on Card“ beinhaltet, unterstützt OSS Standard Offline ab Werk. Das ermöglicht unseren Kunden und Partnern, die Aperio Komponenten einfach in ihr System zu integrieren und bei Bedarf mit anderen Komponenten kommunizieren zu lassen. Die Kunden entscheiden sich also für ein Produkt, das sie überzeugt. Das scheint zuerst einmal nicht günstig für die Hersteller. Denn die Zeiten von proprietären Systemen gehören damit der Vergangenheit an und die Lieferantenbindung ist ein Stück weit aufgelöst.

Martina Müller: Welche Vorteile gibt es dann aus Herstellersicht für den Einsatz von Standards?

Die Lieferantenunabhängigkeit scheint auf den ersten Blick nachteilig für die Hersteller. Doch das Gegenteil ist der Fall. Denn mit den wachsenden Marktanforderungen kann alles das, was der Kunde sucht und erwartet, tatsächlich geliefert werden. Denn die durch die Standards by OSS möglich gewordene Integration unterschiedlicher Komponenten und Produkte verschiedener Hersteller bietet oft bessere Lösungen als ein einzelner Anbieter mit potenziell begrenztem Portfolio bieten kann. Deshalb eröffnen die Standards auch für uns als Hersteller einen größeren Spielraum in der Integration anderer Systeme und wir können das Optimum für den Kunden entstehen lassen.

Wir sehen dabei immer wieder, wie wichtig es ist, dass die Hersteller bei neuen  Anforderungen an einer gemeinsamen Entwicklung arbeiten, so wie es die OSS-Association praktiziert. Und nicht nur das: Bei Ausschreibungen können Systemintegratoren Teilkomponenten unterschiedlicher Hersteller anbieten, denn diese sind dank der herstellerunabhängigen Standards mit anderen kompatibel geworden. Der Vorteil für den Ausschreibenden ist die „perfekte Lösung“, die seinen Anforderungen entspricht und die er im weiteren Verlauf um standardkonforme Komponenten einfach erweitern kann. Das fördert die Akzeptanz der Zutrittssteuerungs- und  Schließsysteme und fördert damit das Marktwachstum für die gesamte Branche.

Martina Müller: Wohin geht denn die Reise in den nächsten Jahren?

Ein wichtiges Thema wird sicherlich in den nächsten Jahren der Mobile Access sein, d.h. die Zugangskontrolle über mobile Endgeräte. Von der Branche wird das gefordert, aber die Akzeptanz und Verbreitung in Deutschland ist noch nicht flächendeckend vorhanden. Auch hier wird man sehen, ob ein Standard der Treiber für den Mobile Access sein kann.

Fraport

Aus Kundensicht bietet der Einsatz von Standards viele Vorteile. Wir befragten Patrick Senneka, seit 2012 bei der Fraport AG, der für den Einsatz und für die Weiterentwicklung des Produktes ESA (Elektronische Schließanlage) zuständig ist, nach seinen Erfahrungen.

Martina Müller: Was ist die Motivation für Sie, Standards einzusetzen?

Die OSS-SO Standardisierung ermöglicht es, Software- und Hardware-Komponenten unterschiedlicher Anbieter in die Gesamtlösung zu integrieren. Somit gewährleisten wir Investitionsschutz und verzichten gleichzeitig auf proprietäre Systeme. Insgesamt setzen wir ca. 75.000 Flughafenausweise und ca. 7500 Offlineleser am Flughafen Frankfurt am Main ein. Wir können mit dem Einsatz von Standard Offline große Installationen realisieren und beispielsweise bei Lieferschwierigkeiten oder besonderen Anforderungen auf alternative OSS-Komponenten zurückgreifen. Das ist ein großer Vorteil für uns. Der Einsatz von Standards ermöglicht eine hohe Interoperabilität der Produkte und Flexibilität bei der Implementierung. 

Martina Müller: Ein Flughafen hat besondere Anforderungen an die Sicherheit. Wie ist dies durch den Einsatz von Standards gesichert?

Stellen Sie sich vor, jeder der Mitarbeitenden bei Fraport hätte einen eigenen Schlüssel für die unterschiedlichen Zugangsberechtigungen. Der Mitarbeitende scheidet aus, verliert den Schlüssel, wechselt die Position und damit auch die Zugangsberechtigungen. Was für ein Aufwand, dies über mechanische Schlüssel abzuwickeln und dabei noch die Sicherheit zu gewährleisten! Die elektronischen Schließanlagen und damit auch das Protokoll von Standard Offline ermöglicht es zeitlich begrenzte Schlüssel / Berechtigungen auszustellen, die im zentralen System mit einem Klick geändert werden können. Damit ist sowohl die Sicherheit gewährleistet als auch ein optimierter Einsatz an Ressourcen.

Martina Müller: Mobile Access, so die Prognose, wird in den nächsten Jahren eine zunehmend wichtige Rolle für die Zugangskontrolle spielen. Wie sieht es denn mit dem Mobile Access am Flughafen aus?

Das ist ein Thema, das für uns aktuell zwar interessant, aber weniger relevant ist. Die für die Sicherheitsbereiche geltenden Gesetze fordern das dauerhafte Tragen eines Sichtmerkmals, was mit mobilen Geräten momentan nicht zu realisieren ist.

Martina Müller: Was ist Ihr Wunsch für 2023?

Ein Anwendertreffen, um über neue Entwicklungen zu diskutieren und in den Austausch mit anderen Anwendern zu kommen, wäre wichtig für die Fortentwicklung der Standards by OSS.

Uhlmann & Zacher

Ein weiterer Hersteller, bzw. OEM, (Original Equipment Manufacturer), ist das familiengeführte Unternehmen Uhlmann & Zacher. Insgesamt mehr als 1.000.000 elektronische Schließeinheiten produzierte das Unternehmen bislang. Wir fragten Hartmut Beckmann, Prokurist und Sales Manager bei Uhlmann & Zacher, nach seinen Erfahrungen zum Einsatz von Standards in Deutschland und auch weltweit.

Martina Müller: Herr Beckmann, wie schätzen Sie die Situation in Deutschland zum Einsatz von Standards ein?

In Deutschland existieren noch einige Hersteller, die es bevorzugen, ihre eigenen, proprietären Systeme einzusetzen. Diese sehen im Einsatz von Standards eigentlich einen Verlust ihrer Marktmacht. Es gibt jedoch auf Hersteller- wie auf Anwenderseite Unternehmen, die die Vorteile der Standards für sich entdeckt haben. Wenn viele Schließanlagen für eine große Anzahl von Menschen sehr hohe Sicherheitsstandards aufweisen müssen, eröffnen die Standards neue Möglichkeiten. Es wäre ja auch erstrebenswert, dass die Standards by OSS länderübergreifend, also im internationalen Zusammenhang eingesetzt werden könnten. Hier haben wir z.B. in Frankreich einige Partner, die OSS-SO verwenden.

Martina Müller: Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil von Standards by OSS?

Uhlmann & Zacher verkauft nicht an Endkunden, das ist die Strategie unseres Unternehmens. Durch OSS-SO haben wir die Möglichkeit neue Integrationspartner zu gewinnen, ohne dass diese Partner eine proprietäre Lösung entwickeln müssen.

Martina Müller: Wie sehen Sie die Zukunft von Mobile Standard?

Mobile Endgeräte sind zum Beispiel mit Bluetooth ausgestattet. Hier sorgt ein Standard für die Kommunikationsfähigkeit unterschiedlicher Endgeräte. In dem Mobile Sektor tummeln sich verschiedene Hersteller, zum Teil neu am Start und im Wachstum, zum Teil etabliert. In diesem Bereich sorgt der Standard dafür, dass die Technologie zukunftsfähig bleibt, auch wenn ein Unternehmen wieder vom Markt verschwindet.

Martina Müller: Und der Gesamtblick auf Deutschland? Wie sieht es mit der mobilen Nutzung, d.h. Mobile Access in Deutschland aus?

In Deutschland ist die Akzeptanz von der Steuerung der mobilen Zugangskontrolle – ganz im Gegensatz zu anderen Ländern – noch etwas zögerlich. Aktuell allerdings arbeiten wir an einem Projekt um eine eigene Mobile Access Plattform zu etablieren. Auf die nächsten Schritte und die Weiterentwicklung freuen wir uns.

Martina Müller: Ihr Blick in die Zukunft, was würden Sie sich wünschen?

Wir würden uns freuen, wenn große Firmen – unabhängig vom Wettbewerbsdenken – kooperieren und an der Weiterentwicklung der Standards mitwirken würden. Aus unserer Sicht wird der Vertrieb wesentlich vereinfacht, wenn möglichst viele größere Projekte (und Unternehmen) auf den Standard by OSS setzen würden.

Die Gespräche führte Martina Müller, pr-ide GbR, im Auftrag der OSS-Asscociation www.oss-association.com

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