Rohde & Schwarz bündelt Netzwerk- und Cybersecurity-Kompetenz

August 23, 2026

LANCOM Systems und Rohde & Schwarz Cybersecurity treten künftig gemeinsam als Rohde & Schwarz Networks and Cybersecurity auf. Die neue Einheit soll Netzwerkinfrastruktur und Cybersecurity enger verzahnen und insbesondere Unternehmen, Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen adressieren. Ein strategischer Schwerpunkt liegt dabei auf digitaler Souveränität und hochsicherer Datenübertragung.

Mit der Zusammenführung von LANCOM Systems und Rohde & Schwarz Cybersecurity ordnet Rohde & Schwarz sein Geschäft für sichere Netzwerke neu. LANCOM gehört bereits seit 2018 vollständig zum Münchner Technologiekonzern. Nach rund 15 Monaten Vorbereitung wurden nun Systeme, Prozesse und Organisationsstrukturen zusammengeführt. Nach Angaben von Co-Geschäftsführer Robert Mallinson war dieser Schritt auch deshalb sinnvoll geworden, weil sich das Angebot beider Unternehmen in den vergangenen Jahren deutlich erweitert und zunehmend überschnitten habe.

Unter dem Namen Rohde & Schwarz Networks and Cybersecurity soll künftig ein breiteres Portfolio aus Netzwerktechnik und Sicherheitslösungen angeboten werden. Dazu zählen Router, WLAN- und Switching-Systeme ebenso wie Firewalls und Technologien zur Layer-2- und Layer-3-Verschlüsselung. Besonders sicherheitskritische Anwendungen sollen von Verfahren wie Post-Quantum-Verschlüsselung und kundenspezifischen Kryptografielösungen profitieren. Als typische Einsatzfelder nennt das Unternehmen unter anderem Finanzwirtschaft, Behörden und kritische Infrastrukturen.

Sichere Netzwerke als Grundlage kritischer Prozesse

Die Anforderungen an Netzwerke gehen inzwischen deutlich über die reine Datenübertragung hinaus. In Verkehrssystemen, Behördennetzen oder bei Finanztransaktionen muss sichergestellt sein, dass übertragene Informationen weder manipuliert noch unbefugt eingesehen werden können. Entsprechend versteht Rohde & Schwarz Networks and Cybersecurity die Netzwerkinfrastruktur als Bestandteil einer umfassenden Sicherheitsarchitektur.

Das betrifft auch zunehmend vernetzte Produkte des Mutterkonzerns. Softwaredefinierte Messgeräte, Remote-Wartung und digitale Services benötigen abgesicherte Zugänge, Netzwerkkomponenten und Firewalls. Gleichzeitig kann die neue Einheit auf die Fertigungsmöglichkeiten des Rohde-&-Schwarz-Konzerns zurückgreifen. Produkte lassen sich dadurch für besondere Einsatzbedingungen qualifizieren, beispielsweise für kritische Infrastrukturen oder maritime Anwendungen mit erhöhten Anforderungen an Temperaturbeständigkeit, mechanische Belastbarkeit und Robustheit.

Organisation künftig stärker nach Anwendungsfällen

Auch die interne Struktur wird neu ausgerichtet. Statt einzelne Produktgruppen isoliert zu betrachten, soll stärker von konkreten Einsatzszenarien der Kunden ausgegangen werden. Dafür wurden vier Segmente definiert: Corporate Network Solutions, Public Network Solutions, Defense Network Solutions sowie Lösungen für kritische Infrastrukturen.

Der Corporate-Bereich umfasst unter anderem Handel, Finanzwirtschaft und mittelständische Unternehmen. Public Network Solutions richtet sich an öffentliche Verwaltungen, während der Defense-Bereich Anwendungen in Sicherheits- und Verteidigungsumgebungen adressiert.

Gerade im KRITIS-Umfeld sieht das Unternehmen Netzwerktechnik als grundlegende Ebene für weitere Sicherheitsgewerke. Kamerasysteme, elektronische Schließanlagen oder Alarmtechnik sind zunehmend IP-basiert und benötigen entsprechend geschützte Kommunikationswege. Die Verbindung von Netzwerk- und Cybersecurity-Kompetenz soll deshalb ermöglichen, solche Infrastrukturen stärker als Gesamtsystem zu betrachten.

Digitale Souveränität wird zum Auswahlkriterium

Eine zentrale Rolle in der Strategie spielt die digitale Souveränität. Mallinson zufolge fragen Kunden inzwischen deutlich häufiger nach europäischen beziehungsweise unabhängig kontrollierbaren IT- und Sicherheitslösungen. Dabei gehe es nicht darum, internationale Technologie grundsätzlich auszuschließen. Entscheidend sei vielmehr, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren und die Kontrolle über wesentliche Teile der digitalen Infrastruktur zu behalten.

Nach Einschätzung des Geschäftsführers muss digitale Souveränität auf mehreren Ebenen betrachtet werden. Neben Netzwerkhardware gehören dazu Anwendungen und Betriebssysteme ebenso wie Cloud-Infrastrukturen und die Frage, wo und unter welchen Bedingungen Daten gespeichert werden. Auch Verschlüsselung kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Daten lassen sich beispielsweise bereits vor der Übertragung in eine Cloud absichern, sodass auch Cloud-Angebote in souveränere Sicherheitskonzepte integriert werden können.

Den Begriff „Made in Germany“ verwendet die neue Einheit bewusst differenziert. Nach Angaben Mallinsons entwickelt Rohde & Schwarz Networks and Cybersecurity Hardware und Software weiterhin überwiegend in Deutschland, während einzelne Komponenten oder Produkte als ODM-Ware aus asiatischer Fertigung stammen. Das Unternehmen verwendet deshalb zunehmend die Formulierung „Engineered in Germany“. Als Wettbewerbsvorteile sieht Mallinson neben technischer Qualität insbesondere Vertrauen, Kundennähe und die Möglichkeit, bei Problemen schnell reagieren zu können.

Sicherheitsanforderungen verändern Technologieentscheidungen

Nach Beobachtung des Unternehmens verändert der Wunsch nach digitaler Souveränität zunehmend auch Kaufentscheidungen. Nicht mehr jede technisch verfügbare Funktion werde automatisch als notwendig angesehen. Kunden würden vielmehr stärker abwägen, ob zusätzliche Features für den konkreten Einsatz tatsächlich erforderlich seien oder ob Sicherheit, Qualität und kontrollierbare Abhängigkeiten höher gewichtet werden sollten. Diese Entwicklung zeige sich laut Mallinson insbesondere bei mittelständischen und familiengeführten Unternehmen.

Mit der im Juni gestarteten Sovereignty Alliance for European Network Technology (SAFENet) will das Unternehmen das Thema zusätzlich auf europäischer Ebene vorantreiben. Die Initiative soll europäische Kompetenzen und Alternativen im Bereich Netzwerktechnologie sichtbarer machen. Die Resonanz auf die Gründung wertet Mallinson als Hinweis darauf, dass Fragen technologischer Abhängigkeit inzwischen deutlich stärker in den Fokus von Unternehmen und öffentlichen Institutionen rücken.

Channel bleibt wichtiger Vertriebsweg

Trotz der organisatorischen Neuaufstellung soll der indirekte Vertrieb eine zentrale Rolle behalten. LANCOM arbeitete bislang vollständig über Partner, während Rohde & Schwarz Cybersecurity teilweise auch direkt vertrieb. In der neuen Einheit soll der Großteil des Geschäfts weiterhin über regionale IT-Partner und große Systemintegratoren abgewickelt werden.

Direktvertrieb bleibt vor allem für Sonderfälle vorgesehen, etwa bei eingestuften Projekten oder wenn Export- und Dual-Use-Regelungen besondere Prozesse erforderlich machen. Auch personell wächst der Bereich. Sämtliche Beschäftigten beider Einheiten wurden übernommen. Die Mitarbeiterzahl steigt durch die Zusammenführung nach Unternehmensangaben von rund 450 auf etwa 550. Weiteres Wachstum ist geplant, insbesondere vor dem Hintergrund des hohen Fachkräftebedarfs in Netzwerktechnik und Cybersecurity.

Post-Quantum-Kryptografie gewinnt an Bedeutung

Technologisch erwartet Rohde & Schwarz Networks and Cybersecurity vor allem bei der Post-Quantum-Kryptografie weiteren Handlungsbedarf. Hintergrund ist das sogenannte „Harvest now, decrypt later“-Risiko: Verschlüsselte Informationen können bereits heute abgegriffen und gespeichert werden, um sie später mit leistungsfähigeren Verfahren möglicherweise entschlüsseln zu können. Unternehmen und Institutionen mit langfristig sensiblen Daten müssen sich deshalb frühzeitig mit quantenresistenten Verschlüsselungsverfahren beschäftigen.

Bei künstlicher Intelligenz sieht Mallinson insbesondere im Schwachstellenmanagement eine zunehmende Dynamik zwischen Verteidigern und Angreifern. Auch automatisierte KI-Agenten und die wachsende Bedeutung digitaler Identitäten dürften neue Anforderungen an die Absicherung von IT-Infrastrukturen stellen.

Die Zusammenführung von LANCOM und Rohde & Schwarz Cybersecurity folgt damit einem übergeordneten Trend: Netzwerkinfrastruktur, Verschlüsselung, Identitätsmanagement und Cybersecurity werden zunehmend als Bestandteile einer gemeinsamen Sicherheitsarchitektur betrachtet.

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