Seecurity Essen – Halle 2: Die andere Welt mit denselben Zukunftsthemen

September 4, 2026

Wer durch die Security Essen 2026 geht und schließlich Halle 2 erreicht, wechselt sichtbar die Perspektive. Während in anderen Hallen viele etablierte europäische und internationale Sicherheitsmarken das Bild bestimmen, ist Halle 2 stark von asiatischen Herstellern geprägt – insbesondere aus China, Taiwan und dem ostasiatischen Produktionsumfeld. Zahlreiche Unternehmen kommen traditionell aus der Fertigung von Schlössern, Kameras, Elektronik, Kabeln oder Komponenten und sind im europäischen Markt teilweise eher als OEM- oder Zulieferpartner bekannt als mit einer eigenen Marke.

Gerade deshalb ist Halle 2 interessant. Denn technologisch entwickelt sich hier keineswegs eine Parallelwelt. Im Gegenteil: Die drei großen Trends, die sich durch die gesamte Security Essen ziehen – Plattformisierung, künstliche Intelligenz sowie mobile und vernetzte Sicherheitstechnik – finden sich auch hier mit bemerkenswerter Konsequenz. Der Unterschied liegt eher darin, wer die Lösungen entwickelt und wie schnell asiatische Hersteller ihre klassische Hardware um Software, Cloud-Anbindungen, Apps und intelligente Analyse erweitern. Damit wird Halle 2 weiter zunehmend relevant.

Trend 1: Vom einzelnen Produkt zur Plattform

Der deutlichste Wandel betrifft die Systemarchitektur. Auch in Halle 2 reicht es vielen Herstellern nicht mehr, eine Kamera, ein Schloss oder einen Leser anzubieten. Die Geräte sollen Bestandteil einer größeren digitalen Umgebung werden.

Ein besonders weitgehendes Beispiel liefert Zhuhai Mitaly Innovation Technology. Die neue KEYPLUS AIoT Smart Space Platform verbindet Zutrittskontrolle und Videosicherheit mit Flächenmanagement, Energiemanagement, Mitarbeiterprozessen und einem zentralen Management-Dashboard. Ergänzend umfasst die Commercial Access Control Platform elektronische Schlösser, Gesichtsterminals, Controller, Aufzugssteuerung, Brand- und Wassersensoren sowie mobile Schlüssel. Der ursprüngliche Smart-Lock-Hersteller bewegt sich damit klar in Richtung Gebäude- und Managementplattform.

Auch bei Shanghai Gato IT geht es nicht mehr allein um den elektronischen Perimeterzaun. Die SAM100-Plattform führt Alarm-, Zaun- und Videotechnik zusammen. Wird eine Manipulation erkannt, können Videobilder der betreffenden Zone automatisch aufgeschaltet und weitere Reaktionen ausgelöst werden.

Ähnliches zeigt sich bei der Gebäudekommunikation. Nanjing Hanlong beziehungsweise Htek kombiniert IP-Telefonie und Videokommunikation mit Zutrittskontrolle, Videoüberwachung und Notfallkommunikation. Sprache und Video werden damit Bestandteil eines übergreifenden Sicherheitsprozesses und nicht mehr als isolierte Kommunikationssysteme betrachtet.

Selbst klassische Zutrittsprodukte werden zunehmend softwareorientiert. Huanya verbindet Gesichtserkennung und RFID mit WLAN, SIP, Zeiterfassung sowie MQTT- und HTTP-Schnittstellen; Cloud-Software und App übernehmen die zentrale Berechtigungsverwaltung. Secukey bringt OSDP-Leser, WLAN, Bluetooth sowie Tuya- und TTLock-Anbindungen zusammen und reagiert damit zugleich auf den Trend zu verschlüsselter bidirektionaler Kommunikation zwischen Leser und Zutrittszentrale.

Auch die traditionelle Türtechnik folgt diesem Weg. Jixin Core Lock verbindet den elektronischen Zylinder mit digital verwaltbaren Berechtigungen, mobilen Funktionen und IoT-Anbindungen. Ein verlorenes Schließmedium kann gesperrt werden, ohne den Zylinder auszutauschen.

Damit unterscheidet sich die technologische Richtung kaum von derjenigen großer europäischer Systemanbieter: Das physische Sicherheitsprodukt bleibt bestehen, sein Wert verschiebt sich jedoch zunehmend in Richtung Software, Integration und Management.

Trend 2: KI wandert bis in das Endgerät

Auch beim zweiten großen Messethema folgt Halle 2 der Entwicklung der übrigen Security Essen: Künstliche Intelligenz wird immer weniger als separates Analysemodul betrachtet und zunehmend direkt in Kamera, Sensor oder Kontrollsystem eingebaut.

Zhuhai Glory Technology zeigt mit seiner AI-NEXGEN-IPC-Serie eine Kameraplattform, auf der mehrere KI-Funktionen gleichzeitig ausgeführt werden. Dazu gehören universelle Objekterkennung auf Basis großer Modelle, Fall Detection, Dynamic Masking sowie Rauch- und Branderkennung. Hinzu kommt eine KI-gestützte Bildoptimierung.

Hangzhou Zanuo verfolgt einen ähnlichen Ansatz mit AI-Netzwerkkameras, Wärmebildsystemen, PTZ-Kameras und AI-NVRs. Der Hersteller verbindet die Hardware mit eigener VMS- und App-Software und adressiert damit Anwendungen von Smart Buildings und Smart Cities bis zu Industrieparks, Banken und Energieversorgung.

Bei Meari Technology wandert die Analyse in die energieeffiziente Außenkamera. Die V7 SSL nutzt visuelle KI zur Personenerkennung und soll Personen noch über größere Entfernungen erfassen können. Gleichzeitig kombiniert das Gerät diese Analyse mit Akku, Solarversorgung und 4G.

Viewpro führt die Entwicklung in den professionellen Drohnen- und KRITIS-Bereich. Der A10TR Pro kombiniert optischen Zoom, Wärmebild und Laserentfernungsmessung mit KI-basierter Personen- und Fahrzeugerkennung. Größere Modelle arbeiten mit 4K-Kamera, hochauflösender Thermalsensorik und Entfernungen von mehreren Kilometern.

MAXVISION wiederum überträgt intelligente Bildverarbeitung auf die automatisierte Fahrzeugkontrolle. Ein mobiler Roboter fährt selbstständig unter Fahrzeuge, erzeugt hochauflösende Unterbodenbilder, ordnet sie über Kennzeichenerkennung dem Fahrzeug zu und kann verdächtige Bereiche markieren. Der Hersteller verbindet diese Technik mit Gesichts-, Iris- und Handvenenerkennung sowie weiteren Kontrollsystemen.

KI beschränkt sich dabei längst nicht mehr auf Video. Smartek kombiniert elektronische Türschlösser je nach Modell mit Fingerabdruck, NFC, Smartphone und 3D-Gesichtserkennung; höher ausgestattete Varianten integrieren zusätzlich einen HD-Türspion.

Auch hier gilt: Was in anderen Hallen unter Edge Analytics, Smart Access oder intelligentem Gebäudemanagement diskutiert wird, findet sich in Halle 2 ebenfalls. Asiatische Hersteller treten damit zunehmend nicht nur über günstige Hardware, sondern über eigene Analysefunktionen und Systemarchitekturen in den Wettbewerb.

Trend 3: Sicherheit wird drahtloser, mobiler und autarker

Ein dritter Trend zieht sich ebenfalls durch die gesamte Messe: Sicherheitslösungen sollen schneller installiert, leichter nachgerüstet und unabhängiger von klassischer Infrastruktur werden.

Die Beispiele in Halle 2 sind zahlreich. Guangdong Roule zeigt eine solarbetriebene WLAN-Kamera mit KI-Personenerkennung, Akku, lokaler Speicherung und TuyaSmart-App. Mearis V7 SSL kombiniert Akku und Solarmodul sogar mit 4G und kontinuierlicher Aufzeichnung.

Roombanker verfolgt einen anderen Ansatz und baut vollständige drahtlose Sicherheitsarchitekturen auf. Sein neuer Dual-Tech-Melder kombiniert PIR und Mikrowelle und kommuniziert über das eigene verschlüsselte Funkprotokoll über Entfernungen von bis zu 3,1 Kilometern im Freifeld. Der zugehörige Hub verbindet Mobilfunk, WLAN und Ethernet.

Starrysea zeigt wiederum, dass selbst die Energieversorgung Teil des vernetzten Sicherheitssystems wird. LiFePO4-Batterien für mobile Videotürme und Off-Grid-CCTV verfügen über CAN- und RS485-Kommunikation. Ladezustand und Batteriezustand können aus der Ferne überwacht werden – ein wichtiges Thema für Baustellenüberwachung, Perimeterschutz oder abgelegene Infrastruktur.

Interessant für Europa ist besonders der zunehmende Retrofit-Gedanke. Yimmet View Trading integriert Kameras direkt in vorhandene LED-Leuchten beziehungsweise deren Montagepunkte. Zusätzliche Bohrungen und separate Stromleitungen können dadurch entfallen. Je nach Modell stehen 2K-Video, Nachtsicht, KI-Erkennung, App-Zugriff und Cloud- oder lokale Speicherung zur Verfügung.

Zhuhai Rongtai wiederum nutzt bei seiner Zwei-Draht-IP-Videotürkommunikation vorhandene Leitungsstrukturen in Bestandsgebäuden, während Bedienung und Fernzugriff bereits IP- und smartphonebasiert erfolgen. Guangdong Sangong geht noch einen Schritt weiter und zeigt NFC-Schlösser ohne eigene Batterie sowie Systeme, die die für ihre Funktion benötigte Energie selbst erzeugen.

Gerade diese Ansätze können für den europäischen Gebäudebestand interessant werden. Denn Digitalisierung ist dort häufig weniger eine Frage des Neubaus als der wirtschaftlichen Nachrüstung bestehender Infrastruktur.

Auch bei Standards rückt Europa näher

Dass Halle 2 nicht nur auf außereuropäische Märkte zielt, zeigen außerdem zahlreiche Produkte, die sich an internationalen oder europäischen Anforderungen orientieren.

Keywood präsentiert einen linearen optischen Rauchmelder nach EN 54-12 für große Hallen und hohe Räume. Jixin verweist bei seinem elektronischen Schließzylinder auf eine bestandene SKG-Prüfung zum Bohrschutz. Bei WUXI GMB finden sich Hochsicherheitszylinder mit TS007-Prüfung durch BSI sowie elektronische Zylinder, Smart Locks und biometrische Modelle, für die der Hersteller ebenfalls EN- und SKG-Prüfstandards nennt.

Hunan Jinzheng setzt mit einer UL-gelisteten Tresortür und modularen Tresorräumen auf international nachvollziehbare Widerstandskriterien. Selbst bei Komponenten stehen Anforderungen professioneller Märkte stärker im Vordergrund: Teamsworld fertigt kundenspezifische Kameragehäuse bis IP66/IP67 und IK10 und optimiert deren Wärmeableitung ausdrücklich für leistungsfähige Elektronik und KI-Chips.

Das allein macht ein Produkt noch nicht automatisch für jeden europäischen Markt geeignet. Es zeigt jedoch, dass zahlreiche asiatische Hersteller ihre Entwicklung zunehmend an den Anforderungen internationaler Projekte ausrichten.

Eine andere Herstellerwelt – aber dieselbe technologische Richtung

Das macht Halle 2 zu einem spannenden Gegenpol innerhalb der Security Essen. Die Herkunft der Unternehmen, ihre Markenbekanntheit und ihre Position innerhalb der Wertschöpfungskette unterscheiden sich teilweise deutlich von den etablierten Anbietern anderer Hallen. Die technologische Richtung dagegen kaum.

Auch hier geht es um offene Schnittstellen statt Insellösungen, Plattformen statt Einzelgeräte, KI im Endgerät, biometrische Identifikation, mobile Berechtigungen, IP-Vernetzung, Cloud- und App-Steuerung sowie drahtlose und energieautarke Systeme.

Daneben bleibt die traditionelle Stärke asiatischer Hersteller sichtbar. Halle 2 bietet weiterhin Kabel, Netzteile, Kameragehäuse, Motoren, Safes, Zylinder, Poller und andere Komponenten. Doch gerade diese industrielle Basis könnte ein Vorteil sein: Elektronik, Mechanik, Sensorik und Software wachsen zunehmend zusammen.

Die Halle erzählt deshalb auch eine Geschichte über den Wandel der Anbieter selbst. Viele Unternehmen wollen nicht mehr ausschließlich Komponenten für andere Marken liefern. Sie entwickeln eigene Systeme, Plattformen und Benutzeroberflächen und bewegen sich damit näher an Integratoren und Endkunden heran.

Für den europäischen Sicherheitsmarkt ist das eine Entwicklung, die man nicht unterschätzen sollte. Nicht jede der in Halle 2 gezeigten Lösungen wird sich in Europa durchsetzen, und Anforderungen an Zertifizierung, Cybersecurity, Datenschutz, Service und langfristige Produktpflege bleiben hohe Eintrittshürden. Doch die technologische Distanz wird kleiner.

Halle 2 ist auf der Security Essen 2026 deshalb tatsächlich eine andere Welt – allerdings vor allem auf der Anbieterseite. Bei den großen technologischen Trends ist sie längst Teil derselben Welt wie die übrige Messe. Und einige der dort gezeigten Lösungen könnten für den europäischen Markt schneller interessant werden, als es die heute noch vergleichsweise geringe Bekanntheit vieler Hersteller vermuten lässt. [CN/ML]

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