Die Sicherheitstechnik steht vor einer Phase strategischer Neuorientierung. Cyberresilienz, künstliche Intelligenz, integrierte Sicherheitsplattformen und serviceorientierte Geschäftsmodelle verändern die Anforderungen an Hersteller und Systemintegratoren. Der W&P Trendradar 2027 der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner zeigt, dass sich bekannte technologische Entwicklungen zunehmend in konkrete regulatorische und wirtschaftliche Verpflichtungen übersetzen. Für die Branche wird damit weniger die Einführung einzelner Innovationen entscheidend als die Fähigkeit, vernetzte Sicherheitstechnik zuverlässig, wirtschaftlich und über ihren gesamten Lebenszyklus zu betreiben.
Bekannte Trends, neue wirtschaftliche Konsequenzen
Die Grenzen zwischen physischer und digitaler Sicherheit verschwimmen zunehmend. Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, Gefahrenmeldetechnik und Cybersecurity werden stärker miteinander verknüpft. Gleichzeitig verändern künstliche Intelligenz und cloudbasierte Dienstleistungen die technische Architektur und die Wertschöpfung der Branche.
Simon Moser, Leiter industrielle Automation, Elektro- und Sicherheitstechnik bei Dr. Wieselhuber & Partner (W&P), bringt diese Entwicklung im aktuellen Trendradar auf den Punkt: „Sicherheit wird 2027 zur Frage der Resilienz: Wer physische Sicherheit, Cybersecurity und KI nicht integriert denkt, verliert an Relevanz und Wettbewerbsfähigkeit.“
Die Einschätzung steht in einer längeren Entwicklung. Bereits 2023 beschäftigten sich Moser und Dr. Michael Staudinger in einem gemeinsamen Fachbeitrag über Smart Services mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten vernetzter Sicherheitsprodukte. Sie verwiesen auf neue Dienstleistungen, datenbasierte Geschäftsmodelle und die Notwendigkeit eines systematischen Innovationsmanagements.
Im W&P Trendradar 2026 rückten integrierte Sicherheitsarchitekturen, KI-gestützte Analysen, Security-as-a-Service und regulatorische Anforderungen bereits in den Mittelpunkt. Die diesjährige Prognose beschreibt somit keinen grundsätzlichen technologischen Richtungswechsel. Vielmehr verdichten sich die Entwicklungen zu konkreten Anforderungen an Produktentwicklung, Organisation und Unternehmensstrategie.
Besonders deutlich wird dies bei der Cyberresilienz. Was bislang häufig als zusätzliche Produkteigenschaft betrachtet wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer Voraussetzung für die Vermarktung und den langfristigen Betrieb vernetzter Sicherheitslösungen.
Cyber Resilience Act verändert die Herstellerverantwortung
Mit dem europäischen Cyber Resilience Act (CRA) gewinnt die Cybersicherheit vernetzter Produkte eine neue regulatorische Dimension. Die Verordnung schafft verbindliche Anforderungen für zahlreiche Produkte mit digitalen Elementen und betrifft damit auch Teile der elektronischen Sicherheitstechnik.
Hersteller müssen sich unter anderem mit Sicherheitsanforderungen während der Entwicklung, dem Umgang mit Schwachstellen, der Bereitstellung von Sicherheitsupdates und der technischen Dokumentation auseinandersetzen. Die Verantwortung für die Cybersicherheit endet damit nicht bei der Auslieferung eines Produkts.
Die wesentlichen Bestimmungen des CRA werden ab dem 11. Dezember 2027 anwendbar. Meldepflichten für bestimmte aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Sicherheitsvorfälle gelten bereits seit dem 11. September 2026. Welche konkreten Verpflichtungen bestehen, hängt vom jeweiligen Produkt und seinem regulatorischen Anwendungsbereich ab.
Für Hersteller von IP-Kameras, Zutrittskontrollsystemen und anderen vernetzten Sicherheitskomponenten gewinnt dadurch das Lifecycle-Management an Bedeutung. Sicherheitsupdates, Schwachstellenmanagement und dokumentierte Entwicklungsprozesse müssen frühzeitig in die Produktstrategie einbezogen werden. Auch die Abstimmung zwischen Entwicklung, Produktmanagement und Service wird wichtiger.
Der wirtschaftliche Handlungsdruck lässt sich an der Entwicklung des IT-Sicherheitsmarktes ablesen. Nach einer am 28. Oktober 2026 veröffentlichten Bitkom-Prognose auf Grundlage von IDC-Daten steigen die Ausgaben für IT-Sicherheit in Deutschland 2026 um 11,7 Prozent auf 14,3 Milliarden Euro. Für 2027 wird ein weiteres Wachstum um 10,7 Prozent auf 15,8 Milliarden Euro erwartet.
Diese Zahlen beziehen sich auf den IT-Sicherheitsmarkt und nicht auf die gesamte physische Sicherheitstechnik. Sie verdeutlichen jedoch die wachsende wirtschaftliche Bedeutung digitaler Sicherheitsfunktionen, mit denen sich Hersteller vernetzter Sicherheitsprodukte zunehmend befassen müssen.
W&P sieht deshalb Wettbewerbsvorteile insbesondere bei Unternehmen, die regulatorische Anforderungen frühzeitig in Entwicklung, Produktmanagement und Dienstleistungen integrieren. Für kleinere und mittlere Hersteller entsteht zugleich zusätzlicher Aufwand: Softwarepflege, Dokumentation und Compliance erfordern Ressourcen, die über die klassische Hardwareentwicklung hinausgehen.
Integrierte Sicherheitsplattformen und KI verändern den Betrieb
Neben der Regulierung verändert sich die Architektur moderner Sicherheitslösungen. Betreiber komplexer Gebäude, Industrieanlagen und kritischer Infrastrukturen benötigen zunehmend eine gemeinsame Sicht auf sicherheitsrelevante Ereignisse. Getrennte Systeme für Videoüberwachung, Zutrittskontrolle, Meldetechnik und Cybersecurity erschweren hingegen die übergreifende Analyse.
Der W&P Trendradar 2027 erwartet deshalb eine weitere Entwicklung hin zu integrierten Sicherheitsökosystemen. Zentrale Plattformen sollen Informationen unterschiedlicher Anwendungen zusammenführen und eine koordinierte Ereignisbewertung ermöglichen. Offene Schnittstellen und standardisierte Datenformate werden damit zu wichtigen Voraussetzungen für die Integration.
Künstliche Intelligenz übernimmt innerhalb solcher Architekturen zunehmend analytische Aufgaben. Videoanalyse, Anomalieerkennung und die Bewertung unterschiedlicher Sensordaten können zu einem gemeinsamen Lagebild beitragen. Die Herausforderung liegt allerdings nicht allein in der Verarbeitung großer Datenmengen, sondern auch in der Qualität und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse.
Mit wachsender Automatisierung müssen Betreiber beurteilen können, wie zuverlässig Ereignisse erkannt werden, welche Entscheidungen automatisiert erfolgen dürfen und wann eine menschliche Freigabe erforderlich ist. Insbesondere bei sicherheitskritischen Anwendungen reichen hohe Erkennungsraten allein nicht aus. Ebenso wichtig sind belastbare Kontrollmechanismen und klar definierte Verantwortlichkeiten.
Wie weit sich die Diskussion über autonome Sicherheitssysteme bereits entwickelt hat, zeigt die PwC-Studie Digital Trust Insights 2027. Danach würden 29 Prozent der befragten deutschen Unternehmen KI-Agenten vollständig eigenständig handeln lassen. Weitere 42 Prozent könnten sich autonome Aktionen bei geringem Risiko vorstellen, während Entscheidungen mit größeren Auswirkungen einer menschlichen Freigabe unterliegen sollen.
Die Ergebnisse beziehen sich auf die Cyberabwehr und lassen sich nicht unmittelbar auf sämtliche Anwendungen der physischen Sicherheitstechnik übertragen. Sie verdeutlichen jedoch die wachsende Bedeutung der Frage, wie weit automatisierte Systeme eigenständig handeln dürfen.
Auch die Integration selbst schafft neue Anforderungen. Je stärker Anwendungen miteinander verbunden sind, desto wichtiger werden die Absicherung von Schnittstellen, die Begrenzung von Zugriffsrechten und die Verfügbarkeit zentraler Plattformen. Technische Integration führt deshalb nicht automatisch zu höherer Resilienz. Entscheidend ist, ob die entstehende Systemarchitektur im laufenden Betrieb beherrschbar bleibt.
Security-as-a-Service verschiebt die Wertschöpfung
Eine weitere Entwicklung betrifft die Geschäftsmodelle der Hersteller. W&P erwartet, dass sich der wirtschaftliche Schwerpunkt zunehmend von einmaligen Hardwareverkäufen auf wiederkehrende Dienstleistungen verlagert.
Security-as-a-Service umfasst beispielsweise cloudbasierte Sicherheitsanwendungen, Remote Services, kontinuierliche Wartung, Softwareupdates und vertraglich vereinbarte Verfügbarkeiten. Für Betreiber können solche Modelle den technischen Verwaltungsaufwand reduzieren und die Aktualisierung eingesetzter Systeme vereinfachen.
Für Hersteller verändern sich damit die Anforderungen an Vertrieb, Preisgestaltung und Organisation. Wiederkehrende Erlöse können die Planbarkeit verbessern, bringen aber auch dauerhafte Verpflichtungen mit sich. Betriebskosten, Servicequalität und die Skalierbarkeit technischer Plattformen werden zu wesentlichen Faktoren der Wirtschaftlichkeit.
Die Entwicklung zeichnet sich seit mehreren Jahren ab. Bereits 2023 beschrieben Moser und Staudinger Smart Services als strategisches Wachstumsfeld der Sicherheitstechnik. Der Trendradar 2027 rückt nun stärker die praktische Umsetzung entsprechender Geschäftsmodelle in den Mittelpunkt.
Die aktuellen Marktdaten unterstützen die zunehmende Bedeutung digitaler Leistungen. Für 2027 prognostiziert Bitkom auf Grundlage von IDC-Berechnungen ein Wachstum der deutschen Ausgaben für IT-Sicherheitssoftware um 14,6 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro. Die Ausgaben für IT-Sicherheitsdienstleistungen sollen um 8,4 Prozent auf 5,7 Milliarden Euro steigen.
Eine Verdrängung der physischen Sicherheitshardware lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Kameras, Sensoren, Zutrittskomponenten und Meldesysteme bleiben unverzichtbare Bestandteile entsprechender Sicherheitsarchitekturen. Die wirtschaftliche Differenzierung kann sich jedoch stärker auf Software, Integration und laufende Dienstleistungen verlagern.
Für Hersteller stellt sich damit eine strategische Frage: Welche Leistungen sollen künftig selbst erbracht werden und wo sind Kooperationen mit Softwareanbietern, Plattformbetreibern oder spezialisierten Dienstleistern sinnvoll?
Strategische Priorisierung wird zum Wettbewerbsfaktor
Die parallele Entwicklung von Cybersecurity, KI, integrierten Plattformen und digitalen Dienstleistungen erhöht den Investitionsbedarf. Besonders mittelständische Hersteller müssen entscheiden, welche technologischen Kompetenzen sie eigenständig aufbauen können und welche Geschäftsfelder langfristig wirtschaftlich attraktiv sind.
Simon Moser hatte bereits im März 2026 bei einem W&P Executive Dialog zur industriellen Automation und Elektrotechnik vor unzureichend gesteuerten Innovationsaktivitäten gewarnt: „Innovation scheitert nicht an Ideen, sondern an fehlender Klarheit, Priorisierung und konsequenter Steuerung.“
Diese Aussage gewinnt vor dem Hintergrund des Trendradars 2027 an Bedeutung. Denn die Branche steht nicht vor einem Mangel an technologischen Möglichkeiten, sondern vor der Aufgabe, Investitionen gezielt auf die eigenen Fähigkeiten und Marktchancen auszurichten.
In einem im Oktober 2026 veröffentlichten Fachbeitrag über neue Wachstumsfelder untersuchte Moser unter anderem die Potenziale von kritischen Infrastrukturen, Industrie, Rechenzentren, Gesundheitswesen und vernetzten Gebäuden. Entscheidend sei dabei eine systematische Diversifikation, die vorhandene Kompetenzen auf neue Kundenanforderungen überträgt, statt jedem Markttrend zu folgen.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erhöhen den Druck zur Priorisierung zusätzlich. Laut PwC nennen 42 Prozent der befragten deutschen Unternehmen fehlende OT-Fachkräfte und Ressourcen als Herausforderung. 40 Prozent verweisen auf bestehende Systeme, die sich nicht ohne Weiteres aktualisieren oder patchen lassen. Die Zahlen beschreiben Schwierigkeiten auf Betreiberseite, verdeutlichen aber zugleich den Bedarf an entsprechenden technischen Lösungen und Dienstleistungen.
Für Hersteller ergeben sich daraus Chancen in der Modernisierung bestehender Infrastrukturen, der Integration unterschiedlicher Systeme und der langfristigen Betreuung sicherheitskritischer Anwendungen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Entwicklungskapazitäten und spezialisiertes Personal.
Nicht jeder Anbieter wird sämtliche Bestandteile einer integrierten Sicherheitsarchitektur selbst bereitstellen können. Strategische Partnerschaften, Spezialisierung und eine klare Abgrenzung des eigenen Leistungsportfolios dürften deshalb an Bedeutung gewinnen.
Die Herausforderung besteht darin, technologische Innovationsfähigkeit mit wirtschaftlicher Disziplin zu verbinden. Neue Produkte und Dienstleistungen müssen nicht nur technisch realisierbar sein, sondern einen nachweisbaren Kundennutzen bieten und dauerhaft wirtschaftlich betrieben werden können.
Ausblick: 2027 wird zum Jahr strategischer Entscheidungen
Der W&P Trendradar 2027 beschreibt Entwicklungen, die sich in der Sicherheitstechnik bereits seit mehreren Jahren abzeichnen. Neu ist weniger die technologische Richtung als die zunehmende Verbindlichkeit der daraus entstehenden Anforderungen.
Mit dem Cyber Resilience Act erhalten zentrale Fragen der Produktsicherheit und Updatefähigkeit zusätzliche regulatorische Bedeutung. Integrierte Sicherheitsplattformen und KI erweitern die technischen Möglichkeiten, erhöhen aber gleichzeitig die Anforderungen an Datenqualität, Governance und Betriebssicherheit. Serviceorientierte Geschäftsmodelle eröffnen neue Erlösquellen, verlangen jedoch veränderte Organisations- und Kostenstrukturen.
Für die Unternehmensführung rücken damit konkrete Entscheidungen in den Mittelpunkt: Welche Produktlinien bleiben langfristig wettbewerbsfähig? Wo lohnt sich der Aufbau eigener Softwarekompetenzen? Welche Dienstleistungen lassen sich wirtschaftlich skalieren, und welche technologischen Entwicklungen sollten durch Kooperationen erschlossen werden?
Die früheren Veröffentlichungen von Wieselhuber & Partner verdeutlichen, dass die strategischen Herausforderungen seit Jahren bekannt sind. Entscheidend wird nun, wie konsequent Hersteller die erforderlichen Veränderungen umsetzen.
2027 dürfte für die Sicherheitstechnik deshalb weniger ein Jahr neuer Trends als ein Jahr ihrer wirtschaftlichen und regulatorischen Bewährungsprobe werden. Wettbewerbsfähigkeit entsteht zunehmend dort, wo Hersteller Cyberresilienz, technische Integration und tragfähige Geschäftsmodelle miteinander verbinden – und ihre Investitionen auf klar definierte strategische Ziele ausrichten.
Redaktionelle Quellenbasis: Grundlage des Beitrags ist der von Dr. Wieselhuber & Partner bereitgestellte W&P Trendradar 2027 – Sicherheitstechnik mit den Prognosen von Simon Moser. Zur Einordnung wurden frühere Veröffentlichungen von W&P berücksichtigt, insbesondere ‚So sichern Unternehmen mit Smart Services ihre Zukunft‘ (2023), der W&P Trendradar 2026, der W&P Executive Dialog vom 26. März 2026 sowie der Fachbeitrag ‚Neue Märkte statt neuer Sorgen‘ vom 25. Oktober 2026. Ergänzend wurden die ‚Bitkom-Marktzahlen zum deutschen IT-Sicherheitsmarkt‘ vom 28. Oktober 2026, die ‚PwC Digital Trust Insights 2027‘ sowie die Vorgaben des europäischen Cyber Resilience Act herangezogen.

